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Verkehrsunfallstatistik

Mehr tödliche Lkw-Unfälle auf Autobahnen

Düsseldorf/Münster

In der kommenden Woche wird die Polizei in NRW landesweit Lastwagen intensiv kontrollieren. Dabei sollen auch Bordcomputer ausgelesen werden, ebenso würden sonntags die Sondergenehmigungen überprüft, kündigte Innenminister Herbert Reul an. Die Aktion ist eine Konsequenz aus der Verkehrsunfallstatistik, wonach 2017 allein in 194 Fällen Lkw in ein Stauende gerast sind. 

Ralf Repöhler

Gegenüber 2013 ist das ein Anstieg um 44 Prozent. 19 Menschen verloren bei insgesamt 987 Unfällen in Staus ihr Leben, für 14 der Opfer spielten Lkw eine verhängnisvolle Rolle. „Die Fahrer dieser 40-Tonnen-Geschosse fahren zu dicht auf, sind oft übermüdet und häufig abgelenkt durch ihr Smartphone“, rügte Reul. Er will deshalb erreichen, dass die seit 2015 in neuen Lkw grundsätzlich eingebauten Notbremssysteme künftig auch verpflichtend eingeschaltet sein müssen.

Münsters Polizeipräsident Hans-Joachim Kuhlisch forderte angesichts der steigenden Unfallzahlen auf den Autobahnen im Münsterland ein Lkw-Überholverbot sowie eine generelle Höchstgeschwindigkeit von 130 km/h. Zwar ist die Gesamtzahl der Verkehrsunfälle im Jahr 2017 im Bereich des Polizeipräsidiums Münster mit 4272 gegenüber dem Vorjahr (4578) gesunken, allerdings sind mehr Menschen (756) dabei verletzt worden, vier starben.

Viele Unfälle mit E-Bikes

„Die Forderung nach einem Tempolimit ist mit Emotionen behaftet, ähnlich wie die Waffendiskussion in den USA. Aber da müssen wir durch“, setzte sich Kuhlisch für eine Beruhigung auf den Autobahnen ein.

Landesweit verunglückt alle 33 Minuten in NRW ein Radfahrer, die Zahl der Todesopfer sank im vergangenen Jahr von 57 auf 50. Allerdings schlägt sich der wachsende Absatz von E-Bikes – rund 700.000 wurden vergangenes Jahr verkauft – auch in höheren Unfallzahlen nieder. Dabei kamen 21 Pedelec-Fahrer ums Leben (2016: 12). In Münster ist jeder zweite Verunglückte ein Radfahrer.

Kommentar: Einen Versuch wert

Wenn kommende Woche überall im Land Polizeibeamte Lkw aus dem Verkehr winken, geht es zunächst um die Signalwirkung: Weil schwere Lkw-Unfälle als fatale Folgen von Übermüdung, Ablenkung und zu großer Risikobereitschaft ins Blickfeld rücken, fühlen die Ordnungshüter den Berufskraftfahrern gleich demonstrativ auf den Zahn.

Innenminister Herbert Reul wird aber nachweisen müssen, dass diese Aktion nicht zu Aktionismus verkommt wie einst der Blitzmarathon, sondern dass die Polizei damit eine grundlegend neue Strategie verfolgt. Die drängt sich nämlich angesichts des unaufhörlich zunehmenden Güterverkehrs auf. Weil die Analysen von Unfallursachen zeigen, dass sich Lastwagenfahrer über Regeln hinweggesetzt haben, muss die Polizei genau hier den Druck erhöhen – auch auf Spediteure.

Es geht aber nicht nur um Lkw-Fahrer, die als Profis auf der Straße nicht selten Unfälle verhindern und erste Hilfe leisten. Wer auf Autobahnen unterwegs ist, kämpft mehr mit rücksichtslosen Auto- und Transporterfahrern als mit unvorsichtigen Brummi-Piloten. Unachtsamkeit, Selbstüberschätzung, Reaktionsfehler, Raserei stehen hinter den meisten Unfällen. Die Erkenntnis ist alt, Wirkung zeigt sie kaum. Deshalb hat der Vorschlag Charme, im Münsterland kategorische Regeln wie Tempo 130 und Lkw-Überholverbot zu testen – zumindest tagsüber. Den Versuch wäre es wert. Hilmar Riemenschneider

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