1. www.wn.de
  2. >
  3. NRW
  4. >
  5. Christof Ewertz von der Lebensberatung erwartet eine Welle psychischer Probleme

  6. >

Spendenaktion für Flutopfer

Christof Ewertz von der Lebensberatung erwartet eine Welle psychischer Probleme

Bad Neuenahr-Ahrweiler

Die Aufräumarbeiten laufen noch in den Regionen, die von der Flutkatastrophe am 14. Juli 2021 getroffen wurden. Doch eine zweite Welle mit Problemen kündigt sich an: Die Traumabewältigung der Menschen. Wie geht es ihnen derzeit? Ein Gespräch mit Christof Ewertz von der Lebensberatung in Ahrweiler.

Von Gunnar A. Pier

Die Wände in den Therapieräumen der Foto: Gunnar A. Pier

Im Erdgeschoss eines Altbaus in der Innenstadt von Ahr­weiler hatte die Lebensberatung des Bistums Trier mal ihre Therapieräume. Sie wurden ein Opfer der Flut. Doch die Büros im ersten Obergeschoss sind unbeschadet. Dort bereiten sich die Mitarbeiter auf die Aufarbeitung der Flutkatastrophe vor. Unser Redaktionsmitglied Gunnar A. Pier hat vorbeigeschaut und Leiter Christof Ewertz nach der psychischen Verfassung der Menschen gefragt.

Herr Ewertz, wie ist im Moment die psychische Verfassung der Menschen hier – haben sie schon ein Problem, oder warten sie noch darauf?

Ewertz: Die haben ein ­dickes Problem, sie sind mitten in einer Katastrophe. Sie haben es zum Teil noch gar nicht richtig gefasst und funktionieren einfach nur. Es sind immer noch ganz viele dabei, Putz und Estrich rauszustemmen. Die sind unwahrscheinlich in Aktion und zugleich in der Angst, ob das Haus überhaupt zu retten ist. Es gibt aber auch viele, die Verluste zu be­klagen haben, die Menschen verloren oder Entsetzliches gesehen haben. Man muss keinem sagen, dass es Menschen verändert, wenn sie in der Nacht Kinder in der Flut wegtreiben sehen. Das bleibt nicht ohne Folgen.

Welche Art von Problemen treibt die Menschen um?

Ewertz: Wir haben neulich ein Gruppenangebot für ehrenamtliche Helferinnen und Helfer gestartet. Da war von allem etwas dabei: Von Überlastung und Erschöpfung bis zu schweren traumatischen Erlebnissen. Zurückgemeldet wurde uns: Tagsüber klappt das, da sind wir in Aktion, das schaffen wir. Viele setzen dieses Arbeiten, diesen Eifer ein, um sich bewusst abzulenken und nicht ins Nachdenken zu kommen. Aber sobald sie zur Ruhe kommen, wird es schwer. Das wird übrigens noch zunehmen, das wird stärker: Eines Tages ist das große Räumen beendet, dann ist eigentlich alles getan, was man tun konnte. Die Projekte der WN-Spendenaktion für Kitas im Hochwasser-GebietGunnar A. Pier

Also glauben Sie, dass die Zeit der großen psychischen Probleme noch kommt?

Ewertz: Ja, die wird kommen. Ich denke, das wird im Herbst so sein. Und die Weihnachtszeit wird hart besonders für Familien, die Opfer oder Vermisste zu beklagen haben, bei denen klar ist: Die werden nicht zurückkommen. Wenn die Lage sich beruhigt, kommen die Leute zum Nachdenken, sie werden auch von ihren existenziellen Sorgen eingeholt.

Wie zeigt sich das bei den Menschen?

Ewertz: Ganz unterschiedlich. Oftmals geht es mit Schlafstörungen los, sie können nicht abschalten, reagieren überreizt. Typische Symptome sind Überlastungsstörungen. Wir werden auch noch sehen, wie sich das auf Familien auswirkt, in denen etwa nur einer diesen hohen Leidensdruck verspürt. Dann kann es auch innerhalb einer Familie zu Spannungen kommen.

Spendenkonto

Wie sieht es bei Kindern aus?

Ewertz: In den Kitas und Schulen machen sie sich zu Recht Sorgen, wie es nach den Sommerferien wird. Die Kolleginnen und Kollegen sind zum Teil selbst betroffen. Und jetzt fragen sie sich: Wie reagieren die Kinder? Sie sehen: Die Kinder reagieren ganz anders. Wenn es regnet, gehen sie plötzlich direkt in eine Starre. Aber Kinder leben auch mehr als Erwachsene im Hier und Jetzt: Sie erschrecken sich jetzt, aber können gleich drauf wieder spielen.

Was können Sie den Menschen sagen?

Ewertz: Wir können versuchen, die Menschen zu stabilisieren. Wir können ihnen klarmachen: Es ist ganz normal, was mit mir passiert. Es ist ganz normal, dass ich auf so eine schlimme Erfahrung nicht normal reagiere. Aber wir sind eine Beratungsstelle und kein therapeutischer Dienst. Wir können nur die Übergangsphasen begleiten – es gibt ja gar nicht so viele Psycho­therapeuten und Kliniken, um diese Menge an Bedarfen auf einen Schlag zu versorgen. Da wird es Wartezeiten geben – und da kommen Beratungsstellen wie wir ins Spiel.

Als die Kita Blandine-Merten-Haus in Bad Neuen­ahr nur eine Woche nach der Flut zum Aktionstag ­auf­gerufen hat, kamen 150 Helfer.

Ewertz: Das ist wirklich ­irre, das haben wir hier auch im eigenen Haus erlebt. Es kommen Leute aus ganz Deutschland, und das aus unterschiedlichen Motivationen. Es sind zum Beispiel Leute hier, die das bei der Oder-Flut erlebt haben und sagen: Wir wollen zeigen, dass man das wuppen kann. Manche sagen: Uns geht‘s auch nicht gut, aber den Menschen hier geht es noch schlechter. Das darf übrigens auch Spaß machen: Sie ­sehen hier ganz viele Leute, die lachen und der Hilfs­aktion fast so etwas wie ein Event-Charakter verleihen.

Startseite