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Flüchtling aus Eritrea startet beim Ahlener Wintercitylauf

Der für sein Leben (gern) läuft

Ahlen

Einfach nur aus reiner Freude am Sport zu laufen, war für Amanuel Desale Beyen vor nicht allzu langer Zeit noch undenkbar. Eine Odyssee führte den Flüchtling, der um sein Leben laufen musste, von Eritrea nach Deutschland – wo er am Freitag beim Wintercitylauf in Ahlen seinen ersten Wettkampf bestreitet.

Kristian van Bentem

Voller Vorfreude: Amanuel Desale Beyen (hier beim Training im Sportpark Nord in Ahlen) fiebert dem Start beim Wintercitylauf entgegen – seinem ersten Wettkampf seit seiner Flucht aus Eritrea nach Deutschland. Foto: Danny Schott

Amanuel Desale Beyen läuft für sein Leben gern. Schon als Schüler hat ihn dieser Sport fasziniert, und als er 2007 als 17-Jähriger bei den Ostafrikanischen Jugendmeisterschaften in Dschibuti für Eritrea die Silbermedaille über 1500 Meter gewann, da träumte er von einer großen Sportler-Karriere. Es sollte anders kommen. Am Freitag Abend startet er beim Wintercitylauf in Ahlen und freut sich, aus reinem Spaß um eine gute Zeit zu laufen – ganz anders als 2008 in Eritrea, als er um sein Leben gelaufen ist.

Amanuel Desale Beyen über seinen Start beim Wintercitylauf in Ahlen

„This is a special day“, sagt Amanuel Desale Beyen in gebrochenem Englisch, und seine dunklen Augen leuchten. Denn dass er beim Laufen nur die ungewohnten deutschen Winter-Temperaturen fürchten muss („So kalt!“), das hätte er sich vor nicht allzu langer Zeit noch nicht vorstellen können. Amanuel, seit Anfang des Jahres als Asylbewerber in Deutschland, ist 24 Jahre jung – und hat doch schon mehr hinter sich, was niemand erleben möchte, als die meisten Menschen in ihrem ganzen Leben. Als Sohn eritreischer Eltern im Sudan geboren, gehörten immer wieder Flucht und Vertreibung von einem ins andere Land zum bitteren, aber normalen Alltag – so wie 2008. Von der eritreischen Armee zum Kriegs- und Arbeitsdienst in der Grenzregion gezwungen, habe ihm eine harte Strafe gedroht, nachdem er Flüchtlinge ungehindert die Grenze habe passieren lassen, berichtet Amanuel. In der folgenden Nacht, als Kameraden und Bewacher schliefen, flüchtete er deshalb aus dem Militärlager zu Fuß in den Sudan. Erst ganz langsam und leise, Schritt für Schritt, um nicht entdeckt zu werden – dann immer schneller. „Ich bin etwa drei Stunden durchgelaufen“, erinnert er sich an den Tag, an dem er um sein Leben rannte.

Weil er dort im Flüchtlingslager, aus dem Organhandelbanden immer wieder Menschen entführten, nicht bleiben wollte, der Sudan aber Flüchtlinge außerhalb der Lager nicht duldete, musste Amanuel mehrfach zurück nach Eritrea. Dort sei er einmal sechs Monate in einem unterirdischen Gefängnis inhaftiert gewesen und habe mit einem Gewehrkolben einen Schlag in die Beckengegend bekommen. „Eine Verletzung die ich immer noch spüre.“

Amanuel Desale Beyen über seine Flucht in einem völlig überfüllten Boot übers Mittelmeer

Ohne Aussicht auf eine Zukunft ohne Bedrohung schlug er sich 2013 in den Norden Libyens durch, von wo er im Dezember in einem mit rund 240 Flüchtlingen völlig überfüllten Boot die ungewisse Reise aufs Mittelmeer antrat. „Denn ich hatte nichts mehr zu verlieren.“ Von italienischen Schiffen aufgenommen, landeten er und seine Gefährten zunächst auf Lampedusa, dann in einem weiteren Lager in Kalabrien. Von dort setzte er sich ab und schlug sich schließlich über Rom, Mailand und die Schweiz bis nach Deutschland durch, wo er einen Asylantrag stellte und nach mehreren Zwischenstationen seit Februar in einer Flüchtlingsunterkunft in Sendenhorst lebt.

Ralf Gosda, Lauftrainer bei der LG Ahlen

Erst hier fand er die Ruhe, überhaupt wieder an Sport zu denken. Von einer Mitarbeiterin des Deutsch-Ausländischen Freundeskreises in Sendenhorst, die von seiner Laufleidenschaft erfuhr, bekam Amanuel ein paar Laufschuhe geschenkt, mit denen er nun täglich Trainingsläufe absolvierte. Ein Bekannter von Leichtathletik-Trainer Ralf Gosda vermittelte schließlich den Kontakt zur LG Ahlen, wo der Asylbewerber im März erstmals zur Laufgruppe stieß und mit offenen Armen empfangen wurde. „Amanuel ist ein talentierter, fleißiger Läufer und ein toller Mensch, der hier voll inte­griert ist. Bei uns wird Multikulti tatsächlich gelebt“, sagt Gosda, der sich anfangs mit ihm nur auf Englisch verständigen konnte. „Inzwischen spricht er aber auch schon ganz passabel Deutsch.“ Und auch sportlich entwickele sich der frühere 1500-Meter-Läufer, der einmal pro Woche zum Training nach Ahlen kommt (oft mit dem Fahrrad) hervorragend zum Ausdauersportler. „Ich habe ihn in den vergangenen Monaten behutsam an die langen Strecken herangeführt“, berichtet der Trainer und hofft, dass er sich nun beim Wintercitylauf an die taktische Marschroute hält. „Es bringt nichts, einen Kilometer Vollgas zu geben, aber danach einzubrechen“, mahnt Gosda und „droht“ seinem Schützling: „Wehe, wenn er hinter seinem 52-jährigen Trainer landet. Dann muss er einen ausgeben!“

Dazu wird es wohl nicht kommen. Denn Gosda traut Amanuel Desale Beyen, über dessen Anerkennung als Flüchtling im Januar entschieden wird und der von einem Studium an der Sporthochschule in Köln träumt, eine Zeit zwischen 40 und 41 Minuten zu. Aber Zeiten sind wohl erst einmal nebensächlich für einen, der weiß, was es heißt, um sein Leben zu laufen.

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