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Katholische Kirche

Historiker: Staat soll Kirche bei Aufarbeitung helfen

Hamburg (dpa)

Der Historiker Thomas Großbölting plädiert für eine staatliche Beteiligung an der Aufarbeitung des Missbrauchsskandals in der katholischen Kirche. «Ich habe den Eindruck, dass selbst einige Verantwortliche in der Kirche mittlerweile sehen, dass sie sich nur schwer am eigenen Schopf aus dem Sumpf ziehen können», sagte der Direktor der Forschungsstelle für Zeitgeschichte in Hamburg am Freitag der Deutschen Presse-Agentur. «Eine staatliche Begleitung dieses Prozesses wäre durchaus hilfreich.»

Von dpa

Großbölting hat eine Studie zum Umgang von Verantwortlichen des Bistums Münster mit Missbrauchsvorwürfen erarbeitet, die am Montag der Öffentlichkeit vorgestellt werden soll.

Der Historiker hob hervor, dass das Weihepriestertum, die priesterliche Ehelosigkeit (Zölibat) und die katholische Sexualmoral Faktoren sein könnten, die Missbrauch und Vertuschung begünstigten. Es sei deshalb absolut richtig, dass sich die deutschen Katholiken derzeit im Rahmen des Reformprozesses «Synodaler Weg» mit diesen Themen beschäftigten.

Allerdings könne man diese Faktoren nicht als direkte Ursachen von Kindesmissbrauch betrachten. 96 Prozent der katholischen Priester würden nicht des Missbrauchs beschuldigt. «Es gibt die Möglichkeit, auch als zölibatärer Mann seine Sexualität so zu leben, dass man nicht zum pädosexuellen Verbrecher wird», betonte der Wissenschaftler. «Wir sind uns noch nicht einmal sicher, ob die katholische Kirche wirklich ein Hotspot sexuellen Missbrauchs ist oder ob es nicht andere gesellschaftliche Teile gibt, in denen ähnlich viel oder mehr Missbrauch stattfindet.»

Bei der katholischen Kirche sei aber auffällig, dass dort dem «heiligen Mann» des Priesters besondere Macht zukomme. «Es gibt keinen direkten Zusammenhang, aber die Machtkonstruktion des Weihepriestertums bietet Möglichkeiten, derer sich pädosexuelle Täter bedienen können. Das ist auf jeden Fall ein sensibler Punkt.»

Während bisherige Missbrauchsstudien von Juristen erstellt wurden, blickt Großbölting als Historiker auf das Thema. «Wir können vielleicht die gesellschaftspolitischen Hintergründe noch stärker ausleuchten», sagte Großbölting. Schon in den 70er Jahren sei beispielsweise von der «Bild»-Zeitung über sexualisierte Gewalt bei den Regensburger Domspatzen berichtet worden, es sei aber damals nicht zum Skandal geworden. «Man hat sich mit diesen Dingen arrangiert.»

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