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Kriminalität

Northeim: Kindesmissbrauch hätte verhindert werden können

Polizeien in NRW und Niedersachsen stimmen sich bei Ermittlungen zu schwerem sexuellen Kindesmissbrauch nicht ab - und lassen einen mutmaßlichen Täter trotz deutlicher Hinweise des Jugendamts ein Jahr lang gewähren. Der Polizeipräsident räumt Fehler ein.

dpa

Hannover/Northeim (dpa) - In Niedersachsen haben Missverständnisse bei der Polizei wohl zu vermeidbaren Fällen von Kindesmissbrauch geführt. Das sagte Niedersachsens Polizeipräsident Axel Brockmann am Donnerstag vor dem Sozialausschuss im niedersächsischen Landtag. «Der mutmaßlich fortgesetzte Kindesmissbrauch durch den Beschuldigten hätte vermutlich verhindert werden können», so Brockmann. Konkret ging es um Ermittlungen im sogenannten Northeimer Missbrauchskomplex. Ein 49-Jähriger aus dem Landkreis Northeim soll mehrere Kinder und Jugendliche sexuell missbraucht haben. Der Mann hatte Kontakt zum Haupttäter der Missbrauchsserie auf dem Campingplatz in Lügde in Nordrhein-Westfalen.

Der Northeimer sei erst im März 2020 festgenommen worden - obwohl ein Anfangsverdacht gegen ihn bereits im April 2019 vorlag, sagte Brockmann. Das Jugendamt in Northeim hatte demnach im April 2019 Hinweise auf Kindesmissbrauch im Umfeld zweier Familien an die örtliche Polizei übermittelt. «Trotz deutlicher Hinweise des Jugendamtes» habe die Polizei Northeim den Anfangsverdacht gegen den Mann nicht geprüft. Statt selbst zu ermitteln, habe sie die Informationen weitergereicht an die Beamten in Nordrhein-Westfalen, die im Missbrauchskomplex Lügde ermittelten. Dort hatten zwei Männer Kinder auf einem Campingplatz in Dutzenden Fällen missbraucht.

Da es aber um einen Tatort in Niedersachsen, im Landkreis Northeim, ging, wurden die Beamten in Nordrhein-Westfalen nicht tätig, wie Brockmann weiter sagte. Das habe die Polizei in Northeim auch gesagt bekommen. «Der mutmaßlich fortgesetzte Kindesmissbrauch durch den Beschuldigten hätte hierdurch vermutlich verhindert werden können.» Die Polizei in Northeim habe zudem keinerlei Kontakt zur Staatsanwaltschaft in Niedersachsen aufgenommen.

«Fehler sind menschlich, aber sie sollten vermieden werden - zumal wenn sie schwer wiegen können», sagte Brockmann. Ob sich Polizisten in dem Fall strafbar gemacht haben, werde noch geprüft. «Lügde ist kein Einzelfall. Die gesellschaftlichen Abgründe finden sich hinter vielen Wohnungstüren und Sie finden sehr schnell auch andere Ortsnamen für derartige Taten», sagte Brockmann.

Am Dienstag war der Göttinger Polizeipräsident Uwe Lührig in den vorzeitigen Ruhestand geschickt worden. Lührig war auch zuständig für die Polizeiinspektion Northeim. Vor dem Göttinger Landgericht läuft mittlerweile der Prozess gegen den 49 Jahre alten Beschuldigten. Ihm wird schwerer sexueller Missbrauch von mehreren Kindern und Jugendlichen vorgeworfen. Zum Schutz der Opfer findet die Hauptverhandlung unter Ausschluss der Öffentlichkeit statt.

© dpa-infocom, dpa:210225-99-590288/4

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