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Misshandlungen in Höxter

Wilfrieds Wahrheit im „Horrorhaus“-Prozess: „Sie ist ein Sadist“

Paderborn

(Aktualisiert) In ihren Augen war er die Triebfeder. In stundenlangen Aussagen hatte Angelika W. im Mordprozess um die tödlichen Misshandlungen von Höxter von ihrem mitangeklagten Ehemann das Bild des brutalen Gewalttäters gezeichnet. Mit seiner Aussage setzt sich dieser jetzt zur Wehr.

dpa

Schnee liegt vor dem Haus in Höxter-Bosseborn (Nordrhein-Westfalen). Foto: Friso Gentsch

Immer wieder muss Wilfried W. sich dicht vor das Mikrofon beugen, damit man ihn auch auf den hinteren, dicht gefüllten Bänken des Paderborner Landgerichts hören kann. Leise spricht er, als er sich erstmals befragen lässt. Weich wie Butter, fast sanft klingt die Stimme des Mannes, dem die Staatsanwaltschaft brutale Quälereien mehrerer Frauen vorwirft. Gemeinsam mit seiner ehemaligen Frau Angelika W. soll er über Jahre hinweg immer wieder Frauen in ein Haus nach Ostwestfalen gelockt und dort schwer misshandelt haben. Zwei von ihnen starben völlig ausgezehrt.

Angeklagter sieht sich in der Opferrolle

Rund zwei Stunden dauert der 13. Verhandlungstag im Mordprozess um das sogenannte Horrorhaus von Höxter am Dienstag. Währenddessen zeichnet der Angeklagte Wilfried W. ein Bild, dass sich nicht deckt mit dem, das seine mitangeklagte Ex-Frau in ihrer Aussage zuvor von ihm gezeichnet hat. Statt des skrupellosen Anstifters und Gewalttäters, will er auch als Opfer gesehen werden: Geschlagen vom Vater, sexuell missbraucht vom Stiefvater, später dann verheddert in den Fängen einer eifersüchtigen und gewalttätigen Angelika W..

Dass er nun anders als vorgesehen persönlich aussagt, liege an den «Lügengeschichten», die die 48 Jahre alte Mitangeklagte im Prozess bislang von sich gegeben habe, trägt zunächst sein Anwalt Detlev Binder vor. Diesen ersten Teil seiner Einlassung, haben die Verteidiger vorbereitet. Er sei nicht so eloquent wie Angelika, lassen sie ihn da sagen. Immer wieder habe sie neue Vorwürfe aus dem Hut gezaubert, ihm immer mehr Tatbeiträge in die Schuhe geschoben, um Schuld von ihren Schultern zu nehmen, heißt es in der Erklärung. Dem wolle er nun seine eigene subjektive Sicht der Dinge entgegensetzen.

Als er schließlich persönlich das Wort ergreift, ist er nervös. Seine Hände zittern, sein Blick ist unruhig. Er antwortet in kurzen, schlichten Sätzen auf die Fragen zu seiner Kindheit und Jugend.

Bei der Aussage versagen Wilfried W. die Nerven

Diese war nach seinen Angaben alles andere als unbeschwert: Demnach prügelte sein Vater ihn sowie Mutter und Schwester grün und blau. In der Schule sei er wegen seines Lispelns gehänselt worden. Der Stiefvater soll ihn als noch jungen Teenager immer wieder sexuell missbraucht haben. Als es um die Details dieser Erlebnisse gehen soll, bricht ihm die Stimme weg. Wilfried W. wischt sich die Augen, erklärt sich dann bereit, später am Tag mit dem psychiatrischen Gutachter außerhalb des Saals über diese Erlebnisse zu sprechen.

Auf 46 handschriftlichen Seiten hat Wilfried W. sich auf seine Aussage vorbereitet. Als er sie vortragen soll, versagen ihm abermals die Nerven. Stattdessen lesen seine Anwälte die oft schwer zu entziffernden Sätze vor. Sie purzeln durcheinander, sind so bruchstückhaft, so voller Grammatik-Fehler, dass sich nur hier und da ein Zusammenhang ergibt. Klar wird: Er beschreibt Angelika W. als launisch, streitsüchtig, dominant. Wenn es nicht nach ihrer Nase gegangen sei, hätten er und die neuen Partnerinnen ihre Wut zu spüren bekommen. Sie habe ihnen gedroht, einmal gar versucht, ihn mit einem Auto in den Tod zu steuern. «Sie ist ein Sadist» heißt es an einer Stelle. Und: «Ich bin nicht der Mann, der den Ton angibt.»

«Das nimmt ihm keiner ab»

«Das Gericht muss sich fragen, ist das der Mann, der eine so intelligente Frau wie Frau W. tatsächlich führen kann?», sagt sein Anwalt im Anschluss. Die Mitangeklagte Angelika W. hält jedoch die Aussage ihres Ex-Mannes nach Angaben ihres Anwalt Peter Wüller für «Spiel und Show». Ihr Ex-Mann sei bei seiner Aussage am Dienstag in eine Rolle geschlüpft: «Er hat sich als hilfloser und der omnipotenten Angelika unterlegener Mann dargestellt. Das nimmt ihm keiner ab», so Wüller nach der Verhandlung. Bild- und Tondateien aus dem Haus der beiden ließen einen ganz anderen Angeklagten erkennen.

Wessen Wahrnehmung der Machtverhältnisse im Hause W. der Wahrheit am nächsten kommt, wird das Gericht sich mühsam erschließen müssen. Der Angeklagte soll in den kommenden Prozesstagen weiter befragt werden. Psychiater werden ihre Einschätzungen abgeben. Dutzende Zeugen müssen noch vernommen werden. Die Akten füllen stapelweise Ordner. Vor Herbst wird kein Urteil in dem Prozess um das «Horrorhaus» erwartet.

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