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Freie Fahrt für Kinder

Was will die "Kidical Mass"?

Münster

Parkende Autos auf Fahrrad- und Gehwegen. Blechlawinen, die den Überblick an der Kreuzung verhindern. Kinder im städtischen Radverkehr sind ständig Risiken ausgesetzt. Dabei könnte sie eine freie Fahrt prägen und dazu beitragen, die Mobilitätswende zu schaffen. Ein Kreis von Eltern will mehr Sicherheit und Autonomie auf zwei Rädern für ihre Mädchen und Jungen und engagiert sich in der bundesweiten Bewegung „Kidical Mass“. Am 25. September, einem deutschlandweiten Aktionstag, formieren sie sich zu einer Demo in Münster – mit Fahrrädern, Anhängern und Laufrädern.

Von Michaela Töns

Am 25. September verleiht die Bewegung "Kidical Mass" ihrem Anliegen wieder Ausdruck - mit Fahrrad-Demos, die fordern, dass sich Kinder sicherer im Straßenverkehr bewegen können. Foto: Iris Bergmann

Wenn Stefan Blume sich von seinen Kindern verabschiedet, weil sie mit dem Rad in Richtung Innenstadt fahren wollen, sagt er es immer wieder. Unbewusst spricht er den Appell aus. Auch wenn er weiß, dass sie gute, umsichtige, erfahrene Radfahrer sind. „Fahrt vorsichtig!“, gibt er ihnen mit auf den Radweg. Denn Vorsicht, die haben Sie gelernt als Kinder im innerstädtischen Radverkehr in Münster. An der großen Tankstelle beispielsweise, deren Ausfahrt auf eine große Zubringerstraße mündet, drosseln seine Kinder aus Erfahrung ganz automatisch ihre Geschwindigkeit. Denn auch wenn Radfahrer hier Vorfahrt haben: Sie rechnen immer damit, dass Autofahrer sie missachten. „Eine Hand ist immer an der Bremse“, erklärt Stefan Blume.

Stefan Blume, "Kidical Mass"

Es sind solche Alltagserfahrungen, die Blume motivieren, sich zu engagieren. Zusammen mit Daniel Hügel und einigen anderen Eltern spricht er für die Bewegung „Kidical Mass“, die Kindern ermöglichen möchte, dass sie sicher und frei am Straßenverkehr beteiligen können. Das Anliegen: Jungen und Mädchen sollen Alltagswege in der Stadt ungefährdet und autonom bestreiten können. Dass die Realität davon meilenweit entfernt ist, zeigt ihnen ihr Alltag regelmäßig. Autos parken auf Radwegen. Plötzlich auffliegende Türen ragen in den Radweg hinein. An Kreuzungen knubbeln sich Fahrzeuge, so dass die Straßen – erst recht aus Kinderperspektive – nicht einsehbar sind.

„Kidical Mass“: Das passiert am 25. September bei der Fahrrad-Demo

„Kinder können nicht unbeschwert ihren Mobilitätsdrang ausleben“, sagt Stefan Blume. Die Stadt sei für Autos ausgelegt. Oder wie es in der Fachsprache heißt: für den motorisierten Individualverkehr. Für ihn und Daniel Hügel ist die Lösung vieler gefährlicher Situationen eine, die auf der Hand liegt: „Wir brauchen die konsequente Ahndung von Verstößen gegen die Straßenverkehrsordnung.“ Wären Kreuzungen und Gehwege frei von parkenden Autos, könnten sich junge Radfahrer schon sehr viel sicherer im Straßenverkehr bewegen. Ihr Sichtfeld wäre größer, unkalkulierbare Gefahren geringer. Denn auch darauf ich möchte das Team der „Kidical Mass“ aufmerksam machen: Kinder erleben den Straßenverkehr aus einer anderen, bodennäheren Perspektive als Erwachsene.

Eine Forderung der "Kidical Mass" Foto: Joel Hunold

Neben dem Wunsch nach mehr Platz für den Radverkehr geht es den beiden Vätern und dem Team der „Kidical Mass“ aber auch um das Gefühl von Sicherheit und Komfort im Radverkehr. Breite und gut asphaltierte Radwege könnten dafür sorgen, dass Kinder entspannter fahren können. Wenn Daniel Hügel heute mit seinem Sohn im Stadtverkehr auf dem Rad unterwegs ist, können die beiden nur sehr selten nebeneinander fahren und sich unterhalten. Viel häufiger fährt der Sohn voraus und Daniel Hügel in einigem Abstand hinter ihm, um die Übersicht zu behalten. Häufig genug muss er ihn nämlich warnen vor parkenden Autos oder einer verengten Fahrbahn.

„Kidical Mass“ auch in Nottuln

Mit der Forderung nach mehr Platz für den Radverkehr im urbanen meint „Kidical Mass“ mehr als Velorouten und Fahrradstraßen. Warum nicht verkehrsberuhigte Bereiche um Schulen - vor allem morgens, wenn die Kinder zu Hunderten ankommen? In Wien, erklärt Daniel Hügel, gebe es damit schon viele positive Erfahrungen. Dabei sind für Stefan Blume die Fahrradstraßen durchaus eine gute Sache. Aber: „Der Prozess bleibt auf einem gewissen Level stehen, bevor die Fahrradstraße ihr Potenzial entfalten kann.“ Noch zu viele Autos nutzten die Fahrradstraßen oder parkten auf ihnen.

Ihre Forderungen und Appelle an den entscheidenden Stellen zu platzieren, kostet die Aktivisten viel Zeit und Energie. Positive Erlebnisse an den Aktionstagen der Initiative zeigen, dass das Engagement wirkt. „Die Kinder finden es total super, dass sie eine rote Ampel überfahren dürfen, weil die Polizei sie ja begleitet“, beschreibt Stefan Blume die Stimmung unter den kleinen Radfahrern bei der „Kidical Mass“, die wieder am 25. September, einem deutschlandweiten Aktionstag, auch in Münster stattfindet. Autos müssen stoppen, Busse stehen bleiben, Lkws anhalten, wenn die Fahrradkolonne ab 14 Uhr ihre Tour durch Münster macht. Daniel Hügel: „Die Kinder genießen es, zu viert oder zu fünft nebeneinander fahren zu können.“ Erfahrungen, die das Selbstbewusstsein stärken. Denn auch darum geht es der Initiative: Sie will schon Kindern deutlich machen, dass sie als junge Radfahrer Rechte haben, die sie einfordern dürfen.

Mehr Infos zur "Kidical Mass" hier

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