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Spendenaktion für Flutopfer

Provisorische Kita im Flut-Gebiet: „Die Kinder sind anders“

Bad Neuenahr-Ahrweiler/Grafschaft

Das Gebäude der Kita St. Pius in Bad Neuenahr-Ahrweiler wurde durch die Flutkatastrophe am 14. Juli 2021 so stark beschädigt, dass es abgerissen werden muss. Die Einrichtung hat aber bereits eine neue Heimat gefunden – wenn auch nur vorübergehend. Ein Besuch in Leimersdorf.

Von Gunnar A. Pier

Messebauer haben Wände ins „Haus des Dorfes“ in Leimersdorf gezogen, um es in eine provisorische Kita zu verwandeln. Eine eingedrückte Außenwand: Das Gebäude der St.-Pius-Kita in Bad Neuenahr-Ahrweiler wurde durch die Flut komplett zerstört. Foto: Gunnar A. Pier

Heute gibt es Bratwurst, und schon die Ankündigung lässt die Kita-Kinder jubeln. Gerade noch haben sie fröhlich auf dem Spielplatz getobt, jetzt warten sie gespannt aufs Mittagessen in den beiden lichtdurchfluteten Gruppenräumen. Eine heile Welt also? „Die Kinder sind anders“, bringt Leiterin Helga Pollig ihre täglichen Beobachtungen auf den Punkt. Der Alltag in dieser provisorisch eingerichteten Kindertagesstätte steht auch nach einigen Wochen unter dem Eindruck der Hochwasserkatastrophe im Ahrtal.

Flutwelle im Pfarzentrum

In der Nacht zum 15. Juli 2021 rauschte die Flutwelle mannshoch durch das Pfarrzentrum St. Pius, das 1969 genau auf der Grenze der Ortsteile Bad Neuenahr und Ahrweiler eröffnet worden war. Die Schäden sind gewaltig. Die Kirche kann eventuell gerettet werden, die Kita aber wird abgerissen, das ist bereits klar. Das Wasser hat Scheiben bersten lassen und eine ganze Wand eingedrückt. Das Interieur ist zerstört, der giftige Schlamm steckt in allen Ritzen. Innerhalb weniger Stunden verloren so rund 80 Kinder ihre gewohnte Umgebung, ihre kleine Welt.

Spendenkonto

Für Kita-Leiterin Helga Pollig begannen wie für so viele Menschen in der betroffenen Region eine bange Zeit. „Ich habe drei Tage telefoniert, um herauszufinden, wie es den Kolleginnen geht“, erinnert sie sich. Stehen die Häuser noch – leben alle noch? „Niemand hat körperliche Beeinträchtigungen“, weiß sie nun.

Not-Kita aufgebaut

Von einigen Kindern weiß sie es bis heute nicht: „Von manchen haben wir noch nichts gehört.“ Geht es ihnen gut, sind sie bei Verwandten in anderen Städten in Sicherheit? Über Elternkontakte will sie nun versuchen, über all ihre Schützlinge Gewissheit zu bekommen.

„Die Kinder sind anders“, sagt Leiterin Helga Pollig. Viele litten noch immer unter den traumatischen Erlebnissen der Katastrophennacht Mitte Juli. Foto: Gunnar A. Pier

Der Kita-Betrieb nahm jedenfalls ein abruptes Ende, als das Wasser alles zerstörte. Wenige Tage später begannen zwar die regulären dreiwöchigen Kita-Ferien. Doch an Ruhe war nicht zu denken: Der Wunsch, nach der geplanten Auszeit auch wieder ein Betreuungsangebot machen zu können, sorgte für viel Arbeit.

„Alles, was wir uns vorher mal als mögliche Ausweichquartiere angesehen hatten, ist defekt“, erklärt Ramona Kasper, Gesamtleiterin bei der Katholischen Kita gGmbH. Da kam das Angebot der benachbarten Gemeinde Grafschaft gerade recht. Der Bürgermeister bot unter anderem das „Haus des Dorfes“ im Ortsteil Leimersdorf an. Sonst wird es von Vereinen mit Leben gefüllt und die benachbarte Grundschule nutzt den Saal als Sporthalle. Jetzt haben kurzfristig Messebauer Wände eingezogen, so entstanden zwei helle Gruppenräume, ein Turnraum, Nebenräume und sogar ein Büro für die Leitung. Derzeit nutzen 40 Kinder das Angebot und werden morgens mit einem Bus an der ursprünglichen Kita unten an der Ahr abgeholt und hoch nach Leimersdorf gebracht.

Kinder leiden unter dem Erlebten

„Wir versuchen, ihnen so viel Normalität wie möglich zu geben“, sagt Helga Pollig. Doch viele Kinder litten noch immer unter den Erlebnissen der Katastrophennacht, in der sie mitunter zusammen mit ihren Eltern auf finsteren Dachböden um ihr Leben bangten, während unten angeschwemmte Autos, Öltanks und Baumstämme gegen die Häuserwände krachten. „Es kommt vor, dass ein Kind fröhlich spielt – und plötzlich in die Ferne guckt und gar nicht mehr in der Situation ist“, beschreibt Pollig. Andere Kinder sprechen nicht mehr.

Fast alle brauchten mehr Körperkontakt und haben Probleme, sich morgens von ihren Eltern zu verabschieden. „Wir müssen für jedes Kind einzeln schauen, was es nun braucht.“ Eine große Herausforderung – insbesondere für Erzieherinnen, die selbst betroffen sind und die eigenen traumatischen Erlebnisse noch verarbeiten müssen. „Auf Dauer brauchen die Kinder Parallelangebote“, ist Pollig sicher – und freut sich, dass eine psychologische Begleitung bereits vorbereitet wird.

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