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Forschen & Heilen

Ein Navi für die Lunge

Sabine Korte kann endlich wieder durchatmen – und das im wahrsten Sinne des Wortes. Denn die zurückliegende Zeit war für sie anstrengend und alles andere als einfach: Bei einer Nachsorgeuntersuchung erkennen Medizinerinnen und Mediziner bei ihr eher zufällig einen auffälligen Herd in der Lunge. Was sie dann erfährt, fühlt sich schwer an und nimmt ihr nahezu die Luft zum Atmen: Sie hat Krebs. Doch dank Hochleistungsmedizin und -technik ist sie inzwischen wieder zu Hause, zurück im Alltag, bei ihrer Familie.

Von Pia Schrell

Mal richtig durchatmen – das weiß man besonders zu schätzen, wenn die Lunge krank war. Foto: IMAGO

Es ist nebelig, als Sabine Korte im 18. Stock des Universitätsklinikums Münster (UKM) nach ihrer OP aufwacht. Nebelsuppe so weit das Auge reicht. Doch was viel wichtiger ist als ein Panoramablick über die Stadt: Ärztinnen und Ärzte haben der heute 55-jährigen Mutter wenige Stunden zuvor das Leben gerettet.

Sabine Kortes Krankheit hat eine Vorgeschichte: 2017 haben Ärzte ein Karzinom der Schilddrüse festgestellt und entfernt. Seitdem kommt sie engmaschig zu Nachsorgeterminen. Auch dieses Mal machen Ärzte ein CT-Scan (Computertomografie, ein bildgebendes Verfahren in der Radiologie) vom Thorax. „Dort gab es überraschenderweise einen Herd im linken Lungenflügel, der an Größe zugenommen hatte“, sagt Professorin Annalen Bleckmann, Zentrumsdirektorin des WTZ (Westdeutsches Tumorzentrum) Netzwerkpartner Münster und Leiterin der internistischen Onkologie (Medizinische Klinik A). Hat der frühere Schilddrüsenkrebs etwa doch noch metastasiert?

Es folgt ein spezielles PET/CT, bei dem neben den hochauflösenden Schnittbildern des Körpers auch Stoffwechselprozesse sichtbar gemacht werden können. „Eine Narbe zeigt dabei keine Aktivität, ein Tumor hingegen schon“, erklärt Professor Georg Lenz, Direktor der Medizinischen Klinik A (Hämatologie, Hämostaseologie, Onkologie und Pneumologie). Für Sabine Korte eine schwere Zeit, an die sie sich nicht gerne erinnert: „Es war ein Schock, aber ich habe es angenommen und alles mitgemacht.“

Bronchoskopie: Besondere Art der Lungenspiegelung

Doch damit die Mediziner überhaupt wissen, womit sie es zu tun haben, führen sie zunächst eine navigationsgesteuerte Bronchoskopie durch. Eine besondere Art der Lungenspiegelung, die es in dieser Form noch nicht lange gibt: „Wir arbeiten seit letztem Jahr damit“, sagt Dr. Michael Mohr, Leiter der Pneumologie am UKM.

Die besondere Form der Diagnostik lässt sich mit einem GPS-System vergleichen: Mithilfe von Hochleistungstechnik bahnen sich geschulte Experten so den Weg zu Herden oder bösartigen Veränderungen, während die Technologie alles genau berechnet. Dazu führt Mohr seiner Patientin durch die Luftröhre einen flexiblen Schlauch mit Kamera ein, der sich bis in die nur wenige Millimeter breiten Bronchialäste vorschieben lässt. Alles wird radiologisch unterstützt und kontinuierlich mit Aufnahmen des Thorax bildgebend begleitet. In einer 3-D-Darstellung kann die Lunge samt auffälliger Stellen dann später von den behandelnden Ärzten angeschaut werden.

Technik ermöglicht bessere Behandlung

„Mit dieser Untersuchung liegt die Wahrscheinlichkeit, selbst kleine Herde und Veränderungen zu erreichen, bei 80 Prozent“, sagt Mohr. Mit der alten Methode sei dies bei Herden unter zwei Zentimetern nur in 20 bis 30 Prozent der Fälle möglich gewesen. Nach einer Probenentnahme des Gewebes bestätigt sich bei Sabine Korte eine neue Diagnose: Sie hat Lungenkrebs. Der alte Schilddrüsenkrebs hat nichts damit zu tun.

Die neue Technik hilft den Medizinern: „Wir wussten Dank der Bronchoskopie vor der OP genau, was zu tun ist und was uns erwartet“, sagt Dr. Karsten Wiebe, Leiter der Sektion Thoraxchirurgie und Lungentransplantation des UKM. In einer zweistündigen OP entfernt er Sabine Korte den linken Oberlappen der Lunge und einen Lymphknoten. „Früher mussten teils große Resektionen gemacht werden.“ Das heißt: Patientinnen und Patienten mussten sich zur Sicherheit mitunter von großen Teilen ihrer Lunge trennen, weil feinste Herde nicht im Vorfeld aufgespürt werden konnten.

Team trifft gemeinsam Entscheidungen

Sabine Korte ist zunächst erleichtert, freut sich nach einigen Wochen, endlich wieder zu Hause zu sein. Doch ein paar Monate später stellen Ärzte bei einer Nachsorgeuntersuchung erneut Herde fest: Dieses Mal ist der andere Lungenflügel betroffen.

Wieder bangt die 55-Jährige. Wieder ist die Expertise der Mediziner gefragt. Wieder führt Dr. Mohr eine navigationsgesteuerte Bronchoskopie durch und kann Entwarnung geben: Es sind nur Entzündungen. „Wir arbeiten immer im Team zusammen und treffen gemeinsame, interdisziplinäre Entscheidungen“, sagt Bleckmann. Auch dieses Mal besprechen sie in einer speziellen Tumorkonferenz, welche Schritte sinnvoll sind. Beteiligt sind dabei neben den Pneumologinnen und Pneumologen, den Tumorexpertinnen und -experten, Thorax-Chirurginnen und -Chirurgen auch Kolleginnen und Kollegen aus Radiologie und Pathologie. Das Ergebnis des Gremiums: Eine neue OP muss nicht stattfinden.

Rechtzeitige Entdeckung

„Ich war erleichtert“, erinnert sich die Patientin. Auch darüber, dass ihr ein weiterer Eingriff erspart blieb. „Durch die Bronchoskopie konnten wir feststellen, dass es nur Entzündungen sind, die nicht operiert werden müssen und medikamentös behandelt werden können“, sagt Bleckmann. In einer früheren Zeit und ohne die Technik hätte die Patientin möglicherweise Teile der Lunge verloren oder aufgrund eines späten Erkennens nicht überlebt. Denn: „Insgesamt sterben mehr Menschen an einem Lungenkarzinom als beispielsweise an Brustkrebs“, sagt Pneumologe Mohr. Über 50.000 Menschen erkrankten pro Jahr in Deutschland neu.

Pneumologe Dr. Michale Mohr

Einzig Rauchen sei nach wie vor ein großer Risikofaktor, der durch eigenes Handeln eingedämmt werden könne. Auch eine Veranlagung (Angehörige 1. Grades mit Lungenkrebs) kann eine Rolle spielen oder das Arbeiten mit Gefahrstoffen. Letzteres treffe aber auf nicht allzu viele Menschen zu. Was bei seiner Patientin zum Krebs geführt hat, weiß niemand. Sabine Kortes Familie ist weder vorbelastet noch hat sie geraucht. Doch was zählt: Ihre Ärztinnen und Ärzte entdeckten den Krebs rechtzeitig.

Sie alle haben sich um Patientin Sabine Korte gekümmert: Dr. Karsten Wiebe, Leiter der Sektion Thoraxchirurgie und Lungentransplantation (in der Klinik für Herz-Thorax-Chirurgie), Dr. Michael Mohr, Leiter der Pneumologie (in der Medizinischen Klinik A), Prof. Georg Lenz, Direktor der Medizinischen Klinik A (Hämatologie, Hämostaseologie, Onkologie und Pneumologie) und Prof. Annalen Bleckmann, Zentrumsdirektorin Wetdeutsches Tumorzentrum Netzwerkpartner Münster (v.l.n.r.). Foto: UKM/Marcus Heine

Dementsprechend gut scheint ihre Prognose, da ist das Behandlungsteam zuversichtlich. Inzwischen geht es Sabine Korte so gut, dass sie sogar wieder arbeiten und ihrem Beruf in einer Drogerie nachgeht. Kartons und Ware für den Verkauf vorzubereiten, das ist nach vielen Monaten wieder Teil ihres Alltags. Die Mutter genießt es, endlich zurück im Kreis ihrer Liebsten zu sein, denn alle vermissten sie in den vielen Wochen. Bei kleinen Spaziergängen weht ihr wieder frische Luft um die Nase. Aufatmen, das kann sie in solchen Momenten nach all den durchgemachten Strapazen wieder: „Ich habe manchmal noch ein kleines Druckgefühl“, sagt sie, aber auch das sei schon sehr viel besser geworden.

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