1. www.wn.de
  2. >
  3. NRW
  4. >
  5. Attendorn: Mädchen (8) wächst eingesperrt auf

  6. >

Sauerland

Mädchen (8) wächst eingesperrt auf

Attendorn

Ein heute acht Jahre altes Mädchen aus Attendorn hat laut Behörden die vergangenen sieben Jahre in seinem Zimmer verbringen müssen. „Das Kind wusste nicht, wie ein Wald aussieht. Es ist ohne Kontakt zur Außenwelt aufgewachsen“, sagte Oberstaatsanwalt Patrick Baron von Grotthuss. Mitarbeiter von Polizei und Jugendamt hätten das Mädchen am 23. September befreit.

Von Christian Althoff

Mitten in einer Attendorner Wohnsiedlung wuchs das Kind  in diesem Haus eingesperrt auf.  Foto: Altmann

Das Motiv kennen die Behörden noch nicht. Das Mädchen – nennen wir es Mara G. – sei nicht aktiv körperlich misshandelt oder missbraucht worden, erklärte der Oberstaatsanwalt. „Es ist auch nicht unterernährt. Aber natürlich hat es körperliche Folgen, wenn man sich sein Leben lang nicht ausgiebig bewegen kann.“

Das Drama spielte sich in einem Zweifamilienhaus ab, das mitten in einer Wohnsiedlung liegt.    Hier lebte Mara mit ihrer Mutter und ihren Großeltern, denen das Haus gehört.

Eltern getrennt

Als Mara 2013 zur Welt kam, hatten sich ihre Eltern bereits getrennt, standen aber noch in Kontakt. Nach etwa einem halben Jahr will der Vater einen Zettel hinter dem Scheibenwischer seines Wagens gefunden haben, auf dem die Mutter des Mädchens geschrieben haben soll, sie wandere mit dem Kind nach Italien aus. Italien – das ist die Heimat von Maras Großvater, bei dem sie in Attendorn lebte, dort hat die Familie Verwandte. Anfang 2015 meldete sich die Frau dann in Deutschland ab und hinterließ eine italienische Adresse.

Mutter schottet sich ab

„Nach unserem bisherigen Ermittlungsstand wurde nicht nur das Mädchen zu etwa diesem Zeitpunkt eingeschlossen. Auch die Mutter entschied sich offenbar nach einiger Zeit dafür, das Haus in Attendorn nicht mehr zu verlassen“, sagt Oberstaatsanwalt Baron von Grotthuss.

Der Vater des Kindes hatte Maras Mutter Ende 2015 noch einige Male in Attendorn gesehen. Weil ihm das komisch vorkam, soll er das Jugendamt informiert haben, das die Großeltern befragt haben soll. Die sollen aber erklärt haben, ihre Tochter sei nur zu Besuch dort gewesen.

Anonyme Hinweise

Die Jahre gingen ins Land, und niemand bemerkte etwas von dem Schicksal des eingesperrten Mädchens. „Man denkt nicht, das so etwas in einem kleinen Ort im Sauerland möglich ist, aber es ist wohl so gewesen“, sagt der Sprecher der Staatsanwalt. Es habe zwar gelegentlich anonyme Hinweise an das Jugendamt gegeben, aber Nachfragen der Behörde hätten die Großeltern zerstreut. Sie verweigerten auch den Zugang zum Haus – auch der Polizei. Und einen Durchsuchungsbeschluss gab es jahrelang nicht.

Das Jugendamt will auch immer wieder mal Post nach Italien geschickt haben, die angeblich nicht zurückgekommen sei. Dagegen gab Maras Vater an, seine Päckchen an das Mädchen seien immer zurückgeschickt worden. Schließlich habe er seine Versuche der Kontaktaufnahme aufgegeben,

Verwandter gibt Tipp

Dass Mara aus ihrem Gefängnis befreit werden konnte, verdankt sie einemOnkel. Er und seine Frau hatten eine Italienreise unternommen und dabei auch Verwandte besucht, bei denen Mara und ihre Mutter leben sollten. Die Verwandten sollen erstaunt erklärt haben, Maras  Mutter sei noch nie dort gewesen, man habe sie aber mal telefonisch in Attendorn erreicht.

Befreites Kind staunt

Der Verwandte war alarmiert und ging in Deutschland zur Polizei. Die stand schließlich mit einem Durchsuchungsbeschluss vor dem Haus in Attendorn. Der Oberstaatsanwalt: „Als das Mädchen aus dem Haus geholt wurde, saß es im Garten und staunte, wie groß die Welt ist.“ Das Mädchen wurde in die Kinderklinik Siegen gebracht und eingehend untersucht. Dort sagte das Mädchen nach Angaben der Behörden, es habe noch nie eine Wiese oder einen Wald gesehen oder in einem Auto gesessen. Angeblich soll das Mädchen auch Schwierigkeiten gehabt haben, eine Treppe zu benutzen. „Trotzdem geht es ihm den Umständen entsprechend gut“, sagt Patrick Baron von Grotthus. Das Mädchen lebe jetzt in einer Not-Pflegefamilie und werde vom Jugendamt betreut. Was das Nichterlebte für die Psyche des Kindes bedeutet, ist noch völlig unklar. „Das Mädchen ist ja ohne jeden äußeren Sozialkontakt aufgewachsen. Kindergarten, Schule – das hatte es alles nicht.“

Die Täter schweigen

Gegen die Mutter und die Großeltern – sie alle sind Deutsche – wird jetzt ermittelt. Weil es keine Haftgründe gibt, leben sie weiter in ihrem Haus. „Alle drei schweigen zu den Vorwürfen“, sagt Baron von Grotthuss.

Startseite