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Sonderveröffentlichung

Forschen & Heilen

Klein und böse

Rainer Cremer kann so schnell nichts erschüttern. In den letzten fünf Jahren saß der Projektmanager rund 300 Mal im Flieger. Beruflich, versteht sich. Im Handgepäck immer mit dabei? Ein gutes Depot an Säureblockern. „Zu viel Magensäure“ hieß der ungnädige Kollege, der ihn stets begleitete und ihm viel Schmerzen und Sorgen bereitete. Zu Hause wie auch auf Reisen. Der Urheber allen Übels ist ein Gastrinom.

Von Ulla Wolanewitz

OP-Roboter wie dieser können Ärzten und Patienten die Behandlung erheblich erleichtern. Foto: UKM/Wibberg

Nach einer Untersuchung in der Klinik für Allgemein-, Viszeral- und Transplantationschirurgie in der Uniklinik Münster (UKM) Anfang August war die Diagnose schnell klar. Nach Bluttests und bildgebenden Verfahren kristallisierte sich das Zollinger-Ellison-Syndrom (ZES) heraus. Eine seltene Erkrankung. Hervorgerufen wird sie durch eine Überproduktion von Säure. „Ursächlich dafür ist immer ein Gastrinom. Dabei handelt es sich um einen Tumor, der unkontrolliert das körpereigene Hormon Gastrin produziert, das die Magensäurebildung anregt“, berichtet Klinikdirektor Professor Andreas Pascher. Bei einer robotisch-assistierten Operation haben die Mediziner den Patienten aus Oldenburg von diesem Tumor der Bauchspeicheldrüse befreit.

Die Krankheit schränkte Cremer stark ein

Bis zu diesem Zeitpunkt hatte der 50-Jährige allerdings einen mehrjährigen Marathon mit schmerzhaften Nächten hinter sich, verursacht von heftigen Durchfällen. Viel Zeit verbrachte er im Badezimmer, weil „es oben und unten herauskam. Ich musste nachts so häufig raus, dass die Toilette der sicherste Ort für mich war“, schildert der Patient, den diese heftigen Symptome auch tagsüber nicht verschonten. „Manchmal setzten direkt nach dem Essen Magenkrämpfe ein. Das war ein Gefühl, als würde eine Wasserspülung durch meinen Darm gejagt.“ Das schränkte seinen Alltag, privat und auch beruflich drastisch ein. „Die gute Laune verschwindet, wenn man immer häufiger die Tagesplanung umstellen oder auch Flüge kurzfristig canceln muss und eine Toilette in der Nähe das Wichtigste ist“, sagt Rainer Cremer.

2019 ließ er zwei Darmspiegelungen und Untersuchungen auf Reizdarm und Morbus Crohn über sich ergehen. Im Juli 2020 erlitt er einen Ulcus-Durchbruch im Zwölffingerdarm, der für eine Notfall-OP und fünf Tage Intensivstation in einer Klinik in Quakenbrück sorgte. Pascher ist sich sicher, dass das Gastrinom dafür ursächlich war. „Diesmal war es Blut, das oben und unten rauskam“, beschreibt Rainer Cremer. „Ich hatte Glück, dass das Zwölffingerdarmgeschwür in den Darm perforiert ist, sonst wäre das sicherlich anders ausgegangen.“ Wobei „Glück“ für diesen Notfall, der neun Blutkonserven erforderte, eher euphemistisch zu deuten ist. Dennoch war auch nach diesem Krankenhausaufenthalt das Problem nicht behoben. Untersuchungen 2021 in einem Hamburger Hospital bescherten Cremer zwar gute Blutwerte, jedoch keine Hinweise auf den wirklichen Schmerzherd. Ergebnis: Fehlanzeige. Danach begleiteten ihn zusätzlich intensive, nicht lokalisierbare Rückenschmerzen.

Zollinger-Ellison-Syndrom

Hilfreich und vielleicht auch lebensrettend war die Empfehlung eines Bekannten, sich an die chirurgische Klinik und die neuroendokrine Spezialsprechstunde des UKM zu wenden. „Ich bin unter anderem seit 25 Jahren auf neuro-endokrine Tumoren spezialisiert. Das sind solche, die aus hormonbildendenden Zellen entstehen“, erklärt Pascher. „Erkrankungen wie das Zollinger-Ellison-Syndrom sind selten. Wir haben etwa fünf bis sieben Operationen an einem ZES pro Jahr.“ Bundesweit, so schätzt er, liege die Zahl im niedrigen bis mittleren zweistelligen Bereich. Typische Ursachen für andere Krebserkrankungen wie Rauchen, erhöhter Alkoholkonsum, schlechte Ernährung oder Sonnenexposition sind seiner Meinung nach für diese Tumoren nicht ursächlich. „Das ist eine Laune der Natur. Ein unglücklicher Sechser im Lotto“, definiert es Pascher.

Tumoren dieser Art wachsen langsam und sind nicht einfach zu finden, weil sie sehr klein sind. Bei Rainer Cremer hatte die Tumormasse einen Umfang von etwa elf Millimetern. Kleines Volumen, böse Wirkung.

Rainer Cremer (Mitte) hatte ein Gastrinom: „Das ist eine Laune der Natur. Ein unglücklicher Sechser im Lotto“, erklärt Professor Andreas Pascher (l.), der den Patienten mit dem Leitenden Oberarzt Benjamin Strücker behandelt hat. Foto: Ulla Wolanewitz

Robotische Chirurgie ermöglicht gezieltere Operation

Lediglich vier knapp zwei Zentimeter lange Narben auf dem Bauch des Patienten geben heute einen Hinweis auf den umfangreichen Eingriff über sieben Stunden. Der modernen, robotisch-assistierten Chirurgie sei Dank. Dabei steuern die Chirurgen direkt am Patienten und vom „Cockpit“ (der Konsole) aus die Instrumente. Mussten früher in solchen Fällen große Teile von Bauchspeicheldrüse und Zwölffingerdarm entfernt werden, ermöglicht die robotisch-assistierte Operation den Chirurgen, noch während des Eingriffs die Auswahl des Verfahrens. Sie hilft ihnen bei der Entscheidung, was und wie viel sie entfernen müssen. Im Fall von Rainer Cremer haben die Mediziner das Gastrinom gezielt und vollständig entfernt. Die restliche Bauchspeicheldrüse haben sie erhalten. Erhöhtes Gastrin ist seitdem nicht mehr nachweisbar.

„Diese moderne Technik bietet uns eine Dimension mehr als das Handgelenk. Auch gibt es kein Zittern wie beim manuellen Einsatz. Durch die hervorragende 3-D-Sicht und die über zehnfachen Vergrößerungen können wir viel zielgerichteter und organschonender arbeiten“, betont der Leitende Oberarzt Benjamin Strücker. Diese Operationstechnik erfordert im Vergleich zur herkömmlichen, offenen Operation weniger Schmerzmittel und resultiert in einer schnelleren Genesung und einem kürzeren Krankenhausaufenthalt. Positiv ist zudem, dass das kosmetische Ergebnis deutlich besser ist, denn den Patienten werden die großen Narben erspart.

Rainer Cremer's Leben nach der OP

„Einen Tag nach der OP bin ich schon wieder aufgestanden“, erzählt Rainer Cremer stolz. Seiner Meinung nach trage er als Patient auch eine gewisse Selbstverantwortung, wieder auf die Beine zu kommen und fit zu werden. Rehamaßnahmen möchte er nicht in Anspruch nehmen und Dr. Strücker, grundsätzlich von einer Reha überzeugt, versichert: „Rainer Cremer ist hoch motiviert und extrem gut strukturiert. Das bekommt er auch allein hin.“

Zu dem Gedanken, dass die Krankheit eventuell durch Stress in seinem Beruf ausgelöst wurde, sagt der Patient: „Nein, diesen Link habe ich nicht gesetzt. Ich liebe meinen Beruf, und wenn es Stress war, dann durchweg ein positiver.“ Sechs bis acht Wochen darf er sich nach dieser Operation eine Ruhepause gönnen. Wobei er doch eingesteht, dass „mir die Zwangspause sehr schwerfällt“.  Der Hinweis seiner Partnerin, dass er sich nicht nur körperlich, sondern auch emotional von diesem Marathon erholen muss und darf, weist er mittlerweile nicht mehr ganz von der Hand: „Ich muss meine Zeit neu denken und ordnen. Corona hat ja schon gezeigt, dass plötzlich Dinge machbar waren, an die man zuvor nicht zu denken wagte. Oftmals bin ich zweimal die Woche nach England geflogen. Das lässt sich ja auch anders regeln.“

Alle sechs Monate steht jetzt ein Kontrolltermin in der chirurgischen Klinik und der neuroendokrinen Spezialsprechstunde des UKM auf der Agenda des Oldenburgers. Momentan widmet er sich dem schonenden Kostaufbau und der vorsichtigen Nahrungsaufnahme. Auf die Säureblocker kann er erst ganz verzichten, wenn die Magenschleimhaut sich wieder vollständig beruhigt hat. Wobei die Dosis wesentlich geringer ist als die, die er zu Hochzeiten benötigte. Als beste Begleitmedizin bleiben daher zunächst Ruhe und Geduld.

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