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Deutschland im Achtelfinale

Unwetter, Zitterpartie – jetzt England

Münster

Souverän geht anders, aber immerhin passte das Spiel der deutschen Nationalmannschaft zum grusligen Wetter in München. Den ganz großen Niederschlag konnte die Mannschaft von Joachim Löw dann aber doch noch vermeiden und rettete sich in die K.o.-Runde.

Von Alexander Heflik

Grüße an die ungarischen Fans: Leon Goretzka (rechts) dreht nach dem 2:2 ab und feiert damit auch das deutsche Weiterkommen bei der EM, während die Magyaren ausgeschieden sind. Foto: dpa

Was für ein Spektakel. Keine hohe Fußballkunst, aber Drama, Drama, Drama. Deutschland steht im Achtelfinale der Europameisterschaft nach einem 2:2 (0:1) gegen Außenseiter Ungarn. Ein bisschen schimmerte dieses Remis wie ein Sieg, farbenfroh, durchaus möglich, dass hinter der Allianz-Arena ein Regenbogen seine Bahnen zog. Zweimal lief die Mannschaft von Trainer Joachim Löw einem Rückstand hinterher, zweimal war die DFB-Auswahl virtuell aus dem EM-Turnier raus. Doch die Treffer von Kai Havertz und Leon Goretzka halten den Traum vom Titel am Leben, nun geht es in Wembley gegen England.

Schnelles Gegentor

Das war kein normales Spiel: Adam Szalai schien alle Kräfte bereits beim Singen der ungarische Hymne verbraucht zu haben, so schmetterte er die „Himnusz“ vor Anpfiff, als ob es kein morgen mehr geben würde. Alles im Hier und Jetzt lassen. Aber nach elf Minuten hatte sich der 33-Jährige erholt und köpfte prompt mit dem ersten Angriff und nach einer Flanke von Roland Sallai das 1:0 für die Magyaren. Da war es wieder, ein Beispiel für die nachlässige deutsche Abwehrarbeit, wieder ein Gegentor, weil Mats Hummels und Antonio Rüdiger alles machten, nur nicht den Gegenspieler konsequent zu bearbeiten.

Chancenwucher

Dabei hatte die DFB-Auswahl mehr vom Spiel, gleich eine gute Chance durch Jo­shua Kimmich – und nach dem Rückstand einen Pfostenkopfball von Mats Hummels sowie eine gute Möglichkeit durch Matthias Ginter, später kam noch Kai Havertz zum Abschluss.

Aber: Ungarn führte, während es rund um das Stadion donnerte, blitzte und der Regen sintflutartig zwischendrin fiel. Wetterchaos pur. Das erinnerte doch tatsächlich an Wankdorf, an 1954, als sich die beiden Nationen im WM-Finale gegenüberstanden, auch damals führte Ungarn früh, sogar mit 2:0. Das war nun mehr als nur „Fritz-Walter-Wetter“, fast schon passend für dieses emotionale Aufeinandertreffen um die Achtelfinal-Teilnahme, um Politik und Gesellschaftskritik.

Unwetter spielt Ungarn n die Karten

Fußballspielen war minutenlang praktisch unmöglich, Schiedsrichter Sergej Karasev aus Russland ließ dennoch weiterspielen, das Unwetter von München spielte dem Außenseiter Ungarn in die Karten. Die Welt schien unterzugehen, Fußball-Deutschland gleich mit. Als es in die Pause ging, war Deutschland raus aus dem EM-Turnier, weil Portugal gegen Frankreich führte.

15-Sekunden-Wende

Was nun, Herr Löw? Seine Mannen kämpften, versuchten, nicht die Nerven zu verlieren. Die Halbchancen von Serge Gnabry und Kai Havertz führten nicht zum Erfolg, dafür ein Geschenk von Ungarns Torwart Peter Gu­lasci. Er unterlief einen Eckball – und Hummels Flugkopfball verlängerte Havertz in der 67. Minute ins Tor. Da war sie, die Wende zum Guten – für gefühlt 15 Sekunden aber nur.

Ungarn gedankenschnell

Denn direkt nach Wiederanpfiff steckte Szalai durch auf Andras Schäfer, der schüttelte Leroy Sane lässig ab und köpfte vorbei am herausstürmenden Manuel Neuer ein zur erneuten Führung. Und Deutschland war gut 20 Minuten vor dem Spielende kurz weiter, nach dem Rückstand aber wieder raus.

Die Minuten verrannen, die Ungarn machten das ­clever – die Deutschen nicht. Löws taktischer Plan ging vorne und hinten nicht auf. Toni Kroos (80.) kam noch einmal zum Abschluss, knapp vorbei. Ungarns Anhang, obwohl klar in der Unterzahl, hatte längst das lautstarke Kommando auf den Rängen übernommen. Auf deutscher Seite musste Sané dagegen nach einer Stunde ein Pfeifkonzert über sich ergehen lassen. Verkehrte Welt.

Einsatz für Musialla

Ging noch was? Löw warf sein Küken in die Partie: Jamal Musiala von Bayern München. Verzweiflung pur. Dann kam Leon Goretzka – und hämmerte den Ball ins Tor. Damit nicht genug, Jüngling Musiala hatte die Vorarbeit geleistet. 2:2. Das war noch nicht ganz „Wankdorf reloaded“, aber die DFB-Auswahl ist zumindest im Achtelfinale.

Kommentar: Härtetest bestanden

Weiter – und damit im Achtelfinale. Das konnte vom vierfachen Weltmeister Deutschland im Prinzip erwartet werden. Selbstverständlich war das aber nicht, weil die Vorrunde mit Weltmeister Frankreich sowie Europameister Portugal und Außenseiter Ungarn exklusiv besetzt war. Das war kein Zuckerschlecken, kein saloppes Eingrooven ins Turnier.In Anbetracht der 0:1-Niederlage gegen Frankreich zum Auftakt ist die Entwicklung der deutschen Mannschaft positiv. Bereits jetzt hat das Team von Joachim Löw Nehmerqualitäten bewiesen und unter Druck geliefert – auch wenn es gegen Ungarn ein ungeahnter Drahtseilakt wurde. Wie auch immer, die deutsche Mannschaft ist im Turnier an­gekommen, ausgeschlossen ist ab jetzt nichts mehr. Vier Siege in Serie sind es noch bis zum Titel. Schaffte das die DFB-Auswahl, wäre das die Vollendung der Ära des Joachim Löw. Er, der 2014 Weltmeister wurde, dem EM-Triumph aber seit 2006 hinterherrennt.Und die Favoriten? Es gibt neue heiße Anwärter, zuvorderst sind dabei Frankreich und die offensivstarken Niederländer zu nennen. Aber auch Italien überzeugte auf ganzer ­Linie. Tatsächlich beginnt jetzt erst die Europameisterschaft ihre volle Wucht zu entfalten. Mit-Favoriten wie England oder Kroatien stehen nun auf der Kippe, Deutschland auch. Lange nicht als Titel­anwärter gehandelt, kann jetzt das Blatt gewendet werden.

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