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Integrationsfigur in jeder Hinsicht: Ismail Ugur

Ostbevern

Seit 1975 lebt Ismail Ugur in Deutschland. Sechs Jahre musste der in der Türkei geborene Fußballer wegen einer Verletzung pausieren - nun ist er der dienstälteste Fußballer in den Reihen des BSV Ostbevern. Er will weiterspielen – solange die Knochen halten.

Karl-Heinz Kock

Ismail Ugur (l.) als Jugendfußballer in der Türkei. Foto: privat

Bis vor anderthalb Jahren war Georg Oevermeyer der mit Abstand älteste Fußballer in Reihen der Ostbeverner Altherren. Mit 79 Jahren nahm der Bröcker immer noch an den Übungsabenden mittwochs im Beverstadion teil, ehe ihn eine Meniskusverletzung zum Aufhören zwang. Seitdem ist Ismail Ugur der Senior unter den altgedienten BSV-Kickern in der Bevergemeinde. „Sport ist sehr, sehr wichtig. Ohne Sport wird man müde, schlapp und lustlos“, sagt der 66-Jährige.

Dabei war dieser Weg keineswegs vorgezeichnet. Ugur wurde 1954 in Mugla, im Südwesten der Türkei, geboren. Als Jugendlicher begann er seine fußballerische Laufbahn als Innenverteidiger bei Muglaspor und Bayirspor. „Die Sportplätze da waren nicht so gut. Teilweise haben wir unseren Fußballplatz selbst gebaut.“ Für kritische Fragen im Unterricht erhielt der angehende Abiturient schon mal Schläge von seiner damaligen Geschichtslehrerin und musste die Schule verlassen. Dieses politische Interesse hat Ugur später auch in Ostbevern begleitet. Mehr als dreieinhalb Jahrzehnte engagierte er sich im SPD-Ortsverein und war jahrelang in dessen Vorstand tätig.

Ismail Ugur Foto: Privat

Die politisch schwierige Lage zu Zeiten der Demirel-Regierung war es dann auch, die den angehenden Studenten im Oktober 1975 zum Verlassen seiner Heimat veranlasste. Seine spätere Frau Zühra war bereits zwei Jahre früher nach Ostbevern gezogen. „Die Anfangszeit war schwierig. Ich konnte kein Wort Deutsch. Hier war alles anders. Sprachlich und kulturell musste ich mich erst zurechtfinden“, berichtet Ugur. Zwei Jahre belegte er Deutschkurse, ehe er in Münster sein Lehramtsstudium in den Fächern Mathematik und Physik begann.

„Durch einen Kumpel bin ich zum BSV-Fußball gekommen“, sagt er. Gemeinsam mit Ernst Helmus, Herbert Gottwald und Manfred Dreckmann spielte er als Rechtsverteidiger in der ersten Mannschaft der Blau-Weißen, ehe ihn Ende der 70er Jahre ein Kreuzbandriss jäh stoppte und zu einer sechsjährigen Pause zwang.

Serie Oldie but Goldie Ismail Ugur Altherren-Fußballer aus Ostbevern, hier in der Mitte im dunklen Dress Dezember 2020 Foto: privat

Mit einem Gips am operierten Bein ging’s derweil regelmäßig zum Studium nach Münster. Nebenbei arbeitete er, um ein wenig Geld zu verdienen. Alles Dinge, die dem nicht voll funktionsfähigen Gelenk nicht guttaten. Bis heute spürt der Ostbeverner die Nachwirkungen des Sportunfalls, der sich in Telgte ereignete. Mitte der 80er Jahre engagierte er sich trotzdem als Spielertrainer in der dritten SG-Vertretung.

1990 fand der sportbegeisterte Lehrer dann den Weg zu den Altherren des BSV. „Dabei sind mir die Kontakte und das Soziale sehr wichtig.“ Inzwischen ist der Vater zweier Töchter und dreifache Großvater der dienstälteste Akteur in Reihen der Ostbeverner. „Solange die Knochen halten, möchte ich weiter kicken. Vielleicht bis 70“, sagt Ugur, der 2014 in Altersteilzeit ging, nachdem er drei Jahrzehnte an der Hermann-Claudius-Hauptschule in Marl beruflich tätig gewesen war – zuletzt zwei Jahre gemeinsam mit einem Kollegen als kommissarischer Leiter der Einrichtung. „Ich war sehr gerne Lehrer. Es war eine wunderschöne Zeit. Ich würde es sofort wieder tun. Danach habe ich die Schüler vermisst.“

Ismail Ugur

Seinen Umzug in jungen Jahren nach Deutschland hat er nie bereut. „Wenn ich in der Türkei geblieben wäre, wäre mein Leben ärmer verlaufen. Ich habe hier viel gelernt, vor allem für mich als Mensch.“ Er fand Gefallen an Kulturreisen, die ihn mit großen Gruppen unter anderem in die ehemalige DDR, nach Venedig, Straßburg, Zürich oder Amsterdam führten. In seiner neuen Heimat organisierte Ismail Ugur viele Begegnungsabende zwischen Deutschen und zugereisten Mitbürgern. Zudem Deutsch-, Schwimm- und Tanzkurse für seine türkischen Landsleute, die sich so besser zu integrieren vermochten.

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