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Rudern: David und Emanuel Wieczorek nehmen Fahrt auf

Geballte Zwillings-Power vom RV Münster

Münster

Wenn der RV Münster seine Zwillinge ins Rennen schickt, dann dräut der Konkurrenz das gute alte Hase-Igel-Gefühl. Ein bisschen zu klein, ein bisschen zu leicht – aber rasend schnell stellen David und Emanuel Wieczorek die Ruder-Hierarchie auf den Kopf. Warum? Weil sie es können ...

Von Ansgar Griebel

Zwei in einem Boot – und nicht nur das: David und Emanuel Wieczorek Foto: Detlev Seyb/ag

Der eine taucht nach dem Training im schwarzen Shirt auf, der andere präsentiert sich strahlend weiß – als kleine Merkhilfe. Mehr Gegensatz ging nicht, mehr gab es dann aber auch nicht beim Ortstermin mit David und Emanuel Wieczorek am Ruderhaus des RV Münster. Die beiden 17-Jährigen teilen sich Geburtsdatum und Nachnamen, Hobbys, Adresse und sportliche Erfolge. Und beide sind exakt 1,83 Meter groß, absolut in Ordnung – aber eher klein im Kreis der anderen Ruderrecken der Trainingsgruppe und in der Riege der besten deutschen Nachwuchsruderer.

„Wir sind winzig“, sagt Emanuel Wieczorek, der „schwarze“ Zwilling. Ruder-Zwerge, aber verflixt schnelle. Und das macht den Riesen naturgemäß Angst. „Die anderen Trainer fragen uns immer schon, was wir da überhaupt machen. Was los ist mit den beiden, die seien doch viel zu klein und viel zu leicht. Wie können die so schnell sein?“, berichtet RVM-Trainer Ben Göller. Die Antwort wissen auch Emanuel und David selbst nicht, aber sie haben eine Idee. „Das ist reine Kopfsache“, sagt David Wieczorek im weißen Shirt, sein Bruder in Schwarz nickt dazu mit eben jenem Körperteil, in dem absoluter Siegeswille und gesundes Selbstvertrauen ihre Wiege haben.

„Und es ist sicher auch kein Nachteil, wenn beide gleich groß sind und die gleiche Konstitution haben, und wenn man weiß, was der andere denkt und wie er sich fühlt“, sagt Emanuel. Und das passt im Wieczorek-Zweier perfekt, man kennt sich schließlich schon ein Weilchen, auch wenn man nicht immer einer Meinung ist. „Da gibt es natürlich auch mal unterschiedliche Ansätze und Auseinandersetzungen. Aber was im Training ist, bleibt im Training“, so David. Grundsätzlich habe man sich ja schon immer aneinander gerieben und miteinander gemessen, ganz früh schon mal mit einer zünftigen Zwillingsrauferei, später dann im Sport. Bei ersten Versuchen mit dem Fußball merkten beide schnell, dass man sportlich noch in der Findungsphase war. Leichtathletik kam der gemeinsamen Sache dann schon viel näher, die ­Wieczorek-Zwillinge versuchten sich im Zehnkampf, punkteten da vor allem bei den langen Läufen. Als in der Schule in Kassel dann ein Schnupper-Rudern anstand, gab es für die damals Zwölfjährigen kein Halten mehr, die Sportkarriere bekam Schwung und Richtung. Zunächst drei Jahre im Schulumfeld, dann im Verein in Kassel und seit jetzt einem Jahr beim RV Münster.

Eine Lehrerin des Kasseler Wilhelms-Gymnasiums erinnerte sich an einen ehemaligen Kollegen namens Thorsten Kortmann, seines Zeichens gebürtiger Münsteraner und begeisterter Ruderer – der Kontakt zum Cheftrainer des RV Münster war somit geschaffen und die Wieczoreks schnell überzeugt vom Konzept der kurzen Wege und den Möglichkeiten des Sportinternats in Münster. „In Kassel hatten wir es viel weiter von unserem Haus in Vellmar zum Training und zur Schule. In Münster ist das jetzt alles ganz nah.“

Mit dem Fahrrad, dem zweitliebsten Fortbewegungsmittel der Zwillinge, sind sie ruckzuck am Pascal-Gymnasium und am Kanal. Heimweh kommt da kaum auf. „Wir fühlen uns hier absolut wohl“, sagen sie. Im Internat, an der Schule und in der großen Trainingsgruppe des RVM. „Das passt.“ In der Heimat waren sie zuletzt vor sechs Wochen. „Wenn eigentlich jedes Wochenende irgendwo eine Regatta ist, bleibt da nicht viel Zeit“, sagt David Wieczorek.

In der Schule läuft es ordentlich, sagen sie – und meinen damit ziemlich gut. Beide haben sie die Leistungskurse Mathe und Erdkunde belegt, beide einen Notenschnitt mit einer 1 vorm Komma – und beide wollen sie nach dem Abi ein Ingenieurs-Studium starten. Im Boot sitzt David auf dem Steuerbordschlag, hinter ihm übernimmt Emanuel mit dem Backbord-Ausleger. Theoretisch ginge es auch andersrum, praktisch nicht. „Haben wir schon ausprobiert“, sagt Emanuel, „funktioniert überhaupt nicht“, ergänzt David. Auch da herrscht Einigkeit. Allemal ist Emanuel im Bootsheck immer Sekundenbruchteile vor seinem Zwillingsbruder im Ziel – einen Rückstand wird er allerdings nicht mehr wettmachen: David ist eine Minute älter.

In diesem Jahr wollen die Zwillinge noch bei der U-19-WM starten. Vereinskamerad Kieran Holthues hat gemeinsam mit Partner Paul Martin aus Essen das Ticket durch Rang zwei bei der Ranglistenregatta in Hamburg schon sicher, die Wieczoreks waren als Fünfte unwesentlich später im Ziel und stehen ebenfalls hoch im Kurs bei den Bundestrainern. „Das ist unser Ziel für dieses Jahr“, sagt David, und Emanuel nickt zustimmend – mit so viel Siegeswillen und Selbstbewusstsein, dass kein Zweifel bleibt. Reine Kopfsache – es gibt jeden Grund für die Branchenriesen, sich vor den Zwillingszwergen zu fürchten, vorm schwarzen ebenso wie vorm weißen. Und am meisten vor beiden zusammen.

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