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Fernsehgewohnheiten

Zuschauer werden zu Programmchefs

Münster

In den 80er Jahren reichte eine wöchentliche Dosis von US-Serien wie "Ein Colt für alle Fälle" oder "Magnum". Mittlerweile aber werden immer mehr Serie produziert. Und dank Streaming-Angeboten von Netflix und Amazon ist der Zuschauer nicht mehr auf vorgegebene Programmzeiten angewiesen. 

Carsten Vogel

Online-Angebote: Herkömmliches Fernsehen verändert sich. Bei Streamingdiensten wie Netflix ist der Zuschauer bereits sein eigener Programmchef und bestimmt selbst, was er wann gucken will. Foto: colourbox.de

Das waren noch Zeiten: Serien wie „Dallas” oder „Miami Vice” liefen regelmäßig am Dienstagabend um 21.45 Uhr. Verlässlich. Jede Woche eine neue Folge. Mittlerweile hat sich nicht nur das Angebot an US-Serien vervielfacht, auch fest definierte Sendeplätze gibt es immer seltener. Streaming, Video-on-Demand und Binge Watching rütteln an ritualisierten Sehgewohnheiten.

Gerade bei 14- bis 29-Jährigen ist der Satz „Ich gucke überhaupt kein Fernsehen” mehr als nur eine Phrase. Dahinter steckt aber nicht, dass die begehrte Zielgruppe das Gerät an sich meidet und nur noch auf Computern, Smartphones oder Tablets Filme schaut. Aber die Zeit, in der sie sich sklavisch dem vorgegebenen Fernsehprogramm der TV-Sender unterworfen hat, ist vorbei.

Videoquellen im Netz

Streaming-Angebote und Mediatheken verändern das Nutzungsverhalten, weil Inhalte über das Internet ständig verfügbar sind: Es gibt keine Wartezeit, um die neue Folge der liebgewonnenen Serie zu sehen, Staffeln (englisch „Seasons”) können sogar am Stück genossen werden. Diese Form des Serienmarathons nennt sich „Binge Watching”.

Gerade Anbieter wie Netflix, Amazon Prime, Sky, Maxdome oder auch Apples iTunes-Store bieten komplette Serien zum Leihen oder Kaufen an. „Es fing damit an, dass ganze Staffeln zunächst auf DVD erschienen sind. Anbieter wie Netflix und Amazon haben den Bedarf der Konsumenten erkannt und sich zu eigen gemacht”, sagt Heike Neudeck, Medienwissenschaftlerin an der Universität Paderborn.

Im vergangenen Jahr wurden allein in den USA 455 Serien produziert – doppelt so viele wie noch vor sieben Jahren. Amazon und Netflix bieten mittlerweile viele Eigenproduktionen in Kino-Qualität an wie „House of Cards“, „Orange Is the New Black” oder „Stranger Things”. In Deutschland wird die kommende Staffel der Comedy-Reihe „Pastewka” auf Amazon-Prime erscheinen.

„Online first“ heißt es auch bei Christian Ulmens neue Serie „Jerks”, die zunächst auf Maxdome lief, bevor sie ab Dienstagabend (23.15 Uhr) auf ProSieben ausgestrahlt wird. Wer aktuell sein möchte und mitreden will, kommt gar nicht umhin, Videoquellen im Netz zu nutzen.

ARD-Mediathek legt zu

Aber noch können Streaming-Angebote das gewohnte Fernsehen nicht ablösen. Große TV-Events wie der Tatort am Sonntag, zu denen sich die Republik vor dem Bildschirm versammelt, werden aber seltener, Streaming-Angebote und Mediatheken dagegen bedeutsamer. „Sie sind (noch) eine Ergänzung, aber ein wichtiger Schritt der Fernsehsender in Richtung des Fernsehens „on demand”, sagt Medienwissenschaftlerin Neudeck.

Wo und vor allem wann er fernsieht, entscheidet dann der Zuschauer. „Niemand kann voraussehen, wie das Fernsehen in fünf Jahren aussieht, weil das auch mit der Entwicklung der Technik zusammenhängt. Außer Zweifel steht jedoch, dass Streaming-Dienste mehr und mehr an Beliebtheit zulegen werden”, betont die Expertin.

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Auch das Wachstum der ARD-Mediathek belegt, dass feste Sendezeiten sukzessive an Bedeutung verlieren: Die Zahl der Besuche stieg im vergangenen Jahr um 25 Prozent auf 291 Millionen. Die Sender reagieren mit besonderen Maßnahmen, um insbesondere die junge Zielgruppe für sich zu gewinnen. So hat das ZDF seine sechsteilige Drama-Serie „Tempel” nicht nur über seinen Spartensender ZDFneo, sondern vorab auch in seiner Mediathek gezeigt.

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