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Wirtschaftsprofessor im Gespräch

„Corona-Pandemie hat Vereine sehr gebeutelt“

Darmstadt

Die Corona-Pandemie ist nach Auffassung von Wirtschaftsprofessor Michael Vilain Gift für Vereine gewesen. Schlechte Karten in der Zukunft hätten Arbeitergesangs- und Taubenzüchterverein oder Briefmarkensammler. Aber es gibt durchaus auch Positives zu vermelden.

Von Rudolf Stumberger, epd

Ein Mann trainiert: Viele Menschen sind aus Sportvereinen ausgetreten und haben sich im Fitnessstudio eingeschrieben. Foto: picture alliance/dpa | Oliver Dietze

Die Corona-Pandemie ist nach Auffassung von Michael Vilain Gift für die Vereine in Deutschland gewesen. „Die hat es sehr gebeutelt, die Folgen werden noch lange zu sehen sein“, sagte der Wirtschaftsprofessor, der sich als Wissenschaftler mit Ehrenamt und Vereinen beschäftigt, dem Evangelischen Pressedienst (epd). Viele Menschen hätten sich zurückgezogen, es habe ein „Rückzug in die Familie und den kleinen Freundeskreis“ stattgefunden, stellt Vilain fest.

Vor allem Vereine, die auf einer aktiven Mitgliedschaft beruhen, hätten gelitten. So seien die Leute aus Sportvereinen ausgetreten und nicht wieder zurückgekommen. „Die haben sich dann im Fitnessstudio eingeschrieben“, sagt der Professor der Evangelischen Hochschule Darmstadt.

Schlechte Karten für die Zukunft

Nach Vilains Einschätzung wird es eine weitere Auffächerung der Vereinslandschaft geben. Die Zukunft gehöre eher speziellen Clubs wie etwa den Bungee-Jumping-Vereinen und weniger den allgemeinen Sportvereinen. Insgesamt gehe es aber „dem Verein heute gar nicht so schlecht“. Die Zahl der ehrenamtlich engagierten Menschen habe sogar zugenommen.

Eher schlechte Karten für die Zukunft hätten sogenannte milieubasierte und generationsbezogene Vereine, wie der Arbeitergesangsverein, der Taubenzüchterverein oder die Briefmarkensammler. Derartige traditionelle Vereine seien an ein bestimmtes Milieu oder an eine bestimmte Generation gebunden: Menschen, die zusammen mit einem Hobby wie dem Modellbau begonnen hätten, seien nun gemeinsam gealtert. Die Milieus hätten sich im Laufe der Zeit geändert und der technologische Wandel habe Hobbys wie das Fotografieren verändert, erklärt Vilain.

Zahl der Vereine ernorm gestiegen

Jüngere Menschen seien unverändert offen für Zusammenschlüsse. Ihre „Suche nach Werten“, so Vilain, führe sie etwa zur Pfadfindergruppe „Royal Rangers“ der Freikirchen. Zulauf hätten auch muslimische Organisationen. Das Bedürfnis nach Werten befriedigten auch Protest- und Jugendbewegungen wie Fridays for Future.

Vereine sind für den Zusammenhalt der Gesellschaft „wichtig bis sehr wichtig“, sagt Vilain. Die Gemeinschaften gelten als „sozialer Kitt der Gesellschaft“ und hätten eine integrierende Funktion, etwa wenn bei der Freiwilligen Feuerwehr Leute aus allen sozialen Schichten zusammenkämen.

Die Zahl der Vereine ist in den vergangenen Jahrzehnten enorm gestiegen: Wurden in den 1950er Jahren rund 90.000 derartiger Zusammenschlüsse gezählt, liegt die Zahl nach aktuellen Schätzungen bei 600.000 Vereinen in Deutschland.

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