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Spendenaktion für zerstörte Kindergärten

Das trostlose Flair eines kargen Rohbaus

Dernau

Die Bilder ähneln sich – und doch steckt hinter jeder Fassade im Ahrtal ein anderes Schicksal. Mitte Juli brachte eine riesige Flutwelle Verwüstung und Tod. Unsere Leser haben bis Freitag 475.639 Euro für zwei Kitas im Katastrophengebiet gespendet. Wie ist die Lage vor Ort? 

Von Gunnar A. Pier

„Herzlich willkommen“: Die bunte Girlande hat die Fluten überlebt und ist nun ein seltener Farbtupfer in der ansonsten so kargen Kita St. Johannes in Dernau an der Ahr. Doch bis Leiterin Margot Hess und ihr Team hier wieder Kinder willkommen heißen können, werden Monate oder gar Jahre vergehen. Foto: Gunnar A. Pier

Auf einer Bank hinter dem Haus steht eine Kiste mit Duplo-Steinen. Eigentlich nicht ungewöhnlich, das Haus ist ja eine Kita, aber dass sie auf den ersten Blick so leuchtend bunt ins Auge fallen, betont die triste Szenerie: Es gibt keine Farbe mehr in dieser Kita, alles ist grau und braun und staubig und traurig. „Das war mal mein schönes geheiligtes Reich“, sagt Leiterin Margot Hess. Dann kam die Flut und nahm alles mit. Das Spielzeug, die Erinnerungen, aber nicht den Mut.

Mittwoch, 14. Juli 2020. Es ist mal wieder Hochwasser angekündigt. Margot Hess baut Überstunden ab, um zu Hause den Krempel aus dem Keller ins Erdgeschoss zu holen. Routine in den Orten an der Ahr südlich von Bonn. Nachmittags schickt sie noch eine Nachricht an die Kita-Eltern: Stellt euch auf eingeschränkten Betrieb am Donnerstag ein! Denn wenn das Wasser zu hoch steigt, können vier Erzieherinnen nicht zur Arbeit kommen, auch Hess’ Heimatort Mayschoß ist dann eine Insel. Alle wissen das, kein Problem.

Das Ahrtal hat den Mut nicht verloren

Doch dann kommt das, was als Jahrhundertflut in die Geschichte ein­gehen wird. Das Wasser steigt und steigt, Margot Hess muss mit ihren Schwiegereltern (86, 92) ins zweite Obergeschoss flüchten, während unten Öltanks und Baumstämme gegen die Hauswand krachen. Später werden sie von der Feuerwehr per Leiter gerettet. „Ich habe nichts mehr, ich habe hier gespendete Klamotten an“, sagt sie. Derzeit wohnt sie bei ihrer Tochter.

Während sich bei Margot Hess zu Hause Dramen abspielten, wurde viereinhalb Autokilometer flussaufwärts auch der 2000-Einwohner-Ort Dernau geflutet. Und ­damit die Kita St. Johannes der Apostel, ein unschein­barer Bau im Wohngebiet vier Gehminuten von der Ahr entfernt.

Jetzt, gut drei Wochen ­später, durchweht das Gebäude das trostlose Flair eines kargen Rohbaus. Irgendwelche Helfer waren hier wie überall in der Gegend fleißig. Der Schlamm ist raus, das zerstörte Mobiliar längst abtransportiert. Auf den Fensterbänken vor den von den Wassermassen geborstenen Scheiben stehen Flaschen mit schlammigen Hand­abdrücken, im Waschraum steht ein alter Schrubber – Überbleibsel der Aufräumarbeiten.

Das Gebäude, so viel steht bereits fest, kann gerettet werden. Doch das Leben ist raus. Das Spielzeug ist weg. Auf den Kindertoiletten liegt noch Schlamm. Der vor einem halben Jahr ein­gerichtete Montessori-Raum ist spurlos verschwunden. Und von den bunten Bildern, die die Kinder gemalt hatten, pappen nur noch wenige an den kahlen Wänden. Viele hingen halb im Wasser.

Drei Wochen nach der Flut ist die Ahr in Dernau ein friedliches Flüsschen. Doch am 14. Juli zerstörte sie Gebäude und Brücken. Wo heute Baulücken zu sehen sind, standen zuvor noch Häuser. Foto: Gunnar A. Pier

„Das Schlimmste“, fällt Hess plötzlich ein, „ist aber: Die Portfolio-Ordner sind weg!“ Über Jahre dokumentieren die Mitarbeiterinnen in dicken Mappen das komplette Kita-Leben eines jeden Kindes. Mit Fotos, Texten, und selbstgebastelten Werken der größer werdenden Kleinen. Eine liebevolle Erinnerung, die sich durch nichts ersetzen lässt: weg, einfach weg. Hess schießen Tränen in die Augen.

Spendenkonto bei der Sparkasse Münsterland Ost

Doch den Mut hat im ­Ahrtal kaum jemand ver­loren. Auch Margot Hess und ihr Team blicken nach vorne. Kurz nach der Flut begannen die Kita-Ferien, aber Montag in einer Woche geht es wieder los. Das Gebäude in Dernau können sie erst mal vergessen – stattdessen wird ein Provisorium in einer Grundschule im nahen Holzweiler eingerichtet. „Das Wichtigste ist, dass die Kinder ein bisschen Normalität zurück­bekommen“, sagt Hess. Sie müssen ihre Freunde treffen, ihre Erzieherinnen als Bezugspersonen in den Arm nehmen. Das ist der erste Schritt zurück ins alte Leben. Irgendwann wird dann auch das Gebäude saniert sein. Dann können sie die Duplo-Steine wieder reinholen.

Video aus Dernau, aus den Tagesthemen vom 11. August:

Die St.-Pius-Kita wird abgerissen

Es sind nur wenige Meter von einer der letzten verbliebenen Ahr-Brücken in Bad Neuenahr-Ahrweiler bis zum Pfarrzentrum St. Pius. Es stand damit definitiv zu nah am Fluss, als das Hochwasser kam. Alle Gebäude wurden geflutet – und heute steht fest: Pfarrheim, Pfarrhaus und die Kita müssen abgerissen werden, nur für die bis heute knöchelhoch mit Schlamm gefüllte Kirche gibt es Hoffnung. Das Kita-Gebäude gibt ein jämmerliches Bild ab.

Die Scheiben sind raus, eine Wand wurde von den ­Wassermassen komplett ein­gedrückt. Das meiste Mobiliar liegt als großer Sperrmüll-Haufen auf dem Platz davor, an den Wänden hängen noch wenige Relikte der bunten Kinderfröhlichkeit, die hier mal herrschte. 80 Plätze bietet die Kita, die genau auf der Grenze zwischen den Ortsteilen Bad Neuenahr und Ahrweiler liegt. Derzeit sind noch ­Ferien, am Montag geht es wieder los – im Nebenraum einer alten Schule in Leimersdorf, sieben Kilometer den Berg hinauf. Ob, wann und wie die Kita neu gebaut wird, ist noch völlig unklar.

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