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Aufklärung stößt an Landesgrenze

Jugendamt-Mitarbeiter schweigen zum Fall Lügde

Düsseldorf

Der Untersuchungsausschuss des nordrhein-westfälischen Landtags zum jahrelangen Missbrauch auf einem Campingplatz in Lügde stößt zunehmend an Grenzen der Aufklärung. Bei der fast zweistündigen Zeugenvernehmung einer Mitarbeiterin des Jugendamts Hameln-Pyrmont blieben die meisten Fragen am Dienstag unbeantwortet.

Hilmar Riemenschneider

Auf diesem Campingplatz im ostwestfälischen Lügde kam es jahrelang zu schweren Missbrauchsfällen. Foto: Guido Kirchner/dpa

Alle Appelle fruchten nichts. Von den Mitarbeitern des Jugendamtes des Kreises Hameln-Pyrmont erfährt der Untersuchungsausschuss des Landtags am Dienstag keine Details, keine Gründe, warum Andreas V. über Jahre ungestört ein ihm anvertrautes Pflegekind so lange und unbehelligt auf einem Campingplatz in Lügde sexuell missbrauchen konnte. Dabei gehört es für die Abgeordneten zu den wichtigen Fragen, ob und wie der Fall des massenhaften sexuellen Kindesmissbrauchs früher hätte auffallen können, wenn es kein Kompetenz-Wirrwarr zwischen den Jugendämtern aus Niedersachsen und NRW gegeben hätte. Die Behörde in Hameln-Pyrmont war zuständig, weil das im Zentrum der Taten stehende Pflegekind – wie seine Mutter – vor dem Umzug nach Lügde von ihr betreut wurde. Nach dem Umzug kam auch der Kreis Lippe ins Spiel – aber möglicherweise nicht richtig.

Zwei Mitarbeiterinnen und ihr Vorgesetzter vom Allgemeinen Sozialdienst des Jugendamtes Hameln-Pyrmont sollten als Zeugen über die Familienverhältnisse des Kindes und die Einschätzung des Pflegevaters aussagen. Doch nur eine Zeugin war zu einigen Antworten bereit, die beiden anderen verweigerten jede Aussage, um sich nicht zu belasten. Ermittlungen gegen sie sind eingestellt, trotzdem beharrte ihr Anwalt auf einer vollständigen Aussageverweigerung. Der Ausschuss will dies vom Oberlandesgericht prüfen lassen, kündigte der Vorsitzende Martin Börschel (SPD) an.

Auch bei der bedingt aussagebereiten Zeugin bissen er und die Abgeordneten auf Granit. Denn der sie ebenfalls begleitende Anwalt zog Frage um Frage eine harte Grenze: Vorgänge bei einem niedersächsischen Jugendamt fielen nicht in die Kompetenz des Düsseldorfer Landtags, nur die Zusammenarbeit zwischen beiden Jugendämtern könnte Thema sein. Damit sei sie aber nicht befasst gewesen, sagte die Zeugin, die sich nur eingeschränkt an Details des Falls erinnerte. Als der SPD-Abgeordnete Andreas Bialas die „hypothetischen Aus­sagen“ bemängelte, warnte ihn der Anwalt: „Die Diktion der Fragestellung fördert nicht die Kooperationsbereitschaft.“ Börschel fasste es so: „Es geht nicht darum, ob die Zeugin die Fragen beantworten kann, sondern ob sie will.“

Wie genau und nah die Erinnerungen an einen so prägenden Fall sein könnten, erlebten die Abgeordneten bei einer vierten Zeugin, die für den Pflegekinderdienst die Verhältnisse beim verurteilten Haupttäter Andreas V. auf dem Campingplatz in Lügde begutachtet hatte. „Pädophilie stand von Anfang an im Raum“, verwies die 60-jährige Sozialarbeiterin auf einen Verdacht aus dem Kindergarten des Mädchens. Der Pflegevater sei 50 Jahre und ledig gewesen. Indizien dafür habe sie aber nicht erkannt, auch wenn V. ein erzieherisch problematischer Pflegevater gewesen sei. Vielmehr habe das Mädchen bei den Hausbesuchen normal gewirkt, erst zurückhaltend, später selbstsicherer. „Es war kein sexualisiertes Verhalten bei dem Kind“, sagte die Sozialarbeiterin.

Als der Fall aufgeflogen war, sei sie „natürlich aus allen Wolken gefallen“. Sie habe erst nicht wahrhaben wollen, dass auch das Pflegekind ein Opfer geworden sei. „Ich bin auf den reingefallen“, grämte sie sich unter Tränen.

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