Fußball: RWA-Manager über die Anfänge des heutigen Bundesligisten

Der Dosenöffner: Wie Joachim Krug RB Leipzig Flüüügel verlieh

Ahlen/Leipzig

RB Leipzig greift im DFB-Pokal nach dem ersten Titel der Vereinsgeschichte. So rund lief es nicht immer. Als Mann der ersten Stunde erinnert sich Joachim Krug an massive Anfeindungen, einen blutigen Bullenkopf und an Hans-Joachim Watzke, der für das Projekt nur ein müdes Lächeln übrig hatte.

Cedric Gebhardt

Im Februar 2010 gibt es noch keinen Stierkampf. Dietmar Beiersdorfer (links), damals Head of Global Soccer bei RB Leipzig, und Joachim Krug als Sportdirektor und Vorstandsvorsitzender wehrten sich gemeinsam gegen Widerstände. Foto: imago

RB Leipzig trifft am Donnerstag im DFB-Pokalfinale auf Borussia Dortmund. Es ist das zweite Mal, dass die Sachsen in Berlin nach dem Pott greifen. Im Mai 2019 unterlag RB dem FC Bayern mit 0:3. Nun könnten die Leipziger gegen den BVB den ersten Titel ihrer Vereinsgeschichte einfahren. Auch Joachim Krug hätte dann daran einen kleinen Anteil.

Das mag auf den ersten Blick zwar vermessen klingen, hat aber eine gewisse Berechtigung. Denn der heutige Sportliche Leiter von RW Ahlen war ein Mann der ersten Stunde, und er hat das Projekt RB Leipzig im Jahr 2009 mit aus der Taufe gehoben. Im ersten Jahr des Bestehens war Krug zunächst Sportdirektor, später sogar Vorstandsvorsitzender des Vereins.

Mit Mateschitz-Auftrag beginnt das Projekt

Alles begann bereits im Jahr 2008, als Andreas Sadlo den damals 53-jährigen Joachim Krug ansprach, ob er Lust auf ein spannendes Projekt habe. Die Firma Red Bull und deren Eigentümer Dietrich Mateschitz wollten zur besseren Vermarktung ihres Produkts eine Profi-Fußballmannschaft in einer der vier Top-Ligen in Europa aufbauen.

Diese Aufgabe übertrug der österreichische Milliardär seinem Vertrauten Sadlo. Der wiederum nahm Kontakt zu Krug auf, da sie sich durch den Transfer von Christian Mikolajczak zu LR Ahlen kannten. Und Krug? Winkte erst mal ab. „Am Anfang habe ich gedacht, der hat ’ne Schraube locker. Aber er hat nicht lockergelassen und immer wieder angerufen, bis ich gesagt habe: Okay, ich höre mir das mal an“, erinnert sich Krug.

Gemeinsam besuchten sie Mateschitz in Salzburg. Nach dem Gespräch war Krugs Neugier geweckt. Er ließ sich auf das Projekt ein. Zusammen mit Sadlo klopfte er bei verschiedenen Clubs an, darunter bei Fortuna Düsseldorf und beim KFC Uerdingen. Selbst auf die Balearen reisten die beiden, um bei Real Mallorca vorstellig zu werden. Doch es kam keine Kooperation zustande.

Neues Feindbild

„In Leipzig hat es dann gut gepasst“, sagt Krug. Zuvor übernahm der von der Brausefirma Red Bull gegründete Rasenballsport (RB) Leipzig zur Saison 2009/10 das Startrecht des SSV Markranstädt in der fünftklassigen Oberliga Nordost.

Damit wurde am 19. Mai 2009 eines der spannendsten und zugleich umstrittensten Projekte im europäischen Profifußball geboren. „Von Beginn an hatten wir eine Menge Gegenwind. Das hat uns aber erst recht gallig gemacht, das Ding auf die Beine zu stellen und durchzuziehen“, erzählt Krug.

In der Stadt avancierte der Retortenclub bei den Fans von Lok und Sachsen Leipzig in Windeseile zum Hassobjekt. „Die Anhänger der beiden Vereine waren sonst wie Hund und Katze. Aber als wir aufgetaucht sind, haben sie von einander abgelassen und hatten ein neues Feindbild – uns.“

Grüne Widerstände und kriegsähnliche Zustände

Und auch die Politik stand RB anfangs skeptisch gegenüber. Im Auwald hatte der Club vor, ein modernes Trainingszentrum zu errichten. „Das wollten uns die Grünen nicht geben, weil da drei Frösche rumspringen, die unter Naturschutz stehen“, erinnert sich Krug. Erst nach einem Vortrag im Stadtrat habe es schließlich die Zustimmung gegeben. „Und hinterher haben selbst die Grünen Beifall geklatscht“, sagt Krug.

Auch Oberbürgermeister Burkhard Jung machte sich für RB stark. „Damit hatten wir von entscheidender Stelle die entscheidende Unterstützung.“ Abends feierte Krug diesen Etappensieg mit einem Konzertbesuch bei den „Prinzen“. Neben den Sängern sollten wenige Jahre später auch die Fußballer zu Aushängeschildern der Stadt werden. Doch bis dahin war es noch ein weiter Weg.

Das bekamen Krug und Co. vor allem auf den Fußballplätzen der Region zu spüren. „Da haben wir zum Teil kriegsähnliche Zustände erlebt. Wir wurden beworfen, bespuckt und beleidigt.“ Vor dem ersten Meisterschaftsspiel in der Oberliga Nordost verätzten RB-Hasser den Rasen des Stadions mit Chemikalien. Die Sportschule Sachsen, in der die Mannschaft trainierte, wurde mit Anti-RB-Parolen besprayt. Security musste das Team schützen.

Abgeschnittener Bullenkopf auf dem Rasen

„Bei Auswärtsspielen standen manchmal auch Fans mit Knüppeln vor dem Stadion, um uns zu begrüßen. Vor der Partie bei Dynamo Dresden II haben welche von der Tribüne vor dem Anstoß einen abgeschnittenen, blutigen Bullenkopf auf den Rasen geworfen. Und als wir nach dem Spiel schon im Bus auf der Rückfahrt waren, haben sie mit Steinen alle Scheiben eingeworfen. Wir sind von der Polizei mit Blaulicht aus Dresden nach Hause eskortiert worden“, erzählt Krug.

Besonders krass sei das Auswärtsmatch bei Carl Zeiss Jena II gewesen. „Dort wollten sie uns fast totschlagen. Wir mussten auf einem Nebenplatz spielen, auf dem es kaum Sicherheitsvorkehrungen gab. Das war pure Schikane. Da standen 500 Bekloppte, die uns ans Leder wollten. Deren Wut wurde über die 90 Minuten immer schlimmer. Also habe ich den Bus direkt an den Platz ranfahren lassen, so dass wir nach Abpfiff alle sofort ungeduscht reinspringen konnten. Keine Ahnung, was sonst passiert wäre. Psychisch war das eine Belastung ohne Ende“, sagt Krug.

Rauswurf einen Tag nach der Meisterfeier

Das Projekt RB brachte jedoch nicht nur regional die Fans in Wallung. „Schon nach den ersten zwei, drei Spielen in der Oberliga hing auf der Südtribüne in Dortmund ein Banner gegen RB“, erinnert sich Krug. Trotz allem gelang der Mannschaft der Aufstieg. Bei der Meisterfeier führte Krug auf der Bühne noch durch den Abend. Stunden später folgte der Rausschmiss.

Dietmar Beiersdorfer war inzwischen Head of Global Soccer bei RB geworden und damit Krugs Vorgesetzter. Am Tag nach dem Titelgewinn warf der ehemalige HSV-Manager neben Krug auch Trainer Tino Vogel und dazu noch 17 Spieler raus. „Das war eine heftige Erfahrung, aber Dankbarkeit darf man im Fußball einfach nicht erwarten“, so Krug. Er hätte es ahnen können, denn ein paar Monate zuvor war bereits Sadlo aussortiert worden.

Erinnerung an müdes Lächeln von Watzke

Es dauerte dann noch eine Weile, bis RB sportlich unter Ralf Rangnick richtig durchstartete. Mittlerweile haben sich die Sachsen neben Bayern München und Borussia Dortmund als dritte nationale Kraft etabliert. Apropos BVB. Zu den Anfängen in Leipzig nahm Krug an einer Podiumsdiskussion teil. Auch Borussia Dortmunds Geschäftsführer Hans-Joachim Watzke war Gast in der Runde.

„Ich habe damals gesagt, dass wir eines Tages in der Bundesliga sein werden. Watzke hat daraufhin nur müde über uns gelächelt. Mal sehen, ob er am Donnerstag nach dem Pokalfinale auch noch was zu lachen hat“, sagt Krug.

Die Sache ist klar, er ist im Endspiel für RB, oder? „In meiner Brust schlagen zwei Herzen, denn der BVB ist mir auch nicht ganz unsympathisch, und ich wohne nur wenige Minuten vom Stadion entfernt. Die Chancen stehen 50:50. Aber ich würde mich freuen, wenn Leipzig den ersten Titel einfährt.“

Sollte es so kommen, dürften nur wenigen Fußballfans vor den Fernsehschirmen die Anfänge des Vereins derart vertraut sein wie Krug. „Wir haben damals zum Teil 16 Stunden pro Tag gearbeitet und selbst die Waschmaschinen ins Trainingszentrum getragen. Jeder hat alles gemacht, damit dieser Verein ans Laufen kam. Ich habe ihn von null mit aufgebaut. Man hat den Aufbruch gespürt. Es war die spannendste Zeit meiner Karriere.“

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