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Ein Besuch in Mülheim an der Ruhr

Wahrzeichen des Ruhrgebiets: Luftschiff Theo ist einmalig

Es brummt so monoton wie ein riesiges Insekt – und es sieht auch so aus. Das Luftschiff Theo zählt zu den Wahrzeichen des Ruhrgebiets und ist so bekannt wie die Zeche Zollverein und der Gasometer Oberhausen. Nun ja – fast so bekannt . . .

Gemächlich fliegendes Werbe-Luftschiff: In seiner Gondel finden sieben Passagiere und ein Pilot Platz. Foto: Westdeutsche Luftwerbung

Norbert Karraß sitzt seit sieben Stunden auf dem Pilotensessel des am Boden vertäuten Luftschiffs – und langweilt sich. Sehr sogar. Dabei ist der Pilot durchaus beschäftigt. Die Sonne hat die Luft auf milde 15 Grad erwärmt. Der Wind weht zwar nur moderat, doch die Luftbewegungen reichen, um die Gondel einen halben Meter über dem Boden wie einen Luftballon in sanfte Schaukelbewegungen zu versetzen. Und weil sein Luftschiff letztendlich nichts anderes ist als ein in mehreren Kammern mit Helium und Luft gefüllter Ballon, muss Karraß auch minimale Temperaturschwankungen augenblicklich ausgleichen. Dehnt sich das Gas aus, lässt der 59-Jährige Luft aus dem Flugkörper entweichen. Und wenn das Gegenteil geschieht, muss Karraß gegenteilig handeln und Luft zuführen. Seit Monaten macht er nichts anderes. Acht Stunden am Tag, immer im Wechsel mit neun anderen Mitarbeitern der Westdeutschen Luftwerbung (WDL) in Mülheim an der Ruhr. Luftschiff Theo ist eine Diva, die niemals unbeaufsichtigt bleiben darf. Tag und Nacht muss die Gondel besetzt bleiben.

Daniel Dreier, Kommunikationschef WDL

Weshalb das so ist? Techniker hatten in dem Moment einen Riss in der Innenwand des Luftschiffs entdeckt, als die alte Wartungshalle gerade abgerissen worden war und die Bauarbeiten für den neuen Hangar noch nicht einmal begonnen hatten. Das heißt: Ehe Theo im Spätherbst wieder im Schutzraum einer Halle unkompliziert seine Form behalten und repariert werden kann, muss das Team der Eigentümergesellschaft, der WDL, sein Riesenbaby draußen am Fuße des Flugplatzes pflegen. Für Norbert Karraß ist das so, als würde er seit Monaten unablässig mit den Füßen scharren. Der 59-Jährige ist Pilot. Er will fliegen und nicht am Boden Theo bei Form und Laune halten.

Die Hindenburg-Katastrophe machte den Traum zunichte

Luftschiffe – diese Art des Fliegens wirkt wie eine nostalgische Erinnerung an Zeiten, in denen der Zeppelin Geschichte als hochmoderne Form des Transports in der Luft schreiben sollte – und auch geschrieben hat. Der Absturz des größten und komfortabelsten Luftschiffs – der „Hindenburg“ – machte den Traum jedoch zunichte. Die Hindenburg zerschellte am 3. Mai 1937 auf dem Flug von Frankfurt nach New York kurz vor ihrem Ziel wie ein Feuerball in der Luft. Hätte das Luftschiff statt Wasserstoffgas das nicht brennbare Helium getankt, wäre das vermutlich nicht geschehen. Doch Helium war knapp. Mit der Hindenburg endeten hochfliegende Pläne einer deutschen Technologie, die die Welt erobern sollte. Wirklich gestorben ist das Luftschiff aber nie. Friedrichshafen ist noch immer der bedeutendste Standort der Luftschifffahrt. Wenn auch in bescheidenem Maße. Am Bodensee beschäftigen die Betreiber noch zehn Zeppelin-Piloten – und in Mülheim ist es einer: Karraß, der maximal sieben Passagiere auf Werbeflügen durch die Luft manövriert. Ab 2024 bekommt er immerhin Gesellschaft. Die WDL und die Zeppelinbetreiber haben vor wenigen Wochen vertraglich besiegelt, dass ein hochmoderner Zeppelin im Mülheimer Hangar stationiert und von dort aus regelmäßig 14 Passagiere befördern wird. Theo wiederum wird das bleiben, was er immer war, „ein Luftschiff zum Anfassen für die Bevölkerung“, wie es WDL-Geschäftsführer Frank Peylo formuliert.

Ein Schiff zum Anfassen

Anfassen – eine Gästegruppe hat das gerade wörtlich genommen, das Luftschiff umkreist und von Daniel Dreier, einem Mitarbeiter des Unternehmens, alles erfahren, was es über Luftschiff Theo zu wissen gibt: Dass es bis zu 100 Kilometer in der Stunde zurücklegen kann. Dass es auch künftig mit bezahlter Werbung finanziert wird. Seine Maße von 60 Metern Länge und sein Volumen von 7000 Kubikmetern haben die Gäste zwar beeindruckt. Noch mehr hat sie aber eine andere Information interessiert: Theo ist einmalig. „Ein solches Luftschiff gibt es nur einmal auf der Welt – und das steht bei uns“, hat Dreier erklärt und schon vorher gewusst, dass dies weitere Erklärungen nach sich ziehen muss. „Ein Zeppelin verfügt über ein starres Außengerüst, über das so etwas wie eine Haut aufgezogen wird. Unser Luftschiff“ – Dreier tippt mit den Fingerspitzen auf Theos Hülle – „ist im Prinzip wie ein aufgeblasener Luftballon.“

Pilot Karraß hätte wahrscheinlich noch dies hinzugefügt: „Dieses Luftschiff ist tatsächlich ein Schiff.“ Mit einem Rad als Höhenruder und mit Seitenrudern, die Karraß mit den Füßen lenkt, um auf Kurs zu bleiben. Nach einem Flug mit Theo muss er sich jedes Mal den Schweiß von der Stirn wischen.

Wie er sich nach diesen Zeiten sehnt . . .

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