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Corona-Pandemie

Von Welle zu Welle? Sorgen vor einem Corona-Herbst wachsen

Berlin (dpa)

Experten sehen bislang kein Ende der Corona-Sommerwelle. Und bis zum Herbst bleibt nicht mehr viel Zeit. Lauterbach warnt vor einer schlimmen Entwicklung. Doch es gibt auch andere Stimmen.

Von dpa

Gesundheitsminister Karl Lauterbach warnt vor einem katastrophalen Herbst, sollten nicht weiter Maßnahmen gegen die Corona-Ausbreitung greifen. Foto: Michael Kappeler/dpa

Die Sommerwelle ist noch nicht vorbei, die Sorgen vor noch mehr Infektionen im Herbst wachsen: Bundesgesundheitsminister Karl Lauterbach befürchtet eine «katastrophale» Corona-Entwicklung, sollten vor dem Herbst keine tauglichen Maßnahmen im Kampf gegen das Virus beschlossen werden.

«Wenn wir so wie jetzt in den Herbst hineingingen, also ohne weitere Schutzmaßnahmen, ohne Masken, ohne alles, dann würde das bedeuten, dass die Fallzahlen stark steigen würden, aber auch die Intensivstationen überlastet würden», sagte der SPD-Politiker am Donnerstag (Ortszeit) bei einem Besuch in der US-Hauptstadt Washington der Deutschen Presse-Agentur.

Er warnte, dass dann auch Personal in den Kliniken ausfallen würde. «Das ist wie eine Kerze, die an beiden Enden brennt», sagte Lauterbach. Unten brenne das Personal weg und oben die Patienten.

Zwischen Lauterbachs Ministerium und dem Haus von Justizminister Marco Buschmann (FDP) laufen derzeit Gespräche über die Corona-Maßnahmen, die künftig im Kampf gegen die Pandemie möglich sein sollen. Im September läuft die Rechtsgrundlage für die inzwischen stark eingeschränkten Regeln aus. Zugleich wird in der kälteren Jahreszeit ein Anstieg der Infektionszahlen befürchtet.

Bayerns Gesundheitsminister Klaus Holetschek (CSU) dringt auf Tempo: Buschmann und Lauterbach müssten endlich zu einem Ergebnis kommen, forderte er am Freitag. «Wir brauchen die neuen Regelungen nicht am 22. September, sondern deutlich früher.» Die Länder benötigten rechtzeitig Klarheit, um sich gut auf den Herbst vorbereiten und die neuen Regelungen kommunizieren zu können.

FDP gilt als Bremse

Innerhalb der Ampel-Regierung gilt bei den Corona-Schutzmaßnahmen vor allem die FDP als Bremser. Buschmann hatte vergangene Woche in Aussicht gestellt, dass eine Maskenpflicht wieder kommen könnte. Zugleich betonte er, dass es keinen Lockdown, keine «pauschalen Schulschließungen» und auch keine Ausgangssperren mehr geben solle.

Holetschek forderte, dass sich Lauterbach «nicht von der FDP über den Tisch ziehen» lassen dürfe. «Wir brauchen einen Werkzeugkasten an Maßnahmen, mit dem wir auf alle, auch ungünstige Szenarien, vorbereitet sind», erklärte er.

Der Vorstandsvorsitzende der Kassenärztlichen Bundesvereinigung (KBV), Andreas Gassen, plädierte für «klare Parameter» im Infektionsschutzgesetz, wies aber Lauterbachs Warnungen teils zurück. «Maßnahmen braucht es letztlich nur, wenn eine nachweislich gefährlichere Virusvariante auftaucht und als Folge davon die Zahl der Schwerkranken erheblich ansteigt und eine Überbelegung der Intensivstationen droht. Sonst nicht», sagte Gassen der «Neuen Osnabrücker Zeitung» (NOZ). Für einen solchen Ernstfall sollte es seiner Meinung nach beispielsweise ein Verbot von Veranstaltungen im «Instrumentenkasten» der Länder geben. Zudem könne auch eine zeitlich und örtlich begrenzte Maskenpflicht für ÖPNV und Einzelhandel helfen. «Für die von Herrn Lauterbach befürchtete «Killer-Mutante», die so ansteckend wie Omikron und so gefährlich wie Delta ist, gibt es derzeit keine Anzeichen», sagte Gassen dem Blatt.

Welle noch nicht gebrochen

Experten geben mit Blick auf die noch laufende Corona-Infektionswelle im Sommer keine Entwarnung: «Die Welle ist noch nicht gebrochen», sagte Ulf Dittmer, Leiter des Instituts für Virologie am Universitätsklinikum Essen. Trotz der hochsommerlichen Temperaturen stieg die bundesweite Sieben-Tage-Inzidenz der nachgewiesenen Infektionen in der vergangenen Woche wieder, schreibt das Robert Koch-Institut (RKI) in seinem Wochenbericht. «Der Anstieg betraf vor allem Bundesländer in der Mitte und im Süden des Landes, und insbesondere die Altersgruppen ab 70 Jahre.» In der Woche zuvor war die Inzidenz laut RKI weitgehend unverändert geblieben.

Am Freitag lag die bundesweite Inzidenz laut RKI bei 729,3 (Vorwoche: 719,2; Vormonat: 488,7). Allerdings liefern diese Angaben nur ein sehr unvollständiges Bild der Infektionszahlen: Experten gehen seit einiger Zeit von einer hohen Zahl nicht vom RKI erfasster Fälle aus - vor allem weil bei weitem nicht alle Infizierten einen PCR-Test machen lassen. Nur positive PCR-Tests zählen in der Statistik. Zudem können Nachmeldungen oder Übermittlungsprobleme zur Verzerrung einzelner Tageswerte führen.

Wieder Auftrieb nach den Ferien

In Modellierungen eines Expertenteams um Kai Nagel von der TU Berlin sei bedingt durch die Schulferien eine Dämpfung der Sommerwelle zu beobachten. Für die Zeit nach den Ferien aber gehe das Modell davon aus, dass die BA.5-Welle durch Reiserückkehrer und den Schulbeginn wieder Auftrieb bekomme.

Bereits seit einigen Wochen steigt die Zahl der Menschen, die mit Covid-19 auf einer Intensivstation behandelt werden müssen, wieder an. Mit Stand vom Mittwoch liege ihre Zahl bei 1330, schreibt das RKI unter Berufung auf Zahlen der Deutschen Interdisziplinären Vereinigung für Intensiv- und Notfallmedizin (Divi). Eine Woche zuvor waren es 1238. Auch die Sterbefallzahlen stiegen an, allerdings bisher nur leicht.

Auf den normalen Stationen im Krankenhaus ist die Lage laut RKI momentan relativ stabil. In der vergangenen Woche habe es insgesamt 3300 neue Krankenhausaufnahmen aufgrund einer schweren Atemwegsinfektion und Covid-19 gegeben. Zuvor waren es 3100. Alte Menschen ab 80 Jahren seien weiterhin am stärksten von schweren Krankheitsverläufen betroffen.

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