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Sicherheitsexperten beraten über Clan-Kriminalität

NRW-Polizei intensiviert Kampf gegen Kriminalität

Düsseldorf

Die Sicherheitsbehörden haben in NRW inzwischen fast 100 kriminelle Familienclans im Visier. Allein in den Jahren von 2016 bis 2018 schreibt ihnen die Polizei 14.225 Straftaten zu.

Hilmar Riemenschneider

Herbert Reul Foto: dpa

„Das sind durchschnittlich 4600 Straftaten pro Jahr“, sagte Thomas Jungbluth, beim Landeskriminalamt (LKA) verantwortlich für die Ermittlungen zur Organisierten Kriminalität, am Mittwoch in Essen. Aus den nahezu 100 Clans seien in diesen drei Jahren 6449 Tatverdächtige ermittelt worden – ein Fünftel von ihnen Frauen. Gewaltkriminalität mit Körperverletzung stellten mit 5606 Fällen den größten Bereich dar. Das ­zeige die hohe Gewaltbereitschaft der arabischen Clans, sagte Jungbluth bei einem Symposium zur Clan-Kriminalität, an dem 560 Vertreter von Polizeibehörden, Zoll, Kommunen und anderen Behörden teilnahmen.

Mit der Veranstaltung wolle er Experten aus allen Bereichen und Regionen zusammenbringen, sagte Innenminister Herbert Reul. „Der Rechtsstaat muss in ­jedem Winkel unseres Lan des durchsetzungsfähig sein.“ Die jetzt begonnene „Strategie der 1000 Nadelstiche“ sei erst der Anfang einer sehr lange dauernden Operation gegen die Clans. Deren Schwerpunkte liegen in den Ruhrgebietsstädten. Doch be­obachtet die Polizei auch ­deren Aktivitäten in länd­lichen Regionen.

„Mit kurzer Zündschnur“

30 Jahre lang habe man nur über Stigmatisierung diskutiert. „Ich bin für Handeln, statt nur nachzudenken“, vollzog Innenminister Herbert Reul (CDU) demonstrativ den Kurswechsel gegenüber den kriminellen Clans. Gerade die großen Städte des Ruhrgebiets sind ein ideales Feld für deren Geschäfte, betonte Essens Polizeipräsident Frank Richter. Für die Ursachenanalyse fand er am Mittwoch bei einem Symposium über Clan-Kriminalität schonungslose Worte: „Wir müssen heute feststellen, dass eine verfehlte und in vielen Bereichen gescheiterte Integrationspolitik dafür verantwortlich ist.“ Die arabischen Clans seien oftmals schon mit patriarchalischen Strukturen und Wertevorstellungen nach Deutschland gekommen, bis heute würden die staatlichen Regeln nicht anerkannt, existierten Parallelwelten. Die Polizei werde sich hier mit langem Atem durchsetzen.

Folge der jahrelangen Entwicklung ist ein Konflikt mit rechtlichen wie sozialen Normen, wie der Erlanger Islamwissenschaftler Mathias Rohe erläuterte. Vor allem junge Männer folgten tradierten Rollenbildern. „Wir haben es mit Personen zu tun, die ein ausgeprägtes Selbstbewusstsein haben in Verbindung mit einer sehr kurzen Zündschnur und einem schlichten Gemüt“, sagte Rohe. Das bereite oft den Eltern Sorge, darum biete sich hier eine Chance für Ausstiegsangebote. Einen weiteren Ansatz biete ein auch bei den Clans zu beobachtender Generationskonflikt. Allerdings münde der oft in einer Brutalisierung.

Die zeigt sich auch in der subtilen Bedrohung von Polizeibeamten, die plötzlich vor der Haustür oder am Auto von Clan-Mitgliedern empfangen würden, berichtete Richter. Essen ist ein Hotspot: Von den fast 6500 in den letzten drei Jahren ermittelten Tatverdächtigen aus kriminellen Clans kamen etwa 1270 aus Essen, 650 aus Recklinghausen, 570 aus Gelsenkirchen, jeweils um 400 aus Duisburg, Dortmund und Bochum, berichtete Thomas Jungbluth, Experte beim Landeskriminalamt (LKA). Mit ethnischen Kriterien ließen sich die Clans aber nicht erfassen, für das LKA zählten die Straftaten. Dazu zählen neben den 5600 Gewaltdelikten je 2600 Eigentums- und Betrugstaten. Abseits dessen, mahnte Jungbluth, zeigten sich die Clan-Aktivitäten vermehrt an Schulen. „Das aggressive und disziplinlose Auftreten fordert auch die Schulen heraus.“

BDK-Chef: „Misslungene Integration“

Sebastian Fiedler, Vorsitzender des Bundes Deutscher Kriminalbeamter (BDK), sieht die Clan- ­Kriminalität als „Paradebeispiel für eine völlig misslungene Integration“ in Deutschland. „Es wird Jahre dauern und eines riesigen gesellschaftlichen Kraftaktes bedürfen, um diese Kriminalität ansatzweise in den Griff zu bekommen“, so Fiedler.

Die Straftäter akzeptierten den Staat nicht, in dem sie lebten. „Er wird hemmungs- und skrupellos als Marktplatz für kriminelle Taten betrachtet“, sagte der Kriminalbeamte mit Blick auf Straftaten wie den Einbruch in das Bode- Museum. Als letzte Kon­sequenz müsse der Staat auch die Wegnahme von Kindern aus kriminellen Clan-Familien prüfen.

KOMMENTAR

Anstrengende Jahre

Drei Jahrzehnte hatten die Behörden sie vielleicht auf dem Schirm, die immer größer gewachsenen kriminellen Clans. Aber sie haben sie offensichtlich gewähren lassen. Viel zu lange, wie das jetzt erkennbare Lagebild zeigt: Wenn nahezu 100 Familienclans in den Großstädten des Landes, aber längst auch in den Kreisen des Münsterlands ihre Territorien ab­stecken, in denen sie ungestört ihre Geschäfte machen wollen, dann stehen Sicherheitsbehörden, Zoll und Steuerfahndern anstrengende Jahre bevor.

Die in so langer Zeit entstandenen Parallelgesellschaften arabischer Clans mit eigenen Wertesystemen und voller Verachtung für den Rechtsstaat wird man nur eindämmen können, wenn man zäh und beharrlich die geltenden Gesetze und Regeln durchsetzt. Das kostet extrem viel Aufwand: Es ist der hohe Preis dafür, dass lange niemand genau hingesehen und gehandelt hat.

Wie viel Geduld es kostet, die abgeschirmten Clans  zu verunsichern, zeigt sich in Essen, wo erst nach zwei Jahren konzertierter Aktionen kleine Risse in den Strukturen als Erfolg gelten. Niemand sollte darum hoffen, dass Ausstiegsangebote so viel reizvoller sind als die Belohnungen der Familie.

von Hilmar Riemenschneider

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