3G-Abschaltung

Jeder zweite Mobilfunkkunde könnte bald offline sein

Münster/Düsseldorf

Im Münsterland oder in Ostwestfalen gehört es zum täglichen Leid vieler Mobilfunknutzer: Das Smartphone zeigt gerade mal 3G/UMTS bei der Datengeschwindigkeit, oft auch nur noch 2G/Edge an. Es könnte noch schlimmer kommen, fürchtet Matthi Bolte-Richter, Digitalisierungsexperte der Grünen-Fraktion: „Jeder zweite Mobilfunkkunde könnte bald offline sein.“ 

Hilmar Riemenschneider

Landwirt Wilhelm Heine steht an seinem Traktor mit einem Tablet in der Hand. In manchen ländlichen Gebieten gibt es keine Versorgung mit dem schnellen Mobilfunkstandard 4G/LTE. Foto: Felix Kästle/dpa

Denn seit die Mobilfunkkonzerne sich für viele Milliarden Euro einen Teil der zukunftsträchtigen 5G-Lizenzen gesichert haben, geben sie die 3G ­Frequenzen nach und nach auf. Jeder zweite Mobilfunknutzer könnte dies in absehbarer Zeit zu spüren bekommen: 53 Prozent aller Sim-Karten nutzen nach Angaben der Bundesnetzagentur kein 4G/LTE, in dieser Frequenz telefonieren und surfen nur 47 Prozent der Mobilkunden. Gerade Discounter haben ihre Angebote bisher vor ­allem mit 3G bestritten und bieten 4G gar nicht an. ­Europaweit habe Deutschland die schlechteste LTE-Verbreitung, moniert der Grünen-Politiker.

Landesregierung sieht Konzerne in der Verantwortung

Die Landesregierung will sich in diese Entscheidungen der Unternehmen gar nicht erst einmischen, stellt der nordrhein-westfälische Wirtschaftsminister Andreas Pinkwart (FDP) in einer am Montag veröffentlichten Antwort an Bolte-Richter klar. Er hat zwar mit den großen Konzernen einen Mobilfunkpakt für ein möglichst flächen­deckendes 4G-Netz im LTE-Standard verabredet. Da sei aber nicht über den Abbau von 3G-Frequenzen gesprochen worden.

Das sei aber „aus Gründen der Frequenzökonomie grundsätzlich sinnvoll“, schreibt er. Er erwarte, dass die Anbieter ihre Kunden frühzeitig vorwarnen. Die Mobilfunknutzer könnten sich dann etwa in Vergleichsportalen über Angebote informieren.

Übergangsfrist gefordert

„Wer in Zukunft weiter mobil am digitalen Leben teil­haben will, wird gezwungen, auf teurere LTE-Verträge und LTE-fähige Handys umzusteigen.“ Deshalb fordert Bolte-Richter den Minister auf, mit den Konzernen eine Übergangsfrist für die betroffenen Kunden von mindestens zwei Jahren zu vereinbaren.

Im schlimmsten Fall bleibt Mobilfunkkunden nur noch der 2G-/Edge-Frequenzbereich, in dem man noch telefonieren und SMS verschicken kann. Daten fließen hier – wenn überhaupt – nur quälend langsam.

Kommentar; Teurer Fortschritt

In der digitalen Welt ist es der Fluch des Fortschritts: Jede neue Entwicklung macht ältere Produkte und Technologien schnell überflüssig. Für die Hälfte der Mobilfunkkunden bedeutet genau dieser Trend nun eine kostspielige Umstellung auf neue Mobiltelefone, neue Verträge, weil der Ausbau des neuen zukunftsträchtigen 5G-Netzes zulasten der noch immer intensiv genutzten 3G-Frequenzen geht. Es trifft viele Kunden mit preiswerten Discounter-Verträgen, das sind nicht nur Schüler und Studenten. Und Senioren, die komplizierte Smartphones scheuen, müssen sich mit dem dürftigen 2G-Netz abfinden.

Natürlich können die Mobilfunkkonzerne im freien Markt entscheiden, welche Produkte sie anbieten. Es mag dabei zum Kalkül gehören, dass man so unangenehme Billig-Konkurrenz eindämmen kann. Und höhere Umsätze, weil Kunden den Tarif wechseln, helfen mit, die milliardenschweren Frequenzrechte zu bezahlen.

Allerdings darf das nicht dazu führen, dass Kunden durch technische Marktmacht unter Handlungsdruck geraten und in unangemessen hohe Ausgaben gedrängt – oder abgehängt werden. Wirtschaftsminister Pinkwart und Verbraucherschutzministerin Heinen-Esser dürfen da nicht wegsehen. Hilmar Riemenschneider

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