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Nach dem Unwetter wird aufgerüstet

„Dem Wetterbericht traue ich nicht“

Greven

Auch fünf Jahre nach dem Unwetter sind noch nicht alle Präventivmaßnahmen der Stadt beendet. Aber Millionen wurden investiert, schildern im Gespräch Klaus Rading und Alyos Wilpsbäumer von den Technischen Betrieben Greven.

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Klaus Rading leitet den Geschäftsbereich Abwasser bei den Technischen Betrieben Greven. Foto: Günter Benning

Für Aloys Wilpsbäumer, Chef der Technischen Betriebe Grevens, war der Starkregen am 28. Juli 2014 die größte Herausforderung seines Berufslebens. Klaus Rading, Leiter des Geschäftsbereichs Abwasser, hat in den letzten fünf Jahren daran gearbeitet, dass die Risiken künftig gemindert werden. Mit beiden sprach unser Redaktionsmitglied Günter Benning.

Herr Wilpsbäumer, wie haben Sie von dem Unwetter erfahren?

Aloys Wilpsbäumer, Chef der TBG. Foto: Günter Benning Aloys Wilpsbäumer: Das werde ich nicht vergessen. Ich saß zu Hause in Emsdetten, da rief mich der Bürgermeister an und sagte: „Greven geht unter. Kommen Sie sofort. Fahren Sie nicht über Reckenfeld, sie kommen nicht weiter.“ Selbst auf der B481 stand die Straße unter Wasser.

Nachher ist über die Gründe gesprochen worden. Das Wasser konnte nicht in die Ems ablaufen. Was war da gelaufen?

Klaus Rading: Da war für die Abwassermengen der Deich im Weg. Wir haben die Abwasserbetriebspunkte direkt dahinter. Es ist so viel Wasser gekommen, dass die Anlagen das Wasser nicht durchleiten konnten.

Und dann fiel noch ein Notstromaggregat aus?

Rading: Das kommt dazu.

Was haben Sie seit dem Unwetter gemacht?

Rading: Wir haben an den beiden Betriebspunkten Kerkstiege und Emsinsel Objektschutz betrieben. Bei der Emsinsel haben wir zwei Notentlastungen mit zwei Rohren eingebaut. Wir können das, was 2014 an der Emsinsel angekommen ist, durch den Deich durchleiten. Das alte Pumpwerk konnte 5000 Liter pro Sekunde pumpen, heute schaffen wir 15 000 Liter im freien Gefälle. Hinzu kommt, dass wir das Notstromaggregat gesichert haben. An der Kerkstiege machen wir das analog, da wird noch gebaut.

Kann jetzt Wasser in die andere Richtung fließen, wenn die Ems Hochwasser führt?

Rading: Da haben wir vorgesorgt. Wir haben Rückstauklappen auf der Emsseite und auf der Landseite zwei zusätzliche Schieber, die wir in den Wintermonaten schließen können.

Wilpsbäumer: Allein diese beiden Baumaßnahmen haben rund vier Millionen Euro gekostet.

Problem war ja auch, dass die Kanalisation das Wasser nicht gepackt hat und wohl auch viele Gullys verstopft waren.

Rading: Bei diesem Extrem-Ereignis kein Wunder. Die Kanalisation wird für zwei- bis dreijährige Regenereignisse ausgelegt. Hier lagen wir bei einem weit über 100-jährigen Ereignis. Das heißt, statistisch kommt es weniger als einmal im Jahrhundert vor. Da hat die Kanalisation keine Chance.

Wilpsbäumer : Wenn wir unser Kanalnetz für diese Dimensionen ausbauen würden, könnte man mit dem Auto durch einige Hauptsammler fahren. Das kann man nicht herstellen und vernünftig betreiben.

Was würden Sie heute anders machen?

Wilpsbäumer: Schwer zu sagen. Es hängt davon ab, was da grade passiert. Die Ereignisse würden sich exakt so nicht wiederholen. Wir würden das Wasser soweit runterholen, dass es in die Ems fließt. Damit sind Bereiche, die hoch gefährdet waren – Krankenhaus, Altenheim, Rathaus – außer Gefahr. Aber wir sprechen von den gleichen Randbedingungen. Schäden wären trotzdem nicht vermeidbar.

Man denkt heute anders über solche Katastrophen nach?

Wilpsbäumer: Was ich positiv gesehen habe: Dieses Ereignis hat bei allen Handelnden ein Bewusstsein geschaffen. Auch beim nächsten Mal werden wir improvisieren müssen, aber wir können es noch besser.

Wie wichtig ist persönliche Vorsorge?

Rading: Während des Regens kann man relativ wenig ausrichten. Grundsätzlich ist die Vorsorge wichtig. Im Privaten kann man Objektschutz-Maßnahmen ergreifen. Wir haben im Geonetz der Stadt Risikokarten hinterlegt. Jeder Bürger kann dort sehen, ob er durch Starkregenereignisse betroffen wäre.

Was kann der Bürger tun?

Rading: Das sind oft Kleinigkeiten: Beim Kellerlichtschacht noch mal ein Steinchen drum herum setzen, damit das Wasser nicht direkt in den Keller laufen kann. Das gleiche gilt für die Kellertreppe, wo man einen zusätzlichen Tritt nach oben anbringen kann. Ich habe auch von Anwohnern gehört, dass sie wasserdichte Fenster im Keller eingebaut haben. Tageslichtschächte sind ein neuralgischer Punkt, da sollten die Drainagen nicht direkt an die Kanalisation angeschlossen sein, weil man sich da eher das Wasser ran holt als das es abgeführt wird. Das sind viele kleine Maßnahmen, bei denen wir auch gerne beraten.

Haben Sie das Gefühl, dass die Leute genug vorgesorgt haben?

Rading: Ich glaube schon, dass eine Starkregen-Demenz eingesetzt hat. Vor allem, diejenigen, die mit einem blauen Auge davon gekommen sind, ergreifen oft relativ wenig an Objektschutzmaßnahmen.

Wilpsbäumer: Darum sind wir auch bewusst aktiv, wir möchten deutlich machen, dass es jeden treffen kann, auch relativ unvorbereitet. Die Erfahrungen, die wir gemacht haben, würden wir gerne anderen Kommunen ersparen.

Die Anlagen müssen regelmäßig gewartet werden?

Rading: Natürlich, alleine die Rückschlagklappe in der Gebäudeentwässerung, die ja grundsätzlich vorgeschrieben ist, muss regelmäßig gewartet werden. Wie eine Heizung. Sonst hat man vielleicht das Pech, dass sie im entscheidenden Moment nicht funktioniert.

Wilpsbäumer: Tipps sind bei uns auf der Homepage der Stadt. Ich würde jedem empfehlen, da mal reinzugucken.

Es gibt eine Reihe von neuen Wohngebieten, wie sicher ist zum Beispiel die Wöste?

Rading: Dort ist in jedem Fall an Hochwasserschutz gedacht worden. Eine Überflutung aus der Ems wird da verhindert.

Was nicht die Überflutung aus den Wolken betrifft?

Wilpsbäumer: Natürlich, letztendlich gelten hier die gleichen Randbedingungen, unser Kanalnetz erfüllt die gesetzlichen Vorschriften. Und wir haben hier mit der Rönne einen relativ großen Retentionsraum, der bei Starkregen große Mengen Wasser sammeln und zwischenspeichern kann. Ein Risiko bleibt.

Zum Glück ist die Ems im Sommer niedrig, aber bei dem Starkregen führte sie nach einigen Stunden auch Hochwasser. Ist das eine Gefahr?

Rading: Der Wasserauslauf hätte auch dann funktioniert. Das Hochwasser kam zeitlich verzögert. Der Starkregen aus Münster war ungefähr neun Stunden später hier. Er stellte also kein Problem dar.

Wilpsbäumer: Das gleichzeitige Auftreten einer urbanen Sturzflut und eines Emshochwassers dürfte sehr selten sein, weil Starkregen im Sommer auftritt, Hochwasser im Herbst und Winter.

Es wird viel mit dem Begriff Hundertjähriges Hochwasser hantiert. Wie zuverlässig ist das?

Rading: Die Statistik ist unsere Grundlage. Sie ist vor kurzem noch mal angepasst worden. Dem Wetterbericht, dem traue ich nicht mehr.

Wilpsbäumer: Die Rechenmodelle sind nicht so präzise. Das Regenereignis hatte einen Durchmesser von sieben bis zehn Kilometer, aber wo es auftritt und wo es bleibt, lässt sich frühzeitig noch nicht sagen.

Wie sieht es mit Spätschäden aus?

Wilpsbäumer: Wir haben städtische Gebäude mit erheblichen Schäden gehabt. Die Naturwissenschaften am Augustinianum haben wir verloren. Erst im letzten Jahr konnten wir den Neubau einweihen. Wir nutzen auch den Keller der Emssporthalle nicht mehr als Lager, weil das Risiko zu hoch ist. Wir haben die öffentliche Infrastruktur angepasst.

Waren die städtischen Schäden versichert?

Wilpsbäumer: Tatsächlich war der überwiegende Teil der Gebäude versichert; aber nicht alles. Wir sind auch diesbezüglich mit einem blauen Auge davon gekommen.

Ist ihre neue Notentlastung in den letzten fünf Jahren schon mal auf die Probe gestellt worden?

Rading: Nein, und meinetwegen kann es auch so bleiben. Ich würde gerne in Rente gehen und da die Spinnweben noch rausmachen.

Zum Thema

www.greven.net Stichwort: hochwasserschutz.php

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