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Neue Erkenntnisse zum Mord in einer Viersener Kita

„Keiner hat das Kind gehört“

Düsseldorf

Im Fall des mutmaßlich ermordeten Kita-Mädchens Greta (3) sind weitere Beschäftigungsverhältnisse der tatverdächtigen Erzieherin ans Licht gekommen. 

Hilmar Riemenschneider

Bemalte Steine und Kerzen lagen nach dem Tod der kleinen Greta vor dem Eingang einer Kindertagesstätte, die das Kind besucht hatte. Foto: Bernd Thissen/dpa

Im Fall des mutmaßlich in einer Viersener Kita ermordeten Mädchens hat das Landesjugendamt Rheinland sämtliche früheren Arbeitsstellen der wegen Mordverdachts inhaftierten Erzieherin durchleuchtet. Dabei kamen zwei weitere Beschäftigungen der jetzt 25-Jährigen im niederrheinischen Straelen ans Licht, wo sie ein Anerkennungsjahr absolvierte und abbrach.

Immerhin: Anders als in den drei späteren Arbeitsstätten in Kempen, Krefeld und Tönisvorst habe es dort keinen medizinischen Notfall bei Kindern gegeben, berichtete der Leiter des Landesjugendamtes, Lorenz Bahr, am Donnerstag dem Familienausschuss des Landtags. In Viersen soll die Erzieherin versucht haben, das dreijährige Mädchen zu ersticken. Es starb später im Krankenhaus, eine Obduktion ergab Hinweise auf Gewalteinwirkung.

Vor allem hat die jetzt laufende Untersuchung bestätigt, dass die unterbliebenen Meldungen von medizinischen Notfällen in den anderen Kitas ein frühes Eingreifen verhindert haben. In der Kempener Kita, wo die Tatverdächtige von August 2018 bis Juli 2019 beschäftigt war, habe es allein vier medizinische Notfälle gegeben – alle mit demselben Kind. Das Mädchen habe sogar seinem Vater erzählt, dass eine Erzieherin „ihr fest auf den Bauch gedrückt habe“, sagte Bahr. Dennoch hätten Erzieher, Eltern und Mediziner als Ursache angenommen, dass das Kind auf den Stress der Kitaeingewöhnung reagiert habe. Die Vorfälle wurden als Unfälle gewertet – und nicht gemeldet. Bahr bekräftigte, es sei wichtig, alle Vorfälle an das Landesjugendamt zu melden, um regionale Häufungen zu erkennen.

„In diesem Fall hat ein Kind deutlich gesagt, was passiert ist – und keiner hat es gehört“, mahnte Bahr. Weder die Eltern noch Erzieher und Mediziner seien sensibel genug gewesen. Deshalb müsse auch im Medizinbereich der Kinderschutz eine neue Gewichtung erfahren. Überdies müsse die Zusammenarbeit von Jugendämtern, Ermittlungsbehörden und medizinischen Einrichtungen besser strukturiert werden, sagte Bahr.

Nachgezeichnet hat das Landesjugendamt auch, warum die Erzieherin so häufig ihre Stellen wechselte und trotz eines dürftigen Examens mit der Note „ausreichend“ eingestellt wurde. In Viersen etwa habe sie bei der Bewerbung verschwiegen, dass ihr gekündigt worden war. Weil sie kurze Beschäftigungen als befristete Verträge darstellte, sei nicht mehr nach fehlenden Zeugnissen gefragt worden. Im Vorstellungsgespräch habe sie qualifiziert gewirkt, gab Bahr die Darstellung des Kita-Trägers wieder: „Man guckt den Leuten nur vor den Kopf.“ Mit den Trägern werde über Konsequenzen gesprochen.

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