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Fußball: Kompetenz für Seitenlinie und Kabine bei RW Ahlen

Adriano Ciallella schließt den Kreis

Ahlen

Adriano Ciallella ist mit 46 Jahre bei RW Ahlen wieder zurück – geläutert und erfahren. Als Spieler hatte er bei LR Ahlen dagegen Flausen im Kopf. Eine Story, wie sie der Fußball schreiben kann.

Von Uwe Gehrmannund

Alles Taktik, oder was? Patrik Twardzik bastelt mit Adriano Ciallelli am Matchplan. Der Co-Trainer RW Ahlens ist nicht nur Taktikfuchs, sondern auch Ansprechpartner für die Spieler. Foto: privat

Wer kann schon genau sagen, wann die Gelassenheit des Alters die Albernheiten der Jugend abgelöst hat? Jetzt mit 46 Jahren und im leisen Blick zurück auf all die Jahre, hat Adriano Ciallella einen Verdacht.

„Zum Ende meiner aktiven Zeit, als mich der SC Sönnern als Trainer angefragt hat“, ist er sich ziemlich sicher, dass er da erst begonnen hat, Verantwortung zu tragen, erwachsen zu werden, auch und vor allem mit dem Fußball.

„Ich war ein großes Talent“

„Ich war ein großes Talent, mir standen alle Türen und Tore offen“, erzählt er. Auch die von LR Ahlen. Irgendwann Ende der 90er hat er beim aufsteigenden Club unter Trainer Klaus Berge und Manager Michael Hermanns unterschrieben. Und dann, einfach so, hat Ciallella seinen Traumberuf in den Wind geschrieben.

„Als Ahlen ins Trainingslager fuhr, hab ich in Italien Urlaub gemacht. Ich hab alles erlebt, wahrscheinlich nur noch schlimmer“, blickt er heute nicht nur auf sein schnelles Vertragsende zurück. Auch auf seine Flausen im Kopf und die halbstarke Arroganz, die einem Jungprofi die Karriere kosten kann.

Ist lange her. Längst hat sich ein Kreis geschlossen. Ciallella ist zurück in Ahlen, jetzt als Co-Trainer und noch wichtiger: unendlich viel schlauer als damals.

„Talent allein reicht nicht“

Ein Wissen, von dem die Spieler, vor allem die jungen, nun profitieren. „Ich weiß genau, wie der Hase läuft, weil ich selbst vieles falsch gemacht habe“, vermittelt der Deutsch-Italiener seinen Spielern eines: „Talent allein reicht nicht.“

Und so wird der frühere Spieler in Neheim, Hilbeck, Rhynern und Hamm Verbündeter und Vertrauter der Ahlener Kicker, ein Bindeglied zwischen Trainer Andreas Zimmermann, Assistent Chris Nilius und der Mannschaft. „Die Jungs reden mit mir anders als mit dem Trainer. Ich hab ein Ohr für sie, sie haben das Gefühl, ich bin einer von ihnen.“

Loyalität Ciallellas gehört Trainer Zimmermann

Sicherlich auch ein Balanceakt, denn die erste Loyalität Ciallellas gehört dem Trainer, dem Verein. Wenn die Spieler von privaten Problemen erzählen, bleibt das unter vier Augen. Sportliche Sorgen aber müssen irgendwann mal mit allen zusammen ausdiskutiert werden.

Dabei ist der Job als Vater der Kompanie sicher nur ein Aspekt und wäre erneut eine Vergeudung von Talent. Ciallella ist gleichzeitig Technik- und Individualtrainer, protokolliert Pläne sowie Gespräche und betreut die Verletzten – wie gerade Kevin Kahlert. Seit Neuestem unterstützt er die Trainer an der Bank mit einer zeitgleichen Taktikanalyse von der Tribüne aus. Von Oben, sagt er er, erkenne man eher das, was falsch läuft. Der gelassene Überblick aus nun erhöhter Position – es scheint, da hat jemand einen Lebensmittelpunkt gefunden.

Man darf keine Probleme haben, sich hinten anzustellen. Der Job bringt es mit sich, im Schatten zu arbeiten. „Ich brauche kein Rampenlicht“, sagt Adriano Ciallella. „Ich arbeite lieber für den Erfolg auf Strecke.“ Vorbei die Zeiten des flirrenden Profilebens, statt glitzernder Fußballer-Prominenz nun solide, graue Zuarbeit für den Ruhm anderer. Damit hat Ciallella, den sie liebevoll „Addi“ nennen, keine Probleme. Ganz im Gegenteil.

„Ich würde auch nicht mehr Cheftrainer sein wollen“, sagt er. „Die Detailarbeit im Hintergrund, das ist meins.“ Ganz zur Freude von Andreas Zimmermann. Zusammen mit dem Cheftrainer, den Ciallella einen Freund nennt, hat er schon – nach dem Co-Trainerposten bei der Hammer SpVgg – beim Regionalligisten RW Oberhausen gewirkt.

Die Trainer sind fast Nachbarn

„Zimbo“ wohnt in Sönnern, „Addi“ in Werl: „Fünf Minuten voneinander entfernt. Wir machen auch privat schon mal was zusammen“, sagt Ciallella und betont: „Aber Fußball und Freundschaft trennen wir dabei.“

Dass sie sich über RW Ahlen in die Haare kriegen, das schließt der „Co“ sowieso aus. „Klar, wir diskutieren auch mal kontrovers. Aber ich bin eigentlich der ruhende Pol, eher analytisch unterwegs.“

Kein Problem also, dass Ciallella seinem Mentor im Juli, nach seinem Engagement beim SC Holzwickede, auch zu RW Ahlen gefolgt ist. Als Scout war er sowieso schon für den Wuppertaler SV tätig, als Analyst für den Nordost-Regionalligisten BSV Altglienicke. Auf so viel Erfahrung verzichtet man nur ungern.

Erst recht, weil sich Zimmermann auf unbedingte Treue verlassen kann. „Ich habe ein schönes Häuschen, meine Familie hat eines in Italien in Strandnähe. Ich habe eine tolle Frau und zwei entzückende Töchter. Ich brauche nicht mehr“, ruht Adriano Ciallella ganz in sich selbst. Dass er seine Profikarriere selbst zerschossen hat, berührt in nur noch wenig. „Natürlich bedauere ich das, aber das Rad der Zeit kann man nicht zurückdrehen“, sagt er. „Was ich als Spieler nicht geschafft habe, kann ich nun als Trainer verwirklichen.“

Und er erinnert sich: Als ihn der deutsche U17-Nationaltrainer ins Team holen wollte, und Ciallella voller Teenager-Stolz abgelehnt hatte. Er sei schließlich Italiener. Si, basta! „Von doppelter Staatsbürgerschaft hatte ich noch nie was gehört“, lacht er. Er seufzt. Und schmunzelt dann: „Man war so dumm damals.“

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