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Diabetes

Auf eigenen Füßen

Münster

Menschen mit einer diabetischen Erkrankung leben gefährlich. Wilfried Schreier hat am eigenen Fuß erlebt, wie eine kleinen Wunde  lebensbedrohlich werden kann. Beim Diabetische Fußsyndrom bleibt als letzte Therapie-Option oft nur eine Amputation. 

Marlies Grüter

Professor Alexander Oberhuber (links) und Professor Tobias Hirsch untersuchen den Fuß von Foto: Peter Leßmann

Menschen mit einer diabetischen Erkrankung leben gefährlich. Einer, der das aus Erfahrung bestätigen kann, ist Wilfried Schreier. Er hat am eigenen Fuß erlebt, wie sich aus einer kleinen Wunde eine lebensbedrohliche Situation entwickeln kann. Da das Diabetische Fußsyndrom (DFS) häufig zu spät erkannt wird, bleibt als letzte Therapie-Option oft nur eine Amputation. Um die zu verhindern und Patienten rechtzeitig zu beraten, haben das Universitätsklinikum Münster (UKM) und die Fachklinik Hornheide eine spezielle Sprechstunde eingerichtet.

„Eigentlich habe ich die kleine Geschichte gar nicht wirklich ernst genommen“, sagt Wilfried Schreier. Er stellt seine Gehhilfen in die Ecke des Besprechungsraumes in der Gefäßchirurgie des UKM und zeigt auf seinen verbundenen rechten Fuß. „Es war nur eine winzige Blase am Zeh, die sich beim Laufen in einem neuen Schuh gebildet hatte“, erzählt der 68-Jährige. „,Eine Bagatelle‘, dachte ich. Mit Salbe und einem Verband habe ich die Stelle versorgt und darauf vertraut, dass sich das von selbst schnell wieder bessert.“ Eine trügerische Hoffnung, wie der Architekt nach wenigen Tagen erfahren musste. „Die Wunde breitete sich weiter aus. Der Zeh wurde schwarz. Ich musste in die Notaufnahme der Gefäßchirurgie der Uniklinik und wurde operiert“, berichtet Schreier. Jetzt ist er mit Professor Alexander Oberhuber, Direktor der Klinik für vaskuläre und endovaskuläre Chirurgie am UKM, und Professor Tobias Hirsch, Chefarzt für Plastische und Ästhetische Chirurgie an der Fachklinik Hornheide und Leiter der plastischen Chirurgie des Universitätsklinikums Münster, und Oberarzt Dr. David Kampshoff zu einer Nachuntersuchung verabredet. „Herr Schreier ist Diabetiker und kam zu uns mit einem schrecklichen Befund an seinem Zeh“, beschreibt Oberhuber. „Wir hatten es mit einer umlaufenden Entzündung im fortgeschrittenen Stadium zu tun, die sich rasant entwickelt hatte.“ Ein Fall nicht nur für die Gefäßchirurgie. „Bei einem solchen Befund müssen sofort auch die Diabetologie und die Plastische Chirurgie mit einbezogen werden“, erklärt Oberhuber. „Das kann niemand alleine verantworten.“ Die Fachabteilungen müssen ganz eng zusammenarbeiten, damit der Patient die bestmögliche Behandlung bekommt. Um das Zusammenspiel der Fachbereiche zu gewährleisten, hat sich ein Team von Experten aus der Gefäßchirurgie, der Diabetologie und der Plastischen Chirurgie des Universitätsklinikums Münster und der Fachklinik Hornheide zu einer interdisziplinären Sprechstunde „Diabetisches Fußsyndrom“ zusammengeschlossen. Das gemeinsame Ziel: die Patienten ganzheitlich zu behandeln und fachübergreifend die beste Therapie für das komplexe Krankheitsbild anzubieten. „Der Patient soll möglichst auf zwei Beinen die Klinik verlassen“, sagt Hirsch.

Behandlung unter Zeitdruck

Bei Wilfried Schreier war höchste Eile geboten: Eine Ultraschalluntersuchung des Beines zeigte einen Verschluss der Arterien im Unterschenkel. Durch die Durchblutungsstörung wurde der Fuß nicht mehr ausreichend versorgt. Eine Intervention in der Gefäßchirurgie sorgte für eine Verbesserung der Durchblutung im Bein und auch im Bereich der Wunde. Gleichzeitig waren die Diabetologen beteiligt, um die Blutzuckerwerte des Patienten wieder einzustellen, sowie die plastische Chirurgie für die komplexe Wundversorgung. „Alle gemeinsam haben wir die OP beurteilt und die nächsten Schritte abgestimmt“, so Oberhuber. „Es musste alles unter Zeitdruck und Hand in Hand gehen. Das funktioniert nur im Team.“ Im Fall von Wilfried Schreier war es notwendig, das erkrankte Gewebe am Fuß zu entfernen. Zwei Zehen waren nicht mehr zu retten und mussten amputiert werden. Mit einer speziellen Hautverpflanzung sorgten die Spezialisten der Plastischen Chirurgie der Fachklinik Hornheide/Universitätsklinikum Münster für eine gute Wunddeckung. Eine Amputation von Wilfried Schreiers Fuß haben sie so vermieden. „Bald kann ich wieder ohne Unterstützung auf beiden Beinen gehen“, ist Schreier überzeugt, und auch die behandelnden Ärzte sind mit dem Heilungsprozess zufrieden.

Prävention und Prophylaxe

Dass wie bei Wilfried Schreier eine Amputation vermieden werden kann, ist nicht selbstverständlich. Eine Zuckerkrankheit schädigt über die Zeit Schlagadern und Nerven der Patienten, wenn sie nicht rechtzeitig oder ausreichend behandelt wird. Die so entstehenden Durchblutungsstörungen führen dazu, dass Beine und Füße nicht ausreichend versorgt werden. Wenn auch die Nerven angegriffen sind, nehmen die Betroffenen Schmerzen an den Füßen nur noch eingeschränkt oder überhaupt nicht mehr wahr. Das Diabetische Fußsyndrom (DFS) wird nicht bemerkt. Erst wenn sich Geschwüre oder schwer heilende Wunden bilden, der Fuß also „symptomatisch“ wird, werden Betroffene aufmerksam. „Dann ist es häufig zu spät, und es bleibt als letzte Therapie-Option nur die Amputation mit allen lebensbedrohlichen Komplikationen“, erläutert Oberhuber. „Deshalb müssen wir deutlich früher mit den Patienten und den niedergelassenen Ärzten zusammenarbeiten. So können wir Risikofaktoren ermitteln und Betroffene frühzeitig identifizieren.“ Die interdisziplinäre Sprechstunde hat so neben der umfassenden Behandlung und Betreuung der Betroffenen durch die Experten aus drei Fachbereichen die besondere Aufgabe von Prophylaxe und Prävention des DFS. „Wichtig ist es uns, Ärzte und Patienten gleichermaßen zu sensibilisieren, eine Diabetes-Erkrankung nicht auf die leichte Schulter zu nehmen“, macht David Kampshoff deutlich. „Eine kleine Wunde am Fuß, die bei gesunden Menschen schnell verheilt, kann für Diabetiker lebensbedrohlich werden.“

Die interdisziplinäre Sprechstunde zum diabetischen Fußsyndrom wendet sich an diabetologische Patienten aller Sektoren, die eine konsiliarische Einschätzung wünschen. Eine Anmeldung zur Sprechstunde ist möglich unter Tel. 0251/ 83 45782 oder per Mail: DFS@ukmunester.de.

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