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Badminton: Neu-Unionist startet für das IOC-Flüchtlingsteam

Ein mittleres Wunder

Lüdinghausen

Die Geschichte von Aram Mahmoud (Union Lüdinghausen) ist ziemlich einzigartig. 2015 floh der junge Syrer vor Krieg, Terror und Zerstörung in seiner Heimat. Sechs Jahre später geht für ihn der größte Traum in Erfüllung, den ein Sportler nur haben kann.

Von Florian Levenig

Vergangenes Wochenende Wipperfürth, nächster Halt Tokio: Der Lüdinghauser Aram Mahmoud nimmt Ende Juli an den Olympischen Spielen teil. Foto: flo

Aram Mahmoud wählt seine Worte mit Bedacht. Er will bloß nicht den Eindruck erwecken, er sei irgendwie undankbar, hege Groll gegen die politischen Behörden oder die Sportverbände. Auch ist der gebürtige Syrer, der seit einem Dreivierteljahr für den Bundesligisten Union Lüdinghausen aufschlägt, voller Hoffnung, 2022 die niederländische Staatsangehörigkeit zu erlangen. Dass sich die Einbürgerung – sechs Jahre nach seiner Flucht vor Krieg, Terror und Zerstörung – immer noch hinzieht, ist in gewisser Weise aber auch ein Glücksfall. Denn seit ein paar Tagen hat Mahmoud die Gewissheit, nach Tokio reisen zu dürfen – als einer von nur 29 Auserwählten (und einziger Badmintonspieler) des IOC Refugee Olympic Teams.

„Unglaublich, oder?“, strahlt der junge Mann im Gespräch mit den WN am Rande des Final-Four-Turniers in Wipperfürth. Olympia, das sei doch für „jeden Sportler das Größte“. Für ihn gehe „ein Traum in Erfüllung“. Nun ist es eher die Regel denn die Ausnahme, dass 08-Athleten an den Spielen teilnehmen. 2021 sind es – wie fünf Jahre zuvor in Rio – gleich drei, neben Mahmoud die Deutsche Meisterin Yvonne Li und Para-Badminton-Ass Valeska Knoblauch (dazu Ex-Unionist Kai Schäfer). Aber die Geschichte von Aram Mahmoud, die ist in der Tat einzigartig – und ihr vorläufiges Happy End ein mittleres Wunder.

Flucht mit 17

Rückblende: 2015 floh Mahmoud aus der Hauptstadt Damaskus. 17 war er damals, ein Hochveranlagter, zwei Mal Syrischer Senioren-Meister. Viel Potenzial, aber: wenig Hoffnung. Jeder Gang in die Schule, jeder Weg zur Trainingshalle war gefährlich in einem Land, in dem seit 2011 ein verheerender Bürgerkrieg tobt. Gemeinsam mit seinem Bruder verließ er Syrien. Zurück blieben die Eltern, mit ihm reiste die Sorge um die Angehörigen. „Im Zentrum von Damaskus bekommt man vom Krieg inzwischen kaum was mit. In der Peripherie, wo meine Familie lebt, ist es nicht ganz so sicher“, erzählt Mahmoud. Seine Miene verfinstert sich kurz.

Ob er in Europa mit offenen Armen empfangen wurde? Nun ja. Es gebe „Rules“, betont Mahmoud. Regeln. Die sehen zum Beispiel vor, dass der Schlaks, weil er bereits für Syrien im Einsatz gewesen war, drei lange Jahre an keinen größeren Wettkämpfen teilnehmen durfte. Auch der nationale Stützpunkt in Arnheim blieb ihm verschlossen. Meistens trainiert er in einer kleinen Gruppe in Almere, der auch Unionist Nick Fransman angehört. Letztens war er für ein paar Tage am „Centre of Excellence“ in der Badminton-Großmacht Dänemark, danach am Bundesstützpunkt in Mülheim. Wo er halt gerade willkommen ist.

Erster Hoffnungsschimmer

In der Weltrangliste war Mahmoud zwischenzeitlich auf Platz 937 abgerutscht. Olympia schien zu der Zeit unerreichbar. Weiter weg noch als die 9000 Kilometer, die die Niederlande von Japan trennen. Mitte 2019 ein Hoffnungsschimmer: die Aufnahme ins IOC-Förderprogramm. Endlich wieder Kräftemessen auf internationaler Bühne. Der erste Turniersieg, in Lettland. Dann der nächste Rückschlag: Corona. Keine Möglichkeit, weitere Punkte zu sammeln. Ob dieser Mensch, der in seinem jungen Leben so viel Leid erfahren hat; vor dem sich stets aufs Neue schier unüberwindbare Hindernisse auftürmen: Ob das seinen Kampfgeist in besonderer Weise anstachele? „Kann sein.“ Achselzucken. Jedenfalls fightete der 24-Jährige nach dem Lockdown um die Chance seines Lebens. Viertelfinale bei den Austrian Open, Vorschlussrunde bei den Slovenia International. Ganz durchschaut habe er die Kriterien nicht. „Die sind noch komplizierter als die ,normale‘ Quali“, lacht Mahmoud. Aber letztlich war es wohl dieser Endspurt in der zweiten Maihälfte, der ihm das Tokio-Ticket bescherte.

Und jetzt? Olympisches Motto? Hauptsache dabei? „Na ja“, scherzt die Nummer 172 der Welt, „für eine Medaille komme ich eher nicht in Betracht.“ Ein Gruppenspiel würde er gern gewinnen. Vielleicht auf einen der ganz Großen treffen. Kento Momota, den Japaner. Oder den Dänen Viktor Axelsen – Leute, „von denen man so viel lernen kann“. Schlagen wird er die Superstars – noch – nicht. „Aber ich will auch gegen die nicht Sätze mit 5:21 oder so verlieren.“

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