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Corona-Pandemie

Impfstart in 35 000 Arztpraxen

Berlin

Nach Ostern steigen die Hausarzt-Praxen in die Impfkampagne gegen das Coronavirus ein. Das ist gut so, weil auch die Kapazitätsausweitung dringend notwendig ist. Bedenken kommen jedoch von Hausarzt-Funktionären. Sie raten ihren Kollegen davon ab, Menschen unter 60 mit Astrazeneca zu impfen. Der Beratungsaufwand sei mit Blick auf die möglichen Nebenwirkungen einfach zu groß.

er/dpa

Nach Ostern starten die Corona-Impfungen in Hausarztpraxen. Foto: picture alliance/dpa | Peter Kneffel

Die Corona-Impfungen sollen in der ­Woche nach Ostern auch in bundesweit 35 000 Hausarztpraxen starten und dort allmählich hochgefahren werden. „Das wird noch kein großer Schritt sein, aber ein sehr wichtiger“, sagte Bundesgesundheitsminister Jens Spahn (CDU) am Donnerstagin Berlin. Für die erste Wochehaben die Praxen demnach 1,4 Millionen Dosen bestellt. Geliefert werden sollen entsprechend der ­Planungen von Bund und Ländern 940 000 Dosen. Da­neben bekommen die Impfzentren der Länder 2,25 Millionen Dosen pro Woche. Später sollen auch Fachärzte, Privatärzte und Betriebs­ärzte mitimpfen.

Spahn sagte, mit dem Start in den Praxen würden Abläufe etabliert, um die Zahlen in wenigen Wochen deutlich steigern zu können. Ende April seien mehr als drei Millionen Dosen pro Woche für die Praxen vor­gesehen. Der Impfstoff gehe vom Bund an den Groß­handel und dann über die Apotheken an die Praxen.

In den ersten beiden Wochen solle in den Praxen ausschließlich der Impfstoff von Biontech/Pfizer eingesetzt werden. Grund sei, dass er in ausreichender Menge verfügbar sei, sagte Spahn. Ab der Woche vom 19. April seien Biontech und Astra­zeneca vorgesehen, danach Biontech, Astrazeneca und Johnson & Johnson. Spahn rief Bürger, die schon Termine in Impfzentren haben, dazu auf, diese auch wahrzunehmen.

Allgemeinmediziner wollen Astrazeneca nicht unter 60-Jährigen verabreichen

Derweil wollen die niedergelassenen Ärzte in ihren Praxen unter 60-Jährige generell nicht mit dem Impfstoff von Astrazeneca impfen, obwohl das nach den ­geänderten Empfehlungen sehr wohl möglich ist. Der Zeitbedarf für eine Beratung und intensive Aufklärung jüngerer Patienten steht „einer schnellen Impfkampagne diametral entgegen“, sagte der stellvertretende Vorsitzende der Kassenärztlichen Bundesvereinigung, Stephan Hofmeister. „Wir wollen schnell und zügig impfen“, betonte er. Daher empfehle man den nieder­gelassenen Ärzten, Astra­zeneca nur bei Menschen über 60 zu verimpfen.

Ähnlich äußerte sich der Chef der Deutschen Hausärzteverbandes, Ulrich Weigeldt. „Ich würde den Kolleginnen und Kollegen raten, mit den Impfungen von unter 60-Jährigen mit diesem Impfstoff zunächst abzuwarten, bis der Sachverhalt klarer und detaillierter vorliegt“, sagte er.

Kommentar: Ärmel aufkrempeln

Erst das Hickhack um den Impfstoff-Mangel. Dann der Astra­zeneca-Ärger. Nun das Murren der Arzt-Funktionäre, weil der erforderliche Aufklärungsbedarf beim nicht nebenwirkungsfreien Impfstoff-Sorgenkind das Zeitbudget der Allgemeinmediziner strapaziert. Die Corona-Impf­kam­pagne in Deutschland steht unter keinem guten Stern.

Es scheint so, als sei dem Organisationsweltmeister Deutschland hier das Organisationstalent abhanden­gekommen. Oder liegt des Pudels Kern eher in mangelnder Entschiedenheit? Natürlich: Möglichen Astrazeneca-Nebenwirkungen muss auf den Grund gegangen werden. Darum war der Impfstopp richtig und wichtig. Richtig und wichtig war es aber auch, danach zügig umzu­switchen, damit das Vakzin all jenen angeboten werden kann, deren Thrombose-Risiko am geringsten ist.

Ärmel aufkrempeln! Das ist jetzt im doppelten Sinn geboten. Bei denen, die den Impfstoff bekommen, und jenen, die ihn verabreichen. Gegen die dritte Corona-Welle anzuimpfen, klappt nicht mehr. Sie schlägt gerade über uns zusammen. Es bleibt, alles daranzusetzen, möglichst viele Menschen in möglichst kurzer Zeit zu immunisieren. ­Also: nicht murren, sondern machen. In den Impfzentren, in den Arztpraxen – und bald gerne auch beim Betriebsarzt, wenn denn endlich genug Impfstoff da ist.

Elmar Ries

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