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Interview mit Karl-Josef Laumann über seine Pläne bis 2017

„Kein leichter Lebensabschnitt“

Telgte/Berlin

Das Thema Pflege dürfte schon bald zum beherrschenden Thema der Deutschen werden. Experten gehen davon aus, dass 2050 knapp 4,5 Millionen Menschen als Pflegefall eingestuft werden – dazu kommen Millionen von Angehörigen, die sich um alte oder kranke Menschen kümmern. 

Frank Polke

Pflegebeauftragter Karl-Josef Laumann Foto: Jürgen Peperhowe

Auch die Beiträge zur Pflegeversicherung dürften schon bald nicht mehr ausreichen. Die Politik will handeln und eine große Pflege-Reform auf den Weg bringen. Über Probleme, aber auch Chancen und die ungeheuren politischen, sozialen und medizinischen Herausforderungen sprach unser Redaktionsmitglied Frank Polke mit dem Bevollmächtigten der Bundesregierung für Patientenrechte und Pflege, Karl-Josef Laumann (CDU).

Die Bundesregierung hat auf die veränderten Rahmenbedingungen reagiert und will ein neues Gesetz zur Pflege-Reform auf den Weg bringen. Dabei sollen zusätzlich 3,6 Milliarden Euro ins System kommen. Nennen Sie uns Einzelheiten.

Laumann: Wir brauchen ein System, das den Menschen die Angst vor diesem für alle nicht leichten Lebensabschnitt nimmt. Wir brauchen ein flexibles, zuverlässiges und menschenwürdiges System für Patienten, deren Angehörige und die Mitarbeiter in diesem Bereich. Das reicht von den Pflegediensten bis hin zu Essen auf Rädern und betrifft die stationären Einrichtungen genauso wie die Kurzzeitpflege. Auch das betreute Wohnen ist hier ein wichtiger Baustein.

Sie betonen oft die Wichtigkeit der häuslichen Pflege?

Laumann: Sicher. Mit Recht. Zwei Drittel der zurzeit 2,5 Millionen Pflegebedürftigen werden zu Hause betreut. Wenn dies nicht im Regelfall so gut klappen würde, bräuchten wir in Deutschland eine Million zusätzliche Pflegekräfte. Die gibt es nicht auf dem Arbeitsmarkt. Ohne häusliche Pflege würde das ganze System zusammenbrechen.

Es soll bald anstelle der jetzt drei Pflegestufen fünf Stufen geben. Warum?

Laumann: Unsere Einstufungskategorien basieren oft auf einem veralteten Bild von Pflegebedürftigkeit. Wenn jemand die Hände nicht mehr bewegen kann, muss er nach diesem Verständnis gefüttert oder gekämmt werden. Darauf waren wir eingestellt. Doch jetzt merken wir, dass es durch das Auftreten der Demenzkrankheit andere Symptome gibt, die wir berücksichtigen müssen. Wenn Oma vergisst, wie man ein Butterbrot schmieren kann, muss dies mit Oma gemacht und vielleicht wieder gelernt werden. Darauf müssen wir reagieren. Doch es wird bei der Einstufung in fünf Stufen nicht nur Gewinner geben.

In Deutschland fehlen Pflegefachkräfte. Wir müssen diese woanders her holen. Und in einigen Bundesländern müssen junge Leute, die diesen Beruf lernen, sogar noch Pflegeschulgeld zahlen. Viele Menschen verstehen das nicht.

Laumann: Ich auch nicht und ich werde mich dafür einsetzen, dass dies abgeschafft wird. In NRW gibt es ja bereits kein Schulgeld mehr. Zudem brauchen wir eine zentrale Pflegeausbildung. Heute gibt es einen Bereich für die Altenpflege, einen für Kinder und einen fürs Krankenhaus. Ich möchte trotz der manchmal notwendigen Spezialisierung eine Ausbildung, durch die die ausgebildeten Pflegerinnen und Pfleger dann flexibel einsetzbar sind. Hier leisten die Pflegefachschulen Widerstand, den ich nicht verstehe.

Wenn man nicht ausreichend Personal hat, muss man vielleicht die Bezahlung verbessern?

Laumann: Ich erachte die tarifvertraglich vereinbarte Bezahlung sowohl in der Ausbildung als auch später für angemessen. Aber es gibt Regionen, in denen der Tarifvertrag unterlaufen wird. Dies ist vielerorts in Norddeutschland zu beobachten. Das werden wir jetzt untersuchen und dann möglichst abstellen.

Ein weiteres Problem ist die ärztliche Versorgung – vor allem in vielen ländlichen Regionen. Was muss da passieren?

Laumann: Diese Probleme gibt es, ohne jeden Zweifel. Pflegebedürftige Menschen sind oft krank und werden von den Hausärzten betreut. Wenn es aber keinen Doktor mehr im Dorf oder der kleinen Stadt gibt, dann kann ich ja auch in meiner Umgebung nicht alt werden. Hier muss endlich bei der universitären Ausbildung umgesteuert werden. Da ist die Landesministerin auch in NRW gefordert. Und die Kassenärztliche Vereinigung muss endlich auch in unterversorgten Gebieten mit höheren Arzthonoraren dafür sorgen, dass es für Mediziner attraktiver wird, sich dort anzusiedeln.

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