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Missbrauch in Lügde

155 Datenträger fehlen: Beweisstücke verschwunden

Düsseldorf/Lügde

Immer neue Ungereimtheiten im Missbrauchsfall Lügde: Erst jetzt wird bekannt, dass Beweismaterial verschwunden ist.

Hilmar Riemenschneider, mit dpa

Foto: Christian Mathiesen

Im Fall des massenhaften Kindesmissbrauchs auf einem Campingplatz in Lügde hat Innenminister Herbert Reul (CDU) eine schwere Polizeipanne eingeräumt. Aus den Räumen der Kreispolizei Lippe sind offenbar bereits im Dezember ein Koffer und eine Hülle mit 155 CDs und DVDs verschwunden, die die Ermittler im Wohnwagen des Haupttatverdächtigen gefunden hatten.

Nach einer ersten Sichtung seien auf den Datenträgern Software, Musik sowie Fotos enthalten gewesen. „Kinderpornografisches Material wurde bei dieser Erstsichtung nicht fest­gestellt“, sagte Reul. Ihn ­mache der Vorfall fassungslos: „Man muss hier von Polizeiversagen sprechen.“

Er habe erst am Montag vom Verschwinden der Beweisstücke erfahren, aufgefallen sei das aber bereits am 20. Januar. Der Innenminister hat einen Sonderermittler des LKA zusammen mit vier erfahrenen Kriminalbeamten in die Kreispolizei Lippe entsandt. Sie sollen nach den Datenträgern fahnden und die Beamten vor Ort befragen. Bereits jetzt hätten sie „schwere handwerkliche Fehler bei der Auswertung der Asservate festgestellt“.

So sei der Raum, in dem die Datenträger gesichtet und nachher aufbewahrt wurden, nicht standardmäßig über eine Zugangskontrolle ge­sichert gewesen, berichtete LKA-Direktor Dieter Schürmann. Das Material hätte dort auch nicht gelagert werden dürfen.

Der Landrat des Kreises Lippe, Axel Lehmann, betonte, auch er habe erst zu Wochenbeginn von dem Verschwinden erfahren und sofort einen Kommissariats­leiter mit der Aufklärung betraut. Reul betonte, nach Auskunft der Kripo Bielefeld, die die Ermittlungen übernommen hat, liege aus­reichend Beweismaterial vor, um die Tatverdächtigen auch ohne die verschwundenen Datenträger zu überführen.

Bereits 2016 sollen zwei Hinweise auf sexuellen Missbrauch bei der Polizei Lippe eingegangen sein. Nach Telefongesprächen mit den Zeugen leiteten die Beamten die Hinweise an das Jugendamt weiter. Weitere Schritte blieben aber aus. Die Staatsanwaltschaft Detmold ermittelt daher auch gegen die Polizei. Gegen eine weitere Person wird wegen des Verdachts der Datenlöschung ermittelt. Gegen diesen Verdächtigen führt die Staatsanwaltschaft ein Ermittlungsverfahren wegen Strafvereitelung. Geprüft wird, ob die Person Daten für einen der drei Hauptverdächtigen gelöscht hat und ob damit eine Bestrafung verhindert werden sollte.

Kommentar: Vertrauen erschüttert

Als Innenminister Reul im Fall Lügde nach den ersten Polizeipannen nichts ausschließen wollte, war er nur vorsichtig. Mehrere Hinweise auf den jahrelangen Kindesmissbrauch waren ins Leere gelaufen, weil niemand sie angemessen ernst nahm. Doch jetzt ist der Minister mit einem absoluten Super-GAU konfrontiert: Dass ausgerechnet in diesem erschütternden Fall Beweisstücke aus einer Polizeiwache verschwinden, erreicht eine kaum fassbare Dimension.

Reul spricht zu Recht von „Polizeiversagen“, wenn ­klare Regeln, wie man Asservate auswertet und sichert, nicht eingehalten wurden. Zu denken gibt auch, dass das Verschwinden der Datenträger so lange unter der Decke blieb. Ob sie entwendet oder verloren wurden, bleibt unklar – das stimmt zusätzlich unruhig.

Damit ist Reul an den Abgründen seines Amtes angekommen: Der Vorgang, auch wenn er ein Einzelfall ist, erschüttert das Vertrauen in die Ordnungsmacht Polizei. Alle Zweifel auszuräumen, alle Lehren zu ziehen, wird für den Minister ein Kraftakt. Und zwar ein teurer: Denn die Forderung der Gewerkschaft der Polizei nach mehr I T-Experten für Fälle wie Lügde erscheint in einem neuen Licht. Gute Leute kommen nur für gute Gehälter. Hilmar Riemenschneider

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