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Wissenschaft

Historikerin: Russlands Wissenschaftler nicht boykottieren

Düsseldorf (dpa/lnw)

Die Wissenschaftshistorikerin Lorraine Daston erforscht seit vielen Jahren die Geschichte der Wissenschaft. Sie zieht daraus hochaktuelle Schlussfolgerungen - etwa für Russland. Für ihre Forschung erhält sie nun den Gerda Henkel Preis.

Von dpa

Die Wissenschaftshistorikerin Lorraine Daston hält einen Abbruch der Beziehungen zu russischen Wissenschaftlern wegen des Angriffskriegs auf die Ukraine für falsch. «Der Boykott von Wissenschaft hat in der Vergangenheit herzlich wenig erreicht», sagte Daston der Deutschen Presse-Agentur. «Es kann nicht Ziel eines solchen Boykotts sein, der Wissenschaft an sich zu schaden.» Die in Berlin lebende Daston (71) wird am Montag in Düsseldorf mit dem renommierten Gerda Henkel Preis 2020 ausgezeichnet.

«Ich bin der Meinung, dass es wirklich Sinn hat, gerade jetzt die Kontakte mit russischen Wissenschaftlern zu pflegen - vielleicht nicht mit sehr viel Fanfaren, aber stetig und bestimmt», sagte Daston. «Zur Einheit der Wissenschaft gehören auch die russischen Wissenschaftler, nicht nur aus idealistischen, sondern auch aus historischen Gründen.» Wissenschaftliche Institutionen und Hochschulen in Deutschland hatten aus Protest gegen den Ukraine-Krieg den wissenschaftlichen Austausch mit Russland auf Eis gelegt.

Daston nannte als ein historisches Beispiel den Boykott gegen deutsche Wissenschaftler nach dem Ersten Weltkrieg und der Niederlage des Kaiserreichs. 1926 sei der Boykott aufgehoben worden, weil der Physiker Albert Einstein sich quergestellt habe. Einstein sei von dem Boykott zwar nicht betroffen gewesen. Aber er habe sich geweigert, auf Tagungen ohne deutsche Beteiligung zu gehen. «Das hatte Wirkung», sagte Daston. Die deutsche wissenschaftliche Gemeinschaft sei zudem so «stark und lebhaft» gewesen, «dass es keinen Sinn hatte, sie auszuschließen».

Daston zog die Schlussfolgerung: «Wenn man erreichen will, die Wissenschaft zu bestrafen, muss man wirklich gute Gründe haben. Es ist aber nicht klar, dass man gute Gründe hat, die russischen Wissenschaftler zu bestrafen.» So hätten mehrere hundert russische Wissenschaftler öffentlich Stellung gegen den Ukraine-Krieg des russischen Präsidenten Wladimir Putin Stellung bezogen - «mit allen Risiken, die damit verbunden sind».

Wissenschaft könne auch wichtig sein für die Diplomatie, sagte Daston. So hätten während des Kalten Krieges westliche und russische Wissenschaftler in einer wichtigen Datensammlung zum Erdsystem kooperiert. Diese Daten seien heute besonders bei der Erforschung des Klimawandels immer noch wichtig. «Es gab unter bestimmten Eliten regelmäßige persönliche und professionelle Kontakte», so Daston. «Das ist Gold wert in angespannten Verhältnissen.» Anknüpfungspunkte für eine Kooperation mit Russland sieht Daston etwa in der arktischen Forschung.

Der mit 100 000 Euro dotierte Gerda Henkel Preis wird alle zwei Jahre für Forschung auf dem Gebiet der historischen Geisteswissenschaften verliehen. Wegen der Corona-Pandemie war die Übergabe des Preises an Daston verschoben worden.

Die Professorin mit US-amerikanischer und deutscher Staatsbürgerschaft war bis 2019 viele Jahre Direktorin am Max-Planck-Institut für Wissenschaftsgeschichte in Berlin. Zuvor lehrte sie unter anderem an den US-amerikanischen Universitäten Harvard und Princeton sowie in Göttingen.

Daston gelinge es, ihre Forschungen zu Kategorien wie Wahrheit, Beweis oder Tatsache für Debatten der Gegenwart fruchtbar zu machen, hatte die Jury erklärt. Die Spanne von Dastons Publikationen ist breit: von der frühen Neuzeit bis ins 21. Jahrhundert hinein, von den Wunderkammern des Barock bis zur wissenschaftlichen Quantifizierung. Ihr neuestes Buch trägt den Titel «Rules». Darin schreibt Daston über die Geschichte der Regeln in der westlichen Tradition.

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