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Woelki bekundet Scham: will aber als Aufklärer bleiben

Kardinal Woelki sucht einen Weg aus der Missbrauchskrise: Einerseits bekundet er Scham und gesteht Fehler ein, andererseits will er sich als Aufklärer profilieren und im Amt bleiben. Das überzeugt lang nicht alle seine Kritiker.

dpa

Kardinal Rainer Maria Woelki, Erzbischof von Köln, spricht bei einer Pressekonferenz des Erzbistum Köln. Foto: Oliver Berg

Köln (dpa) - Fünf Tage nach der Veröffentlichung eines Missbrauchsgutachtens für das Erzbistum Köln hat Kardinal Rainer Maria Woelki eigene Fehler im Umgang mit mutmaßlichen Tätern eingeräumt. So habe er im Fall des Priesters O. zwar seine rechtliche Pflicht erfüllt, aber er frage sich trotzdem, ob er «alles Menschenmögliche» zur Aufklärung getan habe, sagte Woelki am Dienstag in Köln. «Und das habe ich nicht getan. Ich hätte nicht nach Rom melden müssen, aber ich hätte es tun können und auch tun sollen.» Der inzwischen gestorbene Priester O. soll Ende der 70er Jahre einen Kindergartenjungen missbraucht haben.

Woelki nannte auch den Fall eines anderen Priesters, der in den 90er Jahren schwersten Missbrauch an Kindern verübt habe. Hier hätte er den Priester vielleicht früher suspendieren sollen, sagte Woelki. Er bezeichnete dies als «beschämendes Beispiel für meine persönliche Unzulänglichkeit». Zurücktreten will er aber nicht: «Die Probleme würden nach meinem Weggang bleiben. So ein Rücktritt wäre nur ein Symbol, das höchstens für eine kurze Zeit hält.»

Das am Donnerstag vorgestellte Gutachten hatte Woelki entlastet. Mehreren anderen Bistumsverantwortlichen hatten die Gutachter dagegen Pflichtverletzungen vorgeworfen. Zu ihnen gehören Woelkis 2017 gestorbener Vorgänger Joachim Meisner und der Hamburger Erzbischof Stefan Heße, früher Personalchef in Köln. Heße hat dem Papst mittlerweile seinen Amtsverzicht angeboten. Die Kölner Weihbischöfe Dominikus Schwaderlapp und Ansgar Puff sowie der Kirchenrichter Günter Assenmacher sind beurlaubt.

Das Gutachten habe «systembedingte Vertuschung» offengelegt, sagte Woelki. Er räumte «Chaos in der Verwaltung» und ein «System aus Schweigen, Geheimhaltung und mangelnder Kontrolle» ein. «Generell fehlte es an Mitgefühl, generell fehlte es an Empathie.» Deshalb müsse nun «rigoros gehandelt» werden.

So habe er bereits die Zerstörung von Akten verboten, obwohl er damit gegen geltendes Kirchenrecht verstoße, sagte Woelki. Er werde den Vorschlag der Gutachter umsetzen und ein System auch für anonyme Hinweisgeber einrichten. Zudem werde eine unabhängige Aufarbeitungskommission gegründet - dieser Schritt wurde allerdings schon vor einem Jahr von der Bischofskonferenz und dem Missbrauchsbeauftragten der Bundesregierung, Johannes Wilhelm Rörig, vereinbart. Woelki will auch die Aktenführung und die Schulung der Mitarbeiter verbessern. Mit all diesen Maßnahmen hofft er, sein Bistum aus der derzeitigen Vertrauenskrise zu führen.

Lang nicht alle Beobachter nehmen ihm jedoch die Rolle des Aufklärers ab. So wirft ihm der Kirchenrechtler Thomas Schüller vor, sich auf Kosten anderer reinwaschen zu wollen. «Woelki stilisiert sich zur Lichtgestalt der Aufklärung und opfert dafür seinen Mentor Meisner und seine Mitstreiter Schwaderlapp, Assenmacher und Puff», sagte Schüller der Deutschen Presse-Agentur. «Er übernimmt keine politische Verantwortung. Das wird ihm auf die Füße fallen, denn ein Bischof ohne Vertrauen bei den Gläubigen mag formal Bischof bleiben, aber es fehlt ihm das Volk.»

Der Münsteraner Professor sagte, er habe selbst als Persönlicher Referent des früheren Limburger Bischofs Franz Kamphaus gearbeitet. «Da bekommt man alle Fälle in der Post und am Telefon mit und sieht, wie der eigene Bischof handelt.» Es sei deshalb kaum glaubhaft, dass Woelki als Geheimkaplan von Meisner und später als Weihbischof in den Personalkonferenzen der Bistumsleitung nichts von Missbrauchsvorwürfen gegen verschiedene Priester mitbekommen habe.

Auch die Reformbewegung «Wir sind Kirche» kritisierte, es falle schwer zu glauben, dass Woelki, der so lange Kaplan und Weihbischof unter Meisner gewesen sei, nichts von der systembedingten Vertuschung mitbekommen haben wolle. Woelki versuche, sich als «erster Aufklärer Deutschlands» zu inszenieren, doch die von ihm angekündigten Maßnahmen seien im Grunde Selbstverständlichkeiten.

Der ehemalige Bundesrichter Thomas Fischer dagegen nahm Woelki in Schutz und sprach von einer «Dämonisierung» des Kardinals. «Erst wird monatelang gerufen: «Wo bleibt das Gutachten?»», sagte Fischer der Deutschen Presse-Agentur. «Dann kommt das Gutachten, und es steht drin, dass Woelki unschuldig ist. Daraufhin wird gerufen: «Das Gutachten ist ja wahrscheinlich gefälscht.» Das ist eine absurde Empörungskultur.» Sehr wenige Organisationen hätten so viel zur Aufklärung und Aufarbeitung beigetragen wie die katholische Kirche.

© dpa-infocom, dpa:210323-99-935236/3

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