Fußball-EM startet mit 364 Tagen Verspätung

Im Rückblick - die größten deutschen Erfolge

Münster

Die deutsche Mannschaft wird am Dienstag in München gegen Weltmeister Frankreich in die Fußball-Europameisterschaft starten. Dreimal war das DFB-Team auf dem EM-Thron - ein Rückblick.

Von Wilfried Sprenger

Europameister 1972: Franz Beckenbauer, Helmut Schön, Georg Schwarzenbeck, Jupp Heynckes, Gerd Müller, Horst-Dieter Höttges, Günter Netzer (hinten von links), Erwin Kremers, Herbert Wimmer, Paul Breitner, Sepp Maier, Uli Hoeneß (vorn von links). Foto: Imago

Voller Stolz und bei Betrachtung aller WM-Turniere auch verdient trägt die deutsche Fußball-Nationalmannschaft seit 2014 den vierten Stern auf dem Trikot. Es weist sie als vierfachen Champion aus. Auf dem Kontinent ist die DFB-Auswahl noch nicht so weit: Dreimal triumphierte Deutschland bei Europameisterschaften. Das erste Mal 1972 in Belgien.

Sepp Herberger, Helmut Schön, Franz Beckenbauer, Joachim Löw – es ist müßig und nie gerecht, große Trainer in Vergleiche zu stellen. Herberger schaffte das Wunder von Bern, dieser Coup machte den „Chef“ unsterblich. Statistisch erfolgreicher war Schön: Als bislang einziger Bundestrainer schmückte sich der Mann mit der Mütze mit EM- und WM-Titel. Es war die Zeit, als noch mit Libero und „Kaiser“ gespielt wurde. Schön stellte Franz Beckenbauer fünf Mitspieler vom FC Bayern und drei Gladbacher Borussen zur Seite.

Das Beste zweier großartiger Mannschaften war für den Rest Europas nicht greifbar – schlicht und einfach zu gut. England strich im Viertelfinale (mit Hin- und Rückspiel) die Segel und ging dabei sogar in Wembley (1:3) unter. Beim Vierer-Endturnier in Belgien ließ es der spätere Turniersieger dann „müllern“. Sowohl im Halbfinale gegen den Gastgeber (2:1) als auch im Endspiel gegen die Sowjetunion (3:0) erzielte der „Bomber der Nation“ zwei Treffer. Doch noch mehr als Müller stachen Leichtigkeit und Schönheit des deutschen Spiels heraus. Mittendrin Günter Netzer, der Spiritus Rector. Kritiker überboten sich nach der EM mit Superlativen: Nie habe eine deutsche Mannschaft besser gespielt, hieß es. Anderen genügte ein Wort: Jahrhundertelf.

Finale 1972

Deutschland –   Sowjetunion 3:0

Deutschland: Maier – Beckenbauer – Höttges, Schwarzenbeck, Breitner – Wimmer, Netzer, Hoeneß – Heynckes, Müller, E. Kremers

Tore: 1:0 Müller (27.), 2:0 Wimmer (52.), 3:0 Müller (58.)

Titelgewinn 1980

1980 krönte sich Deutschland erneut zum Europameister. Was ziemlich überraschend war; zwei Jahre zuvor hatte das Team bei der WM in Argentinien noch ein Desaster erlebt. Schön trat in der Folge zurück, sein Assistent Jupp Derwall übernahm und formierte für die EM in Italien ein neues Team. Toni Schumacher stand zwischen den Torstangen, als Stratege rückte der blonde Bernd Schuster in den Fokus, im gegnerischen Strafraum ging Horst Hrubesch als Ungeheuer um. Und dann war da ja noch Kapitän Bernard Dietz, den alle nur „Ennatz“ nannten.

Der Duisburger mit Wurzeln und Heimat im Münsterland beschwor den Teamgeist auf ganz besondere Art. Dietz sorgte dafür, dass sich die Spieler in der Kabine die Hände reichten und danach den Schwur der Musketiere gelobten: ‚Alle für einen, einer für alle.‘ Getreu diesem Motto gewann das DFB-Team erst seine Gruppe und dann das Endspiel (ein Halbfinale gab es nicht) mit 2:1 gegen Belgien. Guy Thys, der zerknirschte Trainer des Vizeeuropameisters, befand später martialisch: „Gegen diese deut­schen Panzer habe ich keinen Bunker.“

Finale 1980

Deutschland –   Belgien 2:1

Deutschland: Schumacher – Stielike – Förster, Dietz – Kaltz, Schuster, Briegel (55. Cullmann), H. Müller – Rummenigge, Hrubesch, Allofs

Tore: 1:0 Hrubesch (10.), 1:1 Vandereycken (75./FE), 2:1 Hrubesch (88.)

Entscheidung durch Golden Goal

Und dann kamen 1996 Oliver Bierhoff und das Golden Goal. Verrückt, dass einer das Turnier in England entschied, den eigentlich niemand auf dem Zettel hatte. Niemand? Nun, einer schon: Bundestrainer Berti Vogts. Der ehemalige „Terrier“ vom Bökelberg hatte den mitunter etwas ungelenk wirkenden Mittelstürmer erst wenige Monate zuvor in den Nationalkader berufen. Länderspiel-Premiere mit 28, tatsächlich erlebte Bierhoff ein ungewöhnlich spätes Glück.

Das Vertrauen Vogts’ gab er dankbar und tatkräftig zurück. Als sich das Finale gegen Tschechien auf die Crunchtime zubewegte und Deutschland nach 69 Minuten 0:1 in Rückstand lag, zog der Bundestrainer seinen Joker. Vier Minuten später gelang dem lange geschmähten Torjäger vom italienischen Erstligisten Udine der Ausgleich. Die Erfindung des Golden Goals, das in der Verlängerung das Spiel direkt beendete, machte Bierhoff dann auch noch zum Fußball-Helden: In der 95. Minute gelang ihm die Entscheidung. Aus, aus, aus – Deutschland war Fußball-Europameister. Und Bierhoff ein Mann für die Geschichtsbücher. Im Februar 2004 wurde das Golden Goal wieder abgeschafft.

Finale 1996

Deutschland –   Tschechien 2:1

Deutschland: Köpke - Sammer – Babbel, Helmer – Struntz, Scholl (69. Bierhoff), Eilts (46. Bode), Häßler, Ziege – Klinsmann, Kuntz 

Tore: 0:1 Berger (59./FE), 1:1 Bierhoff (73.), 2:1 Bierhoff (95.)

Kommentar zum Start der EM 2021: Etwas Hoffnung

Wenn an diesem Tag die Fußball-Europameisterschaft mit einjähriger Verspätung in Rom beginnen wird, dann ist dieses Turnier aus deutscher Sicht noch Lichtjahre von einem „Sommermärchen“ wie 2006 entfernt. Wie soll das auch möglich sein nach dieser langen Phase der Pandemie, in der Menschen starben, Menschen erkranken, Menschen verzweifeln. Selbst jetzt, da die ­Corona-Gesamtlage sich zu entspannen scheint, kann man nicht per Knopfdruck auf Euphorie und die dafür notwendige Fußball-Empathie umschalten.

Aber der Start des Turniers birgt Chancen und weckt Hoffnungen. Während Skeptiker die paneuropäische Fußball-Idee mit Partien in elf Ländern und den entscheidenden Spielen um den Titel in England für geplanten Wahnsinn halten, kommen die Fußball-Fans vorsichtig in Wallung. Und das sind nicht wenige.

Drei Jahre nach dem WM-Desaster von Russland und drei Jahre vor der EM hierzulande ist der deutsche Fußball auf einer Art Erholungskurs. Man traut der Mannschaft des scheidenden Bundestrainers Joachim Löw vielleicht nicht den großen Wurf zu, aber eine gute Rolle. Etwas, was Hoffnung macht, das passt in diese Zeit.

von Alexander Heflik

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