Open-Air-Konzert abgebrochen

LED-Wand stürzt bei Auftritt von Casper und Marteria ins Publikum

Essen

Mitten während des Konzerts von Casper und Marteria am Samstagabend in Essen stürzt eine große LED-Leinwand ins Publikum. 28 Menschen werden verletzt.

Alexander Heflik

Eine LED-Wand stürzte beim Konzert von Casper und Marteria am Samstagabend ins Publikum. Foto: dpa

Das Publikum im Seaside-Areal am Baldeneysee kochte längst. Supernova, der Song, nicht von Oasis, sondern den deutschen Rappern lief. Casper und Marteria hatten die rund 19.000 Menschen längst auf ihrer Seite, eine halbe Stunde war das Konzert vielleicht alt. Alle hüpften, alle sangen mit, als das Gewitter losbrach. Peitschender Starkregen fegte plötzlich über das Festivalgelände, Blitze zuckten auf, das Donnergrollen war nicht weit - keine Supernova, aber ein gewaltiges Sommer-Unwetter war das schon. Der Deutsche Wetterdienst (DWD) hatte für Samstag Unwetterwarnungen für das Ruhrgebiet ausgegeben.

Sofort verwandelte sich das Festivalgelände, sonst ein Freibad am Baldeneysee, in großen Teilen in eine Matschwüste. Der Stimmung unter den meisten Zuschauern tat das keinen Abbruch. Woodstock-Flair lag in der Luft. Als das Konzert unterbrochen wurde, ahnten allenfalls die Besucher in den vorderen Reihen etwas von der Katastrophe, diejenigen, die den Einsturz des Bühnenteils miterlebten. Eine LED-Leinwand war vom orkanartigen Wind heruntergerissen worden und hatte 28 Menschen verletzt.

Zwei davon schwer, sie schwebten in Lebensgefahr. Am Sonntagmorgen gab es für die beiden Schwerverletzten zumindest Entwarnung. Ob es sich bei den 28 Menschen um Bühnenarbeiter oder Zuschauer handelte, stand am Sonntag nicht fest.

Verzögerter Konzertabbruch

Am Abend der Veranstaltung wurde wenige Minuten nach der Konzert-Unterbrechung mitgeteilt, dass der Auftritt von Casper und Marteria gleich fortgesetzt werden würde. Die Regenfront würde gleich abziehen, man müsse einen technischen Check machen, und „bitte verteilt euch auf dem Gelände“. Viele blieben trotz des prasselnden Starkregens einfach stehen, einige suchten Schutz unter den überdachten Verkaufsständen, andere versammelten sich unter den Bäumen. Die meisten erwarteten, dass das Konzert fortgesetzt wird. Die Stimmung war außerordentlich positiv, gechillt, trotz der Wetterkapriolen.

Mit einer zweiten Durchsage, gut zehn Minuten nach dem Konzertstopp, wurde erneut versucht, das Publikum zu beruhigen und gesagt, dass an technischen Problemen gearbeitet würde. Mit der dritten Durchsage wurde der Auftritt, eine gute Viertelstunde war vorbei, abgesagt. Ein kurzes Pfeifkonzert, aber dann schoben sich die Massen zum Ausgang. Zu keinem Zeitpunkt wurde etwas von dem Bühnenunfall und den verletzten Menschen gesagt, Panik machten sich zu keinem Zeitpunkt bei der Mehrzahl der Besucher auch nur ansatzweise breit.

Unwetter-Warnung

Hätte das Konzert in Anbetracht der Wetterprognose abgesagt werden müssen? Die Polizei und Staatsanwaltschaft Essen haben Ermittlungen aufgenommen. Nach Angaben der Feuerwehr hatte der Deutsche Wetterdienst gegen 19.30 Uhr eine Gewitterwarnung herausgegeben. Der Veranstalter meldet sich am Sonntag zu Wort via sozialer Netzwerke: „Diese plötzliche Wettersituation war nicht vorherzusehen. Wir haben ständig mit den Behörden, dem Veranstalter und den Einsatzkräften die Situation im Blick gehabt. Die Sicherheit unserer Gäste hat höchste Priorität. Wir betreiben den Seaside Beach schon seit knapp 15 Jahren und haben so eine plötzliche Windböe mit Starkregen noch nie erlebt.“

Noch kurz zuvor sei das Konzert in Absprache mit dem Koordinatoren des Sicherheitskonzepts freigegeben worden, sagte Holger Walterscheid, Betreiber der Konzert-Location, am Sonntag. Das Krisenteam habe die Wetterlage ständig beobachtet.

Rettungswagen kommen schlecht durch

Allerdings wurde der Weg zu den Shuttle-Bussen oder dem eigenen Pkw zur Geduldsprobe. Es gab nur einen Ausgang, die Menschenmassen mussten zudem über eine schmale Brücke, um den Hauptweg zu erreichen. Für reguläre Schwimmbad-Benutzer dürfte das Erreichen des Freiherr-vom Stein-Weges mit dem Auto kein Problem sein, am Samstag aber für abwandernde 19.000 Zuschauer schon. Es ging nur in Trippelschritten voran, wenn überhaupt. Auch auf der Freiherr-von-Stein-Straße, dem zentralen und einzigen Weg zu den Shuttle-Bussen, hier parkten im Übrigen auch Autos, ging es für Fußgänger langsam voran. Rettungswagen hatten dagegen größte Probleme einen Weg zu finden.

Chaos brach nicht aus, doch gut organisiert war das dann auch nicht. Rund um das Konzertgelände war der Stadtteil Bredeney für den Durchgangsverkehr gesperrt. Wer nicht den Shuttle-Dienst benutzte, musste einen langen Fußweg zum Konzert-Areal in Kauf nehmen. Viele Zuschauer versuchten den Weg über die Brücke abzukürzen und erklommen eine mehrere Meter hohe steile Böschung, die von dem Regen komplett aufgeweicht war. Laut Polizeiangaben war das Festivalgelände um 23 Uhr geräumt, die Spurensuche nach der Katastrophe hatte da schon begonnen.

„Wir sind tief betroffen und wünschen allen Verletzten schnelle Genesung, wir denken an euch!”, schrieben Casper und Marteria wortgleich am Sonntagnachmittag via Instagram. Sie dankten den Fans vor Ort „für ihr Verständnis für den Abbruch und ihre Hilfsbereitschaft”, „wir hoffen, dass ihr alle gut nach Hause gekommen seid.”

Für die beiden Musiker war das Konzert in Essen der Abschluss der „Champion Sounds Open Airs“-Tour. Tags zuvor waren an der gleichen Stelle die Fantastischen Vier aufgetreten.

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