Politische Hilfe für Neustart gefordert

Wiederbelebung der Innenstädte: IHK bringt neue Regeln ins Gespräch

Münster.

Im Einzelhandel und in der Gastronomie kommt die Wiedereröffnung nach der Covid19-Pandemie voran. Die IHK Nord Westfalen ist erleichtert – wünscht sich aber weitere Lockerungen.

Jürgen Stilling

Shoppen ist unter Auflagen wieder möglich. Foto: Imago/Rico Thumser

Erleichterung macht sich breit: Die Wirtschaft in der Region ist sehr erfreut, dass sich mit der Eindämmung der Pandemie in vielen Kommunen wieder Öffnungsperspektiven für Handel und Gastronomie ergeben. „Wir haben lange dafür gekämpft, dass das möglich ist“, betonte der Präsident IHK Nord Westfalen, Dr. Benedikt Hüffer, am Montag in einer ­gemeinsamen Video-Konferenz mit der IHK Dortmund. Er dankte der Landesregierung für die Lockerungen durch die Corona-Schutzverordnung.

Allerdings seien manche Regeln äußerst streng. Hüffer warb dafür, die Aufhebung der Testpflicht beim Einkaufen schon bei einer Sieben-Tage-Inzidenz von unter 100 zu erlauben. „Wer erst zwei Stunden am Testzentrum anstehen muss, hat weniger Lust einzukaufen“, sagte Hüffer.

„Die Freude am ­Leben muss wieder sichtbar werden – auch in den Innenstädten der Region.“ Dr. Benedikt Hüffer, Präsident der Industrie- und Handelskammer (IHK) Nord Westfalen in Münster, erwartet spätestens für den Herbst wieder eine starke Belebung des Einzelhandels und der Gas­tronomie im Münsterland und der Emscher-Lippe-Region. Doch Hüffer forderte am Montag in einer gemeinsamen Video-Konferenz mit der IHK-Dortmund die Unterstützung der Politik. So sollten beispielsweise Investitionen in technische Sys­teme wie Luftreinigungs­anlagen und CO-Messgeräte mit Finanzmitteln oder steuerlichen Abschreibungsmöglichkeiten gefördert werden.

Unbürokratische Lösungen

Die Förderung von Sonderverkaufsaktionen – etwa im Modehandel – regte der Präsident der IHK Dortmund, Heinz-Herbert Dustmann, an. „Dafür könnten kommunen beispielsweise Verkaufszelte auf den Einkaufsstraßen aufstellen, in denen Modewaren der vergangenen Saison mit Rabatt verkauft werden“, so Dustmann. Er empfahl auch die Erweiterung der Außengastronomieflächen. Diese könne unbürokratisch und ohne zusätzliche Kosten erfolgen.

Hüffer verwies auf das ­Sofortprogramm der nordrhein-westfälischen Landesregierung zur Stärkung der Innenstädte. Er hob mögliche Fondslösungen für die Weitervermietung von Geschäften an ­junge Firmengründer hervor. Auch die Nutzung von ­Ladenflächen durch nur kurzzeitig bestehende so­genannte Pop-up-Stores sei denkbar. Eine unbürokratische Umnutzung könne auch zu Testzentren, Paketdepots, Dienstleistungen und auch wieder Wohnen in der Innenstadt erfolgen.

Bedeutende Rolle des ÖPNV

„Auch müssen sich Handel und Eventkultur in den Innenstädten ergänzen“, zeigte Hüffer weitere Perspektiven auf. Die erst vor wenigen Wochen in ausgewählten Kommunen festgelegten Modellprojekte in den BereichenKultur, Sport- und Freizeitwirtschaft sollten fort­gesetzt werden, empfahl der IHK-Präsident. Dies gelte insbesondere für Projekte, die mithilfe digitaler Anwendungen dazu beitragen, Kunden- und Besucher­ströme so sicher wie möglich zu steuern und Infektionsketten schneller und zu­verlässiger nachzuverfolgen.

Für die Belebung der Citys spielt auch der Öffentliche Personennahverkehr (ÖPNV) eine bedeutende Rolle. Hüffer betonte, dass die Coronakrise auch für den ÖPNV zur Unzeit gekommen sei. Nicht wenige Menschen seien von Bus oder Bahn auf das eigene Auto oder das Fahrrad ­gewechselt. „Deshalb sind die kommunalen Aufgaben­träger, aber auch Bund und Land aufgefordert, am Ausbau und an einer weiteren Attraktivitätssteigerung des ÖPNV festzuhalten“, forderte der IHK-Präsident. Nur so könne das bei einem Teil der Kunden verloren gegangene Vertrauen in die Leistungs­fähigkeit und Infektions­sicherheit von Bussen und Bahnen zurückgewonnen werden.

Hüffer appellierte zudem an die Kommunen, „sehr pragmatische Schritte“ zu gehen, um die gute Erreichbarkeit der Innenstädte zu garantieren.

Kommentar

Neustart in Handel und Gastronomie: Shoppen statt klicken

Es gibt viel aufzuholen. Durch einem monatelangen Lockdown haben die meisten Unternehmen im Einzelhandel und in der Gastronomie schwere Blessuren erlitten. Manche Existenz wurde vernichtet.

In einer solchen historisch einmaligen Lage muss selbstverständlich sein, dass die Allgemeinheit verpflichtet ist, alles zu tun, um den Neustart jetzt zu unterstützen. Staatliches Geld und der Abbau bürokratischer Hemmnisse gehören ebenso dazu wie politische Konzepte für die Wiederbelebung der Innenstädte.

Dabei geht es um deutlich mehr als um den wichtigen Erhalt mittelständischer Betriebe, auch wenn der schon Antrieb genug sein sollte. Es geht um Lebensart. Die Freizeit beim Shoppen, im Biergarten oder im Restaurant zu verbringen, ist ein fester Bestandteil des Lebens, der während der Corona-Pandemie vom Gros der Menschen schmerzlich vermisst wurde.

Doch was nützen die Staatshilfen und Aufbauprogramme, wenn nicht die Verbraucher ihr Geld endlich wieder deutlich häufiger im Laden vor Ort ausgeben, statt mit dem schnellen Klick im Internet vermeintliche Schnäppchen zu machen? Die Konsumenten haben die Zukunft der Innenstädte in ihren Händen.

von Jürgen Stilling

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