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Fußball: Bundesliga

Lethargischer Genius Julian Brandt schießt BVB zum Sieg

Dortmund

Julian Brandt hat nicht nur leichte Phasen hinter sich. Bei Borussia Dortmund „genießt“ er den Ruf, nicht genug aus seinem Talent rauszuholen. Beim 2:1 gegen den FC Augsburg schlüpfte er nach langer Zeit mal wieder in die Rolle des Matchwinners.

Von Wilfried Sprenger

Wehender Schopf, allerfeinste Ballbehandlung: Julian Brandt ist ein Fußballer mit bemerkenswerten Anlagen. Allerdings schafft er es mitunter nicht, Foto: Imago/Chai von der Laage

Manchmal im Spiel, und das ist gewiss keine gewagte Annahme, gibt es diese Momente, in denen der Dortmunder Trainer Marco Rose seinen Schützling mit der Trikotnummer 19 am liebsten schütteln würde, um ihn aus dem Sekundenschlaf zu reißen. Es wird immer dann der Fall sein, wenn Julian Brandt in Erwartung des Balles wie eine Wachsfigur bei Madame Tussauds erstarrt, sich keinen Zentimeter auf die heranrollende Kugel zubewegt und sie dem jeweiligen Gegenspieler nahezu widerstandslos überlässt. Das war beim mühsamen 2:1-Erfolg des BVB über den FC Augsburg am Samstag nicht anders als in vielen Spielen zuvor. Auch an diesem Tag lag die Zweikampfquote (18 Prozent) des 25-Jährigen irgendwo zwischen indiskutabel und unterirdisch.

Aber es gibt ja auch diesen anderen Brandt, der so vieles richtig macht, wenn er den Ball nicht stehlen oder verteidigen muss, sondern er ihm brav zu Füßen liegt. Immer dann ist dieser Blonde zu Außergewöhnlichem fähig. Gegen Augsburg fanden 94 Prozent seiner Pässe das Ziel – ein überragender Wert. Und dazu erzielte Brandt auch noch das Siegtor. Nach 51 Minuten traf er mit links zum 2:1. In seinen Jubel danach hat er mehr Energie investiert als in manches Eins-gegen-eins-Duell. Ein wirklicher Zweikämpfer wird aus diesem jungen Mann wohl nicht mehr.

Marktwert lag bei 50 Millionen Euro

Brandt galt schon im Junioren-Alter als großes Versprechen. Im Sommer 2019 wechselte er von Bayer Leverkusen zum BVB. Damals wurde sein Marktwert auf 50 Millionen Euro taxiert, er hat sich binnen zwei Jahren halbiert. Der offensive Mittelfeldspieler verfügt über allerfeinste Anlagen, er schafft es aber nicht durchgängig, sein Phlegma abzuschütteln. So gedankenschnell er mit dem Ball ist, so schwerfällig wirkt er manchmal ohne. Brandt kratzt nicht alles aus sich heraus, sagen die Kritiker. Zu denen gehörte auch Joachim Löw. „Ich habe ihm gesagt, dass er gute Fähigkeiten hat, aber er muss die nächste Hürde überspringen“, erklärte der Ex-Bundestrainer im Dezember 2020 nach einem Länderspiel, in dem Brandt offenbar nicht überzeugte und – wie so oft – Fragen aufwarf.

Haaland verzichtet auf Länderspiele

35 Mal hat Brandt inzwischen für Deutschland gespielt. Die Konkurrenz auf den offensiven Positionen ist groß. Wie beim BVB. Am Samstag hatte er erst seinen dritten Startelfeinsatz in dieser Saison – auch begünstigt durch die Ausfälle von Mahmoud Dahoud und Giovanni Reyna. Wenn beide wieder fit sind und dazu Torjäger Erling Haaland zurückkehrt, wird der Weg auf den Platz für manchen zum Nadelöhr.

Brandt muss Leistung bringen und dies in großer Konstanz. Mit seiner außergewöhnlichen Begabung steht er zurecht im Fokus. „Er hat ein ordentliches Spiel gemacht und ein schönes Tor geschossen. Für solche Momente ist Jule immer zu haben. Er hat unserem Spiel viel gegeben und hat gegen den Ball fleißig gearbeitet“, fasste Dortmunds Trainer Marco Rose den Arbeitstag Brandts nach dem Sieg über Augsburg zusammen. In Summe war dies dann doch ein begrenztes Lob, im Zeugnis würde eine 3+ stehen, nicht schlecht, aber eben auch nicht wirklich gut.

Wenn man so will, hat Brandt die Partie gegen Augsburg entschieden, Mann des Spiels war er nicht. In der Dortmunder Offensive ragte Donyell Malen heraus. Der Niederländer schoss zwar kein Tor, rackerte aber für zwei, gewann 67 Prozent seiner Zweikämpfe und war immer hellwach.

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