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Sonderveröffentlichung

Longcovid

Nebel im Kopf

Münster

Julia Schmidt hat ihre Zuversicht nicht verloren, auch wenn Corona sie kalt erwischt hat. „Mein Leben ist nicht mehr das, was es mal war“, sagt die 30-Jährige. Eine Sars-CoV-2-Infektion hat sie aus der Bahn geworfen, ihre Pläne und Zukunftsträume auf den Kopf gestellt.

Die Infektion mit dem Coronavirus kann Patientinnen und Patienten für lange Zeit aus der Bahn werfen. Unter anderem kann das Riechen für lange Zeit gestört sein. Aber nicht nur das. Foto: dpa

Julia Schmidt hat ihre Zuversicht nicht verloren, auch wenn Corona sie kalt erwischt hat. „Mein Leben ist nicht mehr das, was es mal war. Aber ich gebe die Hoffnung nicht auf“, sagt die 30-Jährige. Eine Sars-CoV-2-Infektion hat sie aus der Bahn geworfen, ihren Alltag, ihre Pläne, ihre Zukunftsträume auf den Kopf gestellt. Ohne Vorwarnung.

„Ich war doppelt geimpft gegen das Coronavirus und habe mir bei den ersten Symptomen keine großen Sorgen gemacht“, erinnert sich Schmidt, die im wirklichen Leben anders heißt. Die Sprachwissenschaftlerin und Doktorandin an der Westfälischen Wilhelms-Universität war zuversichtlich, die Erkrankung schnell hinter sich bringen zu können. Vorerkrankungen, Risikofaktoren – Fehlanzeige. Die junge Frau fühlte sich topfit und widerstandsfähig. Joggen und Radfahren standen immer auf ihrem aktiven Freizeitprogramm.

„Meine Corona-Symptome waren ganz klassisch“, erzählt sie. Anfang Dezember war es, als sie plötzlich nicht mehr riechen und schmecken konnte. „Dazu kamen dann erhöhte Temperatur und ein starkes Erschöpfungsgefühl. Ich war einige Tage richtig krank.“ Aber dann ging’s wieder bergauf. Mitte Dezember kehrte Julia Schmidt an ihren Schreibtisch zurück.

Geistig und körperlich geschwächt

Mit Bewegung und Sport, Wanderungen und ersten Joggingrunden wollte sie wieder an ihre Vor-Corona-Form anknüpfen. Das schien auch zu gelingen. Doch dann der Einbruch: Nach wenigen Wochen fühlte sie sich kraftlos. Nichts ging mehr. „Eisenmangel“, diagnostizierte ihre Hausärztin. „Aber die Präparate haben nichts bewirkt.“

Im Gegenteil: Ihre allgemeine Konstitution verschlechterte sich zusehends. „Mein Kopf, meine Muskeln, nichts wollte mehr gehorchen“, beschreibt Julia Schmidt. Die Wissenschaftlerin konnte kaum noch klare Gedanken fassen. „Es fühlte sich an wie Nebel im Gehirn. Das Denken wollte nicht mehr gelingen. Ich hatte Wortfindungsstörungen und selbst kleinste Rechenaufgaben haben mich überfordert“, berichtet sie. „Ich stand völlig neben mir. Noch nie habe ich mich so hilflos und ohnmächtig gefühlt.“

Ein long-covid-Patient macht ein Atemtraining in einem Gymnastikraum der Klinik Teutoburger Wald, eine Reha-Klinik für Post-Covid Erkrankte. Niedersachsens Gesundheitsministerin Behrens (SPD) besucht die Einrichtung.  Foto: dpa

Denn hinzu kam eine für sie nie gekannte körperliche Schwäche. „Es war so, als würden alle Muskeln nicht richtig mit Sauerstoff versorgt. Ich war überhaupt nicht belastbar, fühlte mich wie betrunken und übernächtigt mit bleiernen Schmerzen in den Muskeln.“ Jede Treppenstufe wurde zur Qual, an einigen Tagen war nicht einmal ans Aufstehen zu denken. Sie zog aus ihrer Stadtwohnung in Münster zurück zu ihren Eltern. Wissenschaftliches Arbeiten rückte ganz nach hinten.

Diagnose: Post-Covid

Im Mai dann stellte ihre Hausärztin nach vielen intensiven Untersuchungen die Diagnose „Post Covid“: Julia Schmidt leidet an den Spätfolgen ihrer Corona-Infektion. Das Robert-Koch-Institut definiert „Long Covid“ als gesundheitliche Beschwerden, die jenseits der akuten Krankheitsphase einer Sars-CoV-2-Infektion von vier Wochen fortbestehen oder neu auftreten. „Post Covid“ sind danach Beschwerden, die noch mehr als zwölf Wochen nach Beginn der Infektion vorhanden sind und nicht anderweitig erklärt werden können.

Mit einer Überweisung kam Schmidt in die Sprechstunde von Dr. Phil-Robin Tepasse, Oberarzt und Leiter des Bereichs Infektiologie an der Universitätsklinik Münster. Hier finden Menschen wie Julia Schmidt eine Anlaufstelle. Der Facharzt kennt die Symptomatik des Long- oder Post-Covid-Syndroms aus vielen Patientengesprächen: Andauernde Müdigkeit, Abgeschlagenheit und Konzentrationsstörungen, extreme Schwächegefühle und starke Gliederschmerzen werden vielfach beschrieben. „Bevor die Diagnose gestellt werden kann, müssen zwingend alle eventuell möglichen organischen Erkrankungen sicher ausgeschlossen werden“, betont Tepasse.

Die Beschwerden, die die Long- oder Post-Covid-Patienten in der Sprechstunde schildern, sind in Expertenkreisen schon lange auch im Zusammenhang mit anderen Infektionserkrankungen wie dem Pfeifferschen Drüsenfieber bekannt. „Wir kennen sie als Fatigue-Symptomatik mit den typischen Merkmalen wie anhaltende Müdigkeit und Kraftlosigkeit, die auch Schlaf oder Erholungsphasen nicht ausgleichen können. Hinzu kommen Konzentrationsschwäche und Gedächtnisprobleme. Das Nachdenken fällt schwer und das Gedächtnis fühlt sich wie vernebelt an, so wie Julia Schmidt es auch erlebt hat“, erläutert Tepasse. „Wir sprechen vom Brain Fog. Erste Studien zeigen, dass in der aktuellen Corona-Pandemie genau die Fatigue-Symptome als Spätfolge einer Infektion auftreten.“

Ursache und Behandlung

Wie genau das Fatique-Syndrom entsteht und was die Beschwerden auslöst, ist unklar. Es könnte sich um eine Autoimmunstörung handeln, bei der der Körper körpereigene Strukturen bekämpft, obwohl die Infektion selbst schon lange überstanden ist. Ebenfalls für möglich halten Fachkreise eine Fehlfunktion des autonomen Nervensystems. Ursache für die Fatigue-Symptome nach Corona könnte auch eine Entzündung der Blutgefäße sein. Das führt zu einer Sauerstoff-Unterversorgung der „Kraftwerke“ in den Körperzellen, was wiederum die Funktion der Organe einschränkt.

„Das ist natürlich auch für uns als behandelnde Ärzte unbefriedigend“, sagt Tepasse. „In unserer Ambulanz bieten wir für Long- und Post-Covid-Patienten eine Anlaufstelle. Wir stehen ihnen als Gesprächspartner zur Verfügung und nehmen die Daten zur wissenschaftlichen Auswertung auf, um sie in Studien einfließen zu lassen. Therapeutisch gibt es bisher keine speziellen Optionen. Wir können den Patienten aber verschiedene Behandlungswege aufzeigen, die speziell auf die Symptomatik jedes Einzelnen abgestimmt werden.“ Ziele sind die Linderung der Symptome, die Behandlung der körperlichen Einschränkungen sowie ein psycho-edukativer Ansatz. „Spezialisierte Reha-Maßnahmen haben sich bewährt“, weiß Tepasse. „Wichtig ist für die Patienten, das richtige Maß für die Belastung zu kennen, um sich nicht zu überfordern, aber auch, mental nicht an der Erkrankung zu zerbrechen. Denn das Long-CovidSyndrom hat einen langen Atem und kommt in Wellen.“

Das kann Julia Schmidt nur bestätigen. „Es tut gut, eine solche Anlaufstelle am UKM zu haben, ein Fixpunkt in der Achterbahnfahrt“, sagt sie. Ein Halt in ungewisser Zeit und ein Mutmacher. Tepasse: „Unsere bisherigen Erfahrungen zeigen, dass die Long-Covid-Symp­tome nach sechs bis zwölf Monaten deutlich besser werden.“

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