Fußball: RW Ahlens Manager lebt ungewöhnlichen Dreiklang

Feder, Fußball, Feldarbeit: Die Leidenschaften des Joachim Krug

Ahlen

Joachim Krug steckt als Sportlicher Leiter von RW Ahlen mitten im Abstiegskampf der Fußball-Regionalliga. Den Trainer hat er schon gewechselt. Aber was kann er noch tun? Und wie schafft er es, nicht die Nerven zu verlieren?

Cedric Gebhardt

Volles Programm statt Müßiggang: Auf der Ranch in Hamm packt Joachim Krug nahezu täglich mit an. Zu den dortigen Pferden hat er eine enge Verbindung. Foto: Joachim Krug

Manchmal ist der Gegner so winzig klein, dass man ihn nicht zu packen kriegt. So wie an diesem Donnerstagabend Ende November. Joachim Krug sitzt in Jeans auf der Geschäftsstelle von Rot-Weiß Ahlen und fummelt an seinem schwarzen Pullover herum. Immer wieder zupft er an seinem Oberteil, so, als wolle er einen lästigen Flusen entfernen. Aber es klappt nicht. Hat jemand eine Fusselrolle? Dann streicht er den Pullover wieder glatt. Ist da überhaupt ein Flusen auf seinem Oberteil?

Mit Neururer fast bis in die Bundesliga

Geschenkt. Krug hat schließlich drängendere Probleme. Zum Beispiel Rot-Weiß Ahlen über den Strich zu hieven. Aktuell steht der Club auf Platz 20 in der Fußball-Regionalliga. Viel weiter entfernt vom Klassenerhalt kann man nicht sein. Der Abstieg droht. Was kann er dagegen tun?

Krug ist 65 Jahre alt, hat kein Gramm zu viel auf den Rippen, hat volles, leicht ergrautes Haar, ist an die 1,90 Meter groß. Erst ist er Spieler bei Arminia Bielefeld. Später dort auch Trainer in der 2. Bundesliga. 1992 geht er zu LR Ahlen. Ein Verein, den der damalige Mäzen Helmut Spikker mit Millionen aufpumpt und den Krug zunächst als Trainer, später als Manager von der Bezirks- bis in die 2. Bundesliga führt. Fast klappt es unter dem damaligen Coach Peter Neururer – mit dem er in den 70ern an der Sporthochschule Köln gemeinsam studiert – sogar mit dem Aufstieg in die 1. Bundesliga. Fast.

Da war noch viel Feinkost: (von links) Mäzen Helmut Spikker, Trainer Werner Lorant und Joachim Krug zu Zeiten von LR Ahlen in der 2. Bundesliga. Foto: Henning Wegener

Das Diktat des Machbaren

Es folgen gute und weniger gute, auf jeden Fall aber turbulente Jahre in Ahlen, ehe sich mit dem Rückzug des Geldgebers auch der sportliche Niedergang einstellt. Krug zieht es nun nach Sachsen, wo er gegen den Widerstand im Umfeld der Stadt mithilft, das Projekt RB Leipzig entstehen zu lassen. Auch das mit Erfolg, bis ihm mit Dietmar Beiersdorfer jemand vor die Nase gesetzt wird, der andere Ideen hat. Beiersdorfer setzt sich durch. Krug muss gehen.

Im Kreis Ahlener Legenden im November 2014: (von links) Joachim Krug, Bernard Dietz, Christian Wück, Willi Pott, Jupp Tenhagen und Peter Neururer im Wersestadion. Foto: René Penno

Und heuert wieder in Ahlen an. Zwischenzeitlich hat es der Verein zurück in die 2. Bundesliga geschafft. Ohne ihn, und ohne die Millionen des ehemaligen Gönners. Dann bricht im Oktober 2010 das Gebilde in sich zusammen. Insolvenz. Abstieg in die Fünftklassigkeit. Für Joachim Krug aber ist der Club noch immer eine Herzensangelegenheit. Deshalb versucht er ihm auf die Beine zu helfen – damals wie heute.

Noch immer hat der Verein, der inzwischen Rot-Weiß und nicht mehr LR Ahlen heißt, mit den Folgen der Insolvenz zu kämpfen. Die Sponsoren stehen nicht gerade Schlange. So verfolgt der Club eine Politik des zugeknöpften Portemonnaies. Joachim Krug steht als Sportlicher Leiter vor der Aufgabe, aus möglichst wenig möglichst viel machen zu müssen. Tief gebeugt dem Diktat des Machbaren.

Mehnert hat Verständnis

Was also kann er tun in der augenblicklichen Lage? Tabellenvorletzter in der Regionalliga. Den Trainer hat er schon gewechselt. „Eins ist klar: Wir hatten ein Konzept und das haben wir auch umgesetzt. Letztlich entscheidet sich alles auf dem Platz, aber da hat es nicht funktioniert.“ Ein Sieg aus 13 Spielen, nur sechs Punkte. Zu wenig. Der glücklose Trainer Björn Mehnert muss Mitte November gehen. „Überhaupt keinen Vorwurf an Mehnert. Er war sehr engagiert, hat alles probiert. Er ist der Statistik zum Opfer gefallen“, sagt Krug.

Der entlassene Mehnert hat Verständnis für Krugs Situation. „Wenn ich 15 Jahre weiter wäre und dann Verantwortlicher in einem Verein, würde ich diese Entscheidung vielleicht genauso treffen. Beide Seiten haben Fehler gemacht. Ich hoffe, der Verein reflektiert seine und zieht daraus die richtigen Schlüsse.“

Unter dem neuen Übungsleiter Andreas Zimmermann, der als Interimslösung vorerst bis zur Winterpause installiert ist, wird es erst mal nur geringfügig besser. Ein Sieg, vier Unentschieden, zwei Niederlagen. Weiter Abstiegskampf.

Feinkost versus Discounter

Krugs Handy klingelt. Luei Omar ist dran. Früher hat er beim SC Wiedenbrück gespielt, jetzt ist er beim MTV Wolfenbüttel in Niedersachsen, ist dort aber nicht glücklich. Ob Ahlen für ihn Verwendung habe? Krugs Augen weiten sich. Er schaut etwas irritiert. Dann schüttelt er mit dem Kopf. „Momentan haben wir 30 Spieler im Kader, da ist es schwierig, noch einen dazu zu nehmen. Wir müssen erst mal schauen, wie sich die Situation bei uns in der Winterpause entwickelt. Am besten, wir sprechen Anfang Januar noch mal.“

So geht das jetzt ständig. Immer wieder bieten sich Krug Spieler an, wollen noch irgendwo unterkommen. Sie hoffen, dass ein Tabellenvorletzter Verstärkungen womöglich gut gebrauchen könnte. Aber Krug wiegelt ab. Erst mal muss er mit dem vorhandenen Personal arbeiten. Früher in Leipzig und auch zu Profi-Zeiten in Ahlen, da hat er bei Transfers im Feinkostladen einkaufen gehen können. Jetzt muss er sich beim Discounter umschauen.

Joachim Krug auf der Pferde-Ranch in Hamm. Dort schwingt er auch schon mal die Mistgabel. Foto: Joachim Krug

Auf der Ranch ist das Handy tabu

Wieder klingelt das Handy. Diesmal allerdings hat Krug es auf lautlos gestellt. Er will nicht gestört werden. Genauso wie vormittags, wenn er das Handy grundsätzlich nicht bei sich trägt. Denn ab 5 Uhr in der Früh ist der 65-Jährige für gewöhnlich auf einem Bauernhof in Hamm, um die dort lebenden Pferde zu verpflegen. Krug nennt ihn „die Ranch“. Über seine Tochter Julia ist er nach und nach in die Aufgabe reingewachsen. Bis in die Mittagsstunden steht Krug dann mit der Mistgabel im Stroh, erstellt Futterpläne oder fährt kranke Rösser zum Tierarzt. „Was ich beim Fußball als Manager mache, mache ich da im Grunde genommen auch – ich sorge dafür, dass die Abläufe funktionieren“, sagt Krug. Ein dauernd klingelndes Handy würde dabei nur nerven. Und es wäre ein Gesundheitsrisiko. „Angenommen ich stehe in der Box, neben mir ein 600-Kilo-Hengst und dann klingelt mein Handy laut. Dann kann es sein, dass ich in der nächsten Sekunde als Briefmarke an der Wand klebe.“ Deshalb ist das Handy tabu.

Ab frühem Nachmittag bleibt genug Zeit, sich um die Belange des Fußballs zu kümmern. Die Stunden auf der Ranch dagegen sind für Krug willkommene Abwechslung. „Tiere sind mir weitaus angenehmer als Menschen. Menschen lügen, betrügen, sind hinterhältig, machen Dinge, die man nicht vorhersehen kann. Tiere tun das nicht. Sie geben dir all das zurück, was du ihnen gibst. Ich ruhe in mir selbst, wenn ich allein mit meinen Tieren bin.“

In Köln kurz vorm Herzinfarkt

Alles andere spielt dann keine Rolle. An Fußball denkt er erst wieder, wenn er auf der Geschäftsstelle ist. Welche Optionen bleiben ihm? Womöglich selbst wieder Trainer werden? Schon einmal hat er ausgeholfen. Damals im April 2012, kurz nach seiner Rückkehr nach Ahlen. Die Mannschaft ein Trümmerhaufen, in sich zerstritten. Die Spieler beklauen sich gegenseitig in der Kabine. Bei Viktoria Köln zeigen sie eine kollektive Leistungsverweigerung. Es setzt eine 0:9-Pleite. Eine Situation, die Krug ebenso körperlich wie mental anfasst. „Ich stand kurz vorm Herzinfarkt. Ich war froh, die Fahrt von Köln nach Hause noch geschafft zu haben“, gesteht Krug. Daheim in Kamen angekommen, schnappt er sich Hund Paul, sagt kurz seiner Frau Bescheid und flüchtet gleich weiter nach Norderney. 14 Tage Isolation. Ruhe. Und der Entschluss, nie mehr als Trainer arbeiten zu wollen.

Fußball kann auch anstrengend sein. Foto: Marc Kreisel Foto: Marc Kreisel

Antennen ausgefahren

„Das war damals eine Grenzerfahrung. Die heutige Situation ist damit überhaupt nicht vergleichbar. Trotzdem ist mir die momentane Lage natürlich nicht gleichgültig. Wenn mich das nicht berühren würde, könnte ich gleich aufhören. Denn ich bin Sportler und als Sportler ist man ehrgeizig.“

Was also bleibt noch, um die Mannschaft auf Kurs zu bringen? Sie zu verändern. „Der Kader unterliegt jetzt einer strengeren Prüfung als ohnehin schon. Wir werden uns im Winter von einigen Spielern trennen, die bei uns keine Perspektive haben.“ Das entlastet den Etat, um den Kader noch mal zu justieren und nachzurüsten. „Niemand hat mehr Bock auf die Oberliga. Wir allen wollen den Klassenerhalt“, erklärt Krug. Er schaut sich nach Spielern um, die der Mannschaft weiterhelfen könnten. „Ich habe meine Antennen ausgefahren.“

Leipzig als Schauplatz für seine Krimis

Ambitionen entwickelt er derweil auch noch auf einem anderen Feld, der Schriftstellerei. Schon 2011 nach seiner Entlassung in Leipzig geistern Ideen in seinem Kopf herum. Eine Handlung, die der 65-Jährige zu Papier bringt. Fünf Jahre liegt das fertige Skript auf seinem Rechner und schlummert vor sich hin. Dann traut sich Krug und veröffentlicht im Juni 2016 seinen Erstling „Schwarzer Drache“. Der spielt in Leipzig, seiner ehemaligen Wirkungsstätte. Sein Protagonist Jan Krüger legt sich darin mit den Taliban und der Russenmafia an. Weil die Resonanz auf den Thriller positiv ausfällt und Krug das Schreiben leicht von der Hand geht, folgen rasch weitere Krimis mit seiner Hauptfigur Krüger. Jüngst ist sein neues, sein sechstes Buch erscheinen. Es trägt den Titel „Der Lotuseffekt“.

Joachim Krug als Autor. Kopfnebel ist sein bislang erfolgreichstes Buch. Foto: Joachim Krug

Krug schreibt abends am heimischen Schreibtisch. „Das ist jedenfalls sinnvoller, als wenn ich Bauer sucht Frau schauen würde.“ Und ähnlich wie auf der Ranch kreisen die Gedanken nicht um die sportlich vertrackte Situation in Ahlen. „Beim Schreiben kann ich abschalten, das ist ein ganz eigener Kosmos.“ Ideen für mindestens zwei weitere Bücher habe er bereits, verrät Krug.

Sisyphos und das Hornbach-Prinzip

Das Schreiben, die Ranch, der Fußball – Joachim Krug darf man durchaus als rastlos bezeichnen. Sollte es mit dem Klassenerhalt nicht klappen, baut er im Frühjahr für die Oberliga von Neuem ein Team auf. In seiner Unnachgiebigkeit hat er etwas von Sisyphos, der Figur aus der griechischen Mythologie. Immer wieder rollt er den Felsbrocken den Berg hinauf.

Vielleicht kann oder will er auch gar nicht anders. „Ich bin zweifacher Großvater und bin mit mir und meinem Leben im Reinen. Ich werde so lange arbeiten, wie ich kann. Ich werde jedenfalls nicht im Sessel sitzen und nur den Hund streicheln. Und wenn mir gar nichts mehr einfällt, lerne ich ein neues Instrument. Ein Schlagzeug habe ich von meiner Frau bisher nicht genehmigt gekriegt. Und sie würde auch einen Fön kriegen, wenn ich jetzt plötzlich Saxophon spiele.“

Joachim Krug lebt nach dem Hornbach-Prinzip: Es gibt immer was zu tun. Und die derzeitigen Probleme sind wahrlich größer als ein Flusen auf dem Pullover. Leichter zu greifen sind sie nicht.

Startseite