Das Grauen vor Augen

Video-Auswerter der Polizei ermitteln im Missbrauchs-Fall Lügde

Bielefeld

Im Missbrauchsfall Lügde beschlagnahmte die Polizei massenhaft Festplatten, DVDs und CDs. Polizistin Jessica Horn hat einen Teil dieser Daten ausgewertet: „Dieser Fall war für uns Auswerter besonders, da wir uns einem gewissen Druck von Außen ausgesetzt sahen.“

Florian Weyand

An der Analyse der vielen Datenträger arbeiten Polizeibeamte und Sachbearbeiter in ganz Nordrhein-Westfalen.Jessica Horn schaut sich Fotos und Videos im Fall Lügde an. Foto: Florian Weyand

Täglich schaut sich Jessica Horn Kinder- und Jugendpornografie an oder liest Chatverläufe von Pädophilen. Es ist ihr Job. Seit einem Jahr ist die gelernte Bestatterin, die später zur Kriminalpolizei wechselte, für die Auswertung von Videos, Fotos sowie weiteren Daten zuständig. In welcher Dienststelle sie arbeitet, darf nicht genannt werden. Für das Gespräch mit der Presse wird sie per Video-Anruf zugeschaltet.

Warum ergreift eine junge Frau diesen Beruf? „Ich weiß, sich das freiwillig anzutun ist auf den ersten Blick für Außenstehende unverständlich“, sagt Horn. Aber wer zur Polizei gehe, der bringe einen persönlichen Idealismus mit, sich auch den hochsensiblen Themen zu stellen, ergänzt sie.

Jessica Horn schaut sich Fotos und Videos im Fall Lügde an. Foto: Florian Weyand

Die vergangenen Monate beschäftigte Jessica Horn sich als eine von mehreren über das ganze Bundesland NRW verteilten Auswerterinnen mit dem Missbrauchsfall Lügde. Auf dem dortigen Campingplatz sind zahlreiche Kinder missbraucht worden.

Allein in Bielefeld sei die Auswertung der Datenträger – die Polizei Lippe sprach von beschlagnahmten 13 Terabyte – und des Zeitdrucks nicht möglich gewesen, erklärt Kriminalhauptkommissar Michael Marchel, der das Fachkommissariat für Cyberkriminalität in Bielefeld mit aufgebaut hat. Daher wurden Mitarbeiter aus den 47 Dienststellen in NRW rekrutiert. Die Auswerter arbeiteten dezentral in den jeweiligen Dienststellen über das Land verteilt. Die CDs und DVDs wurden zur Auswertung in Bielefeld abgeholt oder per Kurier verteilt.

Überstunden erforderlich

Viele Datenträger landeten auch auf dem Schreibtisch von Jessica Horn. Sie hat in dem Fall Tausende Fotos und Videos angesehen und analysiert. Psychische Spuren hätten diese Aufnahmen bei ihr nicht hinterlassen, erklärt sie. Dafür ist sie nach nur einem Jahr schon Profi genug. „Nach den ersten Auswertungen hat man alles gesehen, was man sehen kann. Es kann nichts mehr kommen, was mich noch sehr schocken könnte.“

Weil der Fall so brisant und der Druck der Öffentlichkeit hoch ist, gingen sie und ihr Team besonders konzentriert an die Arbeit. „Wir haben die Fotos und Videos zweimal oder dreimal durchgeguckt. Das hätten wir nicht machen müssen. Aber wir haben uns etwas unter Druck gefühlt und haben alles noch einmal kontrolliert“, sagt Horn.

Zwischen Februar und Juni arbeitete die Polizistin auch an den Wochenenden oder an den Feiertagen. „Das war für mich selbstverständlich“, sagt sie. Wenn man in diesem Bereich arbeitet, habe man einen Drang, bei Delikten wie Kinderpornografie Gerechtigkeit herbeizuführen, den Opfern Namen zu geben und die Täter zu ermitteln. Dafür nimmt sie die Überstunden in Kauf.

Analyse von Chatverläufen und Handydaten

Allgemein sei aber nicht die Menge, sondern die Aufgabe, die zu bewältigen war, entscheidend. „Es ging nicht darum, möglichst viel Kinderpornografie festzustellen und zu klassifizieren. Es ging darum, alle Bilder anzusehen, zu bewerten und festzustellen, ob ein Kind zu sehen ist, das wir noch nicht identifiziert haben. Es könnte ein mögliches Opfer sein“, sagt Marchel.

Sein Team konzentrierte sich bei den Ermittlungen nicht nur auf Bilder und Videos, sondern auch auf Chatverläufe und Handydaten. So kamen sie wohl auch Heiko V. auf die Schliche, der mehrfach per Webcam beim Missbrauch zugesehen hatte und zu zwei Jahren Haft auf Bewährung verurteilt wurde. „Aber auch Audiochats kommen immer mehr in Mode. Diese müssen abgehört und verschriftlicht werden“, berichtet Michael Marchel.

Im Fall Lügde bekam es die Polizei auch mit veralteten Datenträgern zu tun. Auf dem Campingplatz Eichwald beschlagnahmten sie auch Videokassetten und Disketten. Einige waren mit der Aufschrift „Windows 98“ gekennzeichnet. Marchel: „Auch die Daten müssen wir angucken. Wir können uns nicht auf Beschriftung verlassen.“ Denn Fehler können sich die Polizisten nicht erlauben.

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