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Forschen & Heilen

Fitnesstraining auf der Intensivstation

Münster

Physiotherapie auf Intensivstationen ist das Ankämpfen gegen den Verlust: Denn im Liegen verlieren die Patienten täglich bis zu zehn Prozent ihrer Skelettmuskelmasse. Außerdem: Wer flach liegt, atmet auch flach – und muss befürchten, dass seine oder ihre Lunge schlecht belüftet wird. Darum sorgt Physiotherapeut Dr. Jochen Bräunig auf der Intensivstation des Herzzentrums am Universitätsklinikum Münster (UKM) für Bewegung.

Von Edina Hojas

Physiotherapeut Dr. Jochen Bräunig sorgt auf der Intensivstation des Herzzentrums am Universitätsklinikum Münster (UKM) für Bewegung. Foto: UKM/Klatthaar

Künstliches Licht, piepende Geräte, Schritte auf dem PVC-Boden. Die Eintönigkeit auf der Station 19 B vermittelt ein Gefühl der Ruhe. „Das trügt“, sagt Dr. Jochen Bräunig. Immer ist es taghell, immer sind alle bereit für den Notfall. Der Physiotherapeut und Medizinwissenschaftler sieht aus wie jemand, der zupacken kann: grau melierte Haare, aufrechter Gang, kräftige Statur.

Durch das Liegen schwindet die Muskulatur der Patienten

Bräunigs nächste Patientin hatte eine Operation an der Herzklappe. Sie leidet unter Vorerkrankungen der Nieren und der Lunge. Eine Maschine übernimmt ihre Atmung. Sie ist kaum ansprechbar, ihre Glieder sind schwer und kraftlos. Bräunig hebt sie zunächst an die Bettkante, erklärt ihr dabei jeden Schritt, streicht ihr über den Rücken. Ein Gerät schlägt Alarm, weil der Blutdruck steigt. Die Patientin hustet, Luft löst sich aus der Lunge. Alles in Ordnung, weiß Bräunig. Der Therapeut kennt sich mit den Geräten aus.

Ein großer Würfel sichert nun die Sitzposition der Patientin, zwei kleinere dienen als Stütze für die Arme. In dieser Haltung fällt das Atmen leichter – wenigstens für kurze Zeit verringert man so die maschinelle Beatmung. Diese sollte „so kurz wie möglich, so lang als nötig“ sein, um einen Abbau der Atemmuskulatur zu verhindern. Doch nicht nur die Atemmuskulatur schwindet, sondern auch die Skelettmuskulatur. Bräunigs Patientin muss sich bewegen, um am Leben zu bleiben. Heute soll sie Fahrrad fahren. Noch kommt die Bewegung vom Gerät, aber es ist ein Anfang. „Zehn Minuten, versuchen wir das?“, fragt Bräunig, schaltet das Therapiefahrrad an und die Beine beginnen sich zu bewegen. „Das ist die Vorbereitung zum Stehen“, sagt er. Die Kunst liegt hierbei in der optimalen Dosierung. Das Training muss fordernd, aber darf nicht zu anstrengend sein.

Übungen sollen auch die Atmung verbessern

Physiotherapie auf Intensivstatio­nen – das ist Ankämpfen gegen den Verlust, denn im Liegen verlieren die Patienten täglich bis zu zehn Prozent ihrer Skelettmuskelmasse. Das sind jene Muskeln, mit denen zum Beispiel Arme und Beine bewegt werden. Der Fachbegriff lautet ICUAW (Intensive Care Unit Acquired Weakness) und bezeichnet den Muskelschwund, den Patienten auf einer Intensivstation erleiden. Bis heute ist dieses Problem nicht gut erforscht, sagt Bräunig.

Das lange Liegen beeinflusst auch die Atmung, denn wer liegt, atmet flach. Die Folge ist eine schlechte Belüftung der unteren Lungensegmente. Auf Dauer kann sich so die Lunge entzünden. Die Atemphysiotherapie hilft aber auch Patienten, die auf externe Systeme zur Unterstützung von Herz und Lunge angewiesen sind. Das Ziel: Atmen ohne Hilfsmittel. Bräunig hat zu diesem Thema promoviert und hat den Erfolg von Physiotherapie bei Patienten nachgewiesen, die solche Systeme brauchen.

Würfel erleichtern die Physiotherapie

Die Würfel, die bei seiner Patientin zum Einsatz gekommen sind, helfen bei der Belüftung der unteren Lungensegmente. Dr. Thomas Ermert, Oberarzt der Klinik für Anästhesiologie, operative Intensivmedizin und Schmerztherapie, erklärt den Vorgang so: „Wenn wir uns anstrengen und kurzatmig sind, stützen wir unsere Hände auf die Oberschenkel. Mit diesem Reflex ziehen wir die Atemhilfsmuskulatur hinzu, die vom Arm aus den Brustkorb anhebt und uns so das Atmen erleichtert.“ Schaumstoff-Würfel als Vorbeugung von Lungenentzündungen.

Das klingt fast zu einfach, um wahr zu sein. Dabei sind die Würfel keine Neuheit. Aber sie zeigen, wie Veränderungen von unten das Patientenwohl steigern können. Früher waren die Würfel für die Patienten entweder zu groß oder zu klein, sie passten nicht richtig auf die Betten. Bräunig und sein Team wollten das ändern. Mit den Bettmaßen und der Durchschnittsgröße ihrer Patienten ließen sie in der hauseigenen Polsterei neue Würfel anfertigen. Heute steht in jedem Zimmer ein Set bestehend aus einem Rückenwürfel und zwei Armwürfeln. Sie gehören ebenso zum Equipment wie Therapiestühle, Therapiefahrrad und Gehwagen – stufenlos höhenverstellbar, gasdruckgefedert. Es ist, als spräche Bräunig von einem Sportwagen.

Kleine Maßnahmen, die aber zusammen eine großer Wirkung haben. Und das Beste: Es gibt keine Nebenwirkungen. Der 52-jährige Physiotherapeut gibt sein Wissen daher gern an andere weiter und begreift seine Tätigkeit als ständigen Lernprozess. „Das ist wie bei einer Fußballmannschaft“, sagt er, „wenn du gut sein willst, musst du nur regelmäßig trainieren. Jeder auf seiner Position.“

Intensivpatienten bilden Herausforderung

Patienten auf Intensivstationen sind Extremfälle. Daher sind auch die Herausforderungen an Physiotherapeuten besonders hoch. Wer hier arbeitet, braucht ein umfassendes Hintergrundwissen. Zurzeit besucht Bräunig eine Schulung über Dialyse. Dort lernt er, was dem Körper seiner Patientin entzogen wird, wie er darauf reagiert und wie viel er ihr während der Behandlung zumuten darf. Interne Fortbildungen geben zudem Aufschluss darüber, wie die Werte der Geräte einzuordnen sind. Seine Maßnahmen stimmt Bräunig dann mit der Medikation der Ärzte und den Pflegekräften ab.

Im Zentrum steht der Wiedererwerb der größtmöglichen Autonomie. Bevor Bräunigs Patientin auf die Normalstation darf, soll sie schaffen, was für Gesunde selbstverständlich ist: sich auf einen Stuhl setzen, sich waschen, allein essen. Im besten Fall dreht sie eine Runde mit dem Gehwagen, bevor sie die Station verlässt.

Therapie macht die Patienten müde

Thomas Ermert sieht einen weiteren Vorteil der Maßnahmen: Sie machen die Patienten müde. „Ein ganzheitlicher Ansatz“, sagt er.

Thomas Ermert

Wer sich am Tag anstrengt, kann nachts besser schlafen. Während er das sagt, piept es wieder irgendwo, gefolgt von schnellen Schritten auf dem PVC. Die Lampen sind heller als das Licht, das draußen durch die Wolken dringt.

Dass Physiotherapie bereits auf Intensivstationen greift, wissen nur wenige. Bräunig wünscht sich daher eine größere Wahrnehmung – und einen qualifizierenden Studiengang, denn bis heute ist die Arbeit auf Intensivstationen noch nicht in der Ausbildung zum Physiotherapeuten verankert. Wer sich später auf diesen Bereich spezialisiert, profitiert von einem direkten Austausch aller wichtigen Berufsgruppen. „Dieses tägliche Über-den-Tellerrand-Schauen ist fantastisch“, schwärmt Bräunig.

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