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Hannelore Kraft startet ihre Wahlkampf-Tour in NRW

Heimspiel im Schulz-Land

Aachen/Düsseldorf

Auf einem Zettel hat der weißhaarige Herr seine Fragen an die Ministerpräsidentin notiert. Eine treibt ihn besonders um: Was er seinem Enkel denn bei der Berufswahl raten solle, eine Ausbildung wäre ja etwas Handfestes? Manchmal ist es Alltags- und Lebensberatung, die Hannelore Kraft an diesem frühen Vormittag leisten muss. In Bergisch Gladbach trifft sie zum Auftakt ihrer NRW-Wahlkampftour beim Bürger-Frühstück auf viele Fragesteller, die Themen wie Kinderbetreuung, Notendruck an Schulen, der türkische Präsident Erdogan, Wahlrecht für Ausländer oder Zustände in den Altenheimen bewegen.

Hilmar Riemenschneider

Hannelore Kraft mit Martin Schulz auf der Landesdelegiertenkonferenz in Münster. Der Markenkern der Ministerpräsidentin ist die Rolle als Landesmutter. Sie startete jetzt ihre NRW-Wahlkampftour. Foto: Oliver Werner

Manche treibt nur der persönliche Ärger über zu niedrige Gehälter um. Allen hört Kraft geduldig zu, steigt in Diskussionen ein, gibt Antworten. Nicht immer befriedigend für ihr Gegenüber, wenn sie auf die Tarifhoheit verweisen muss. „Ich freue mich über jede Frage, die ich beantworten kann“, sagt sie später. Das sei ein zufriedener Bürger mehr.

Für Politiker – zumal im Wahlkampf – ist das harte Währung für die Habenseite. Davon lebt Selbstbestätigung. Kraft ist hier unverkennbar in ihrem Element, ihr Markenkern ist die nahbare Landesmutter: „Das ist das Schöne am Wahlkampf, wenn man Zeit hat rauszugehen.“ Auf Tuchfühlung mit den Leuten, sie legt ihrem Gegenüber schon mal die Hand auf den Arm.

Hier drängen sich alle um die Ministerpräsidentin. Als der Gladbacher Bundestagsabgeordnete Nikolaus Kleine dann vom Rückenwind durch Kanzlerkandidat Martin Schulz spricht, fällt ihm Kraft auch gleich ins Wort: Nein, nein – dafür sorge wesentlich die gute Leistungsbilanz der Landesregierung.

Vor der Landtagswahl am 14. Mai kämpft Hannelore Kraft für sich. Hier geht es nicht um SPD-Shootingstar Schulz, hier geht es um die 55-jährige Landesmutter. Als sie nach zwei Stunden wieder in den mit ihrem überlebensgroßen Konterfei beklebten Bus steigt, ist ihr nächstes Ziel das Rheinische Revier: In Elsdorf lernt sie, wie Hunderte Ökostrom-Erzeuger zu einem „virtuellen Kraftwerk“ verbunden werden. In Düren lässt sie sich vom Tanz der Kinder einer Bewegungs-Kita mitreißen. Und abends erwartet sie eine Talkrunde in Aachen. Das ist – gewollt oder nicht – zugleich ihr Statement: Hier ist Schulz vielleicht zu Hause, aber es ist Krafts Terrain.

Im Wahlkampf werden beide einige gemeinsame Termine absolvieren, sechs sind bislang geplant. Sonst marschiert man getrennt. „Auf den Plakaten ist er nicht drauf“, beantwortet Kraft Fragen nach der Rolle des Kanzlerkandidaten. Sie hat nicht nach ihm gerufen. Aber jetzt ist Schulz Bundesvorsitzender der SPD, sie seine Stellvertreterin.

Aber in Nordrhein-Westfalen hat Kraft das Sagen. Hier steht sie für die neuen Versprechen der SPD: Vor allem die beitragsfreie Kita-Kernzeit von 30 Stunden pro Woche findet viel positive Resonanz. Wie morgens beim Bürgertreff nimmt Kraft dies auch abends aus einer Podiumsrunde im Saal eines Aachener Nobel-Hotels mit. „Das hat auch etwas mit Rente zu tun, wenn wir es schaffen, dass mehr Frauen arbeiten gehen können“, argumentiert sie und erntet Beifall.

Ebenso quittiert das Publikum ihre ironische Spitze, als die SPD-Landtagsabgeordnete Eva-Maria Voigt-Küppers erwähnt, sie komme wie Schulz aus dem benachbarten Würselen: „Du trägst auch schon einen kleinen Heiligenschein“, stichelt Kraft. Sie tritt an diesem Abend als Talkmasterin für die Kandidaten, nicht als Rednerin auf. Das soll auflockern, wirkt aber stellenweise hölzern, weil die Runde zu lange um sich selbst zirkelt, das Publikum erst spät einbindet. In zwei Stunden kommen viele Themen aus dem Wahlprogramm auf den Tisch. Es klingt konkreter, als Schulz es gerade bieten kann. Den Trumpf spielt Kraft genüsslich aus.

In Umfragen erzielt sie Zufriedenheitswerte um 65 Prozent, zehn Punkte über Schulz. Der sorgt zwar, das leugnet Kraft nicht, für Auftrieb. Aber gewinnen will sie aus eigenen Stücken. Es ist ihre Wahl.

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