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Abtei Königsmünster

Der Mönch ist der Schmied

Die Pater der Abtei Königsmünster sind im Durchschnitt 53 Jahre alt und damit geradezu blutjung für ein Kloster. Die Abtei ist auch sonst ein besonderer Ort. Das liegt nicht zuletzt an Pater Abraham, dem Prior, Metallbaumeister und Designer des Klosters.

Annegret Schwegmann

Die Vollendung der Schmiedekunst: Pater Abraham mit einem Schwert aus Damaszenerstahl. Ein solches Schwert verkauft die Klosterschmiede aber nicht. Sie hat sich auf Gürtelschließen und Schmuck aus Damaszenerstahl spezialisiert. Foto: Wilfried Gerharz

Kürzlich hat Pater Abraham einen Gast durch den Klostergarten begleitet. Der Mann sog die kalte Winterluft mit einem tiefen Zug ein und wandte sich dann an den Prior der Abtei. „Hier ist es so wunderbar ruhig. Hier kann ich durch­atmen. Zu Hause gelingt mir das nicht.“ „Mir auch nicht“, gab ihm Pater Abraham zur Antwort und spürte den verblüfften Seitenblick fast körperlich.

Das Gespräch zeigte ihm wieder einmal, dass sich das Klischee des Klosters als verklärter Ort noch immer hartnäckig hält. Dabei stehen die 50 Brüder der Benediktiner-Abtei im Sauerland mitten im Leben – beidbeinig mit viel Gebet und viel Arbeit.

115 Mitarbeiter beschäftigt

Pater Abraham beispielsweise könnte sich, wenn er wollte, sehr ausführlich fremden Menschen gegenüber vorstellen: Er ist Prior der Abtei Königsmünster in Meschede und damit Stellvertreter des Abtes. Zudem steht er dem Kloster als ­Wirtschaftsleiter vor und hat damit einiges zu tun.

Die Benediktiner beschäftigen 115 Mitarbeiter in ihren Gästehäusern und Werkstätten. Hinzu kommen 70 Beamte und Angestellte, die im zur Abtei gehörenden Gymnasium arbeiten. Das könnte schon reichen, tut es aber nicht: Pater Abraham ist zudem Metallbaumeister und Chef der Klosterschmiede. Und Designer ist er auch, wenngleich er sich nicht so nennen ­würde. Er zieht „angewandter Gestalter“ vor.

Pater Abraham

Ein frostiger Januartag. Am frühen Morgen hat es geschneit – deutlich zurückhaltender, als von den Meteorologen an­gekündigt. Der Schnee hat sich längst in einen grauen, an manchen Stellen tückisch glitschigen Matsch verwandelt, durch den Pater Abraham und seine beiden Gäste vorsichtig vom Kloster zur Schmiede gehen. „Zacharias“ hebt schläfrig ein Augenlid, als der Pater in den Schauraum der Schmiede tritt.

"Zacharias" gehört für Pater Abraham zur Designwerkstatt. Foto: Wilfried Gerharz

Der 52-Jährige krault das lange Fell seines Katers, einem ­besonders hübschen Vertreter der Maine-Coon-Züchtung. Eine Rassekatze im Kloster? „In eine Designerwerkstatt gehört eine Designkatze“, sagt der Pater und lächelt noch ein bisschen breiter, als er erzählt, dass „Zacharias“ und er unlängst in der Zeitschrift „Geliebte Katze“ zu ­sehen waren. „Zacharias“ füllt seine Mi­kro­pausen aus. Wenn er ein paar Minuten Zeit hat, kommt er in die Schmiede und krault das Tier.

Die Kreativität des Erfinders

„Zacharias“ liegt auf einem Stuhl, den Pater Abraham entworfen hat, und der vor einem Tisch steht, den – man ahnt es – der Benediktinermönch gleichfalls designt hat. In diesem Schauraum atmet jedes Exponat die Kreativität seines Erfinders. Die ­Kreuze, die sich in einem Netz aus Edelstahl befinden und sich bei jedem Windzug wie Mobiles bewegen. Die Hostiendosen aus Titan, das zu schmieden Aufgabe von echten Profis ist.

„Titan ist unglaublich zäh“, sagt Pater Abraham. Für die Dosen färben die Männer der Schmiede das Metall mit Strom und erzeugen so den Eindruck, als schimmere die Dose immer anders, je nachdem, wie sie bewegt wird und in welchem Winkel das Licht auf sie fällt. Der Metallbaumeister hat Gürtelschnallen und Schmuck aus Damaszenerstahl entworfen, dem kostbarsten und handwerklich aufwendigstem Material, das ein Schmied herstellen kann. In einer Vitrine liegen Ringe und kleine Kreuze aus Edelstahl.

Konzepte für Kirchen

Für Kirchen erstellt er Konzepte für Altäre und Lesepulte und gilt in der Metallbauerbranche als ein Mann der sehr modernen Entwürfe. „Historismus“, sagt er, „brauchen wir nicht.“ Mit Kommunion­kreuzen, auf denen sich Weintrauben aus Metall befinden, oder Kreuzen aus Bronzeguss ist heute kaum mehr ein Kunde zu erreichen.

Die Geschäfte laufen derzeit gut. Pater Abraham delegiert viele Arbeiten an andere Partnerwerkstätten, weil die acht Männer, die in der Schmiede arbeiten, das Pensum längst nicht mehr allein bewältigen können. In der Werkstatt hinter dem Schauraum hat Joshua Schirmer gerade mehrere Stahlstäbe ins Feuer gelegt. Auf 600 Grad heizt er das Schmiedefeuer auf.

Die Geschäfte laufen so gut, dass die Arbeiter in der Schmiede gar nicht hinterherkommen. Foto: Wilfried Gerharz

Die ersten Büroklammerhalter hat er bereits geformt, Spiralen, die demnächst auf Schreibtischen stehen sollen und gedreht und angestupst werden können, wenn den Menschen, die davor sitzen, gerade nichts einfällt. Joshua ist Auszubildender und der festen Überzeugung, dass er es besser nicht hätte treffen können. Wie er das meint? „Letztens habe ich gefragt, ob ich einen Kerzenständer für mich machen kann. Hier ist das so, dass sich der Chef nach Feierabend gleich dazusetzt und mit mir ein Konzept entwickelt.“

Pater Abraham

Das ist das, was Pater Abraham meint, wenn er sagt, dass sich Arbeitgeber anstrengen müssen, wenn sie junge Menschen für das Handwerk begeistern wollen. „Man muss bereit sein, sie dort zu unterstützen, wo sie unsere Hilfe brauchen.“ Um so wie er zu erfahren, dass Handwerk „etwas Großartiges“ ist. „Es verschafft das, was uns gesellschaftlich heute fehlt – Zufriedenheit.“

Das hat er gerade noch erfahren, als sein Mitbruder Damian sagte „Wir haben nichts zu Ostern“. Was so viel bedeuten ­sollte wie: „Abraham, lass dir etwas einfallen.“

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