1. www.wn.de
  2. >
  3. Sport
  4. >
  5. Ahlen
  6. >
  7. Mit viel Herzblut und noch mehr Leidenschaft

  8. >

Fußball: Heinz-Jürgen Gosda wird 70

Mit viel Herzblut und noch mehr Leidenschaft

Ahlen

Ab und an gönnt er sich einen Zug an einer seiner Bruyère-Pfeifen. Um abzuspannen, um nachzudenken – aber auch um Entscheidungen zu treffen. Und davon hat Heinz-Jürgen Gosda einige getroffen, treffen müssen. Der Macher und Motor von RW Ahlen wird am Mittwoch, wenn er 70 Jahre alt wird, daran denken. An schöne Momente, aber auch turbulente Zeiten bei den Fußballern.

Von Uwe Gehrmann

Hauptsache, es qualmt tüchtig: Heinz-Jürgen Gosda genießt den Aufstieg im Juni 2015 in Neuenkirchen.

Tabakbeutel raus, mit drei Fingern stopfen, Streichholz, paffen, auskühlen lassen. Etwas Zeit vergeht und wieder alles von vorn. Wenn Pfeiferauchen Gefühl und Sinnlichkeit verströmt, ja, dann gönnt sich Heinz-Jürgen Gosda seine nonchalanten Momente. Wohlgemerkt: Momente. Nicht mehr. Hätte sich der Bauunternehmer und Fußball-Pate nur von Emotionen verrauchen und bequalmen lassen, wäre Ahlen um einige Erfolgsgeschichten ärmer.

So, wie an diesem einen Abend im Sommer 1996. Als er seinen Heimatverein BW Ahlen aufgab. „Ich erinnere mich wie gestern“, sagt Gosda. „Fitti Lorant hat mich gefragt, ob ich weitermache, wenn wir nicht mit TuS zusammengehen.“ Ein kurzer Zug an der Pfeife. „Fünf Sekunden hab ich gezögert. Dann hab ich klar gemacht, dass ich zurücktreten würde.“

Heinz-Jürgen Gosda zum ersten Aufstieg in die 2. Bundesliga

Ein Bluff? Sicher nicht, eher Notwendigkeit. Die Liebesbeziehung hatte er mit seinen frisch in die Oberliga aufgestiegenen Blauweißen, „das mit TuS Ahlen war eine Vernunftehe.“ Das Ergebnis ist bekannt. Die Fußball-Liaison mit Helmut Spikker und LR Ahlen führte über die Regionalliga bis 2006 in einem irrwitzigen Parforceritt bis zu den ersten sechs Jahren Zweite Bundesliga. „Es war wirtschaftlich, vernünftig und realistisch“, sagt Gosda im Rückblick. „Großer Fußball für Ahlen. Und es hat viel Schweiß, viel Geld und Nerven gekostet.“

Es war ein Schritt, den der Kopf vorgab, nicht das Herz. Das klopft bei dem Mann, der am Mittwoch 70 Jahre alt wird und der mit seinen Entscheidungen, immer zwischen Neigung und Einsicht balancierend, eine Ära geprägt hat, noch woanders.

Plötzlich zweiter Vorsitzender

„Wir waren Wilde-Wiesen-Fußballer auf Bolzplätzen mit Garagentoren“, lächelt er über die Anfänge mit den ebenso besessenen Brüdern Norbert und Horst, die nach der Übersiedlung von Heessen nach Ahlen in den frühen 60er Jahren die Wersestadt unsicher gemacht haben. Bis 1982 spielte Heinz-Jürgen Gosda sogar noch aktiv bei BW Ahlen. „Und nach einem Heimspiel samt anschließendem Thekenbesuch wachte ich am anderen Morgen auf und war plötzlich zweiter Vorsitzender“, kann sich der bekennende HSV-Fan erinnern.

Also eben doch: Leidenschaft! Dass die immer noch glüht, sieht man nicht nur, wenn man den Aufsichtsratsvorsitzenden RW Ahlens tobend und grantelnd auf der Tribüne erlebt. Dann hat die normative Kraft des Faktischen mal Pause. Aber Gosda weiß – wie jeder Pfeifenraucher: je weniger Rauch, desto mehr Geschmack.

Höllenritt bei eisigem Nordost

Man wird nicht lebensbejahende 70 Jahre alt, wenn man nicht aus Fehlern lernt. Da kraust sich die Stirn und der Finger klopft energisch auf den Schreibtisch. „Die guten Kameraden“, wird Heinz-Jürgen Gosda intensiv, „die zeigen sich nicht, wenn die Sonne scheint und bei sanftem Südwest-Wind. Die zeigen sich erst bei Regen, Schnee und im kalten Nordost.“ Er muss es wissen, denn dort hat er lange gestanden. In dünnem Hemd, frierend in diesem scharf-eisigen Nordost-Wind. Und stockschwarze Nacht war es auch.

Gute Kameraden wurden nämlich seltener, als es bergab ging. Als Spikker, den Gosda nur den „Langen“ nennt, sein LR Ahlen nach dem Abstieg 2006 im Stich ließ und als über den leeren Kassen alles nach und nach zusammenbrach. Hier irgendwo, irgendwann muss es gewesen sein, dass Gosda – völlig untypisch – die Vernunft einfach mal achtkantig rausgeschmissen hatte und pure Emotion auf seinen Präsidenten-Thron setzte. „Man muss risikobereit sein. Sonst wird man Bedenkenträger“, hatte sich der Wilde-Wiesen-Fußballer in ihm durchgesetzt.

Heinz-Jürgen Gosda, warum er immer noch in der RW-Chefetage sitzt

So steigt man beim Sommermärchen 2008 nochmal für zwei Jahre in die Zweite Bundesliga auf und so übernimmt man sich endgültig. Vielleicht zu lange an einer Liebe festgehalten, die schon längst verstorben war. „Dazu muss man geboren sein. Man muss einfach bekloppt sein“, kann er es sich auch nicht anders erklären, dass er heute immer noch in der RW-Chefetage sitzt und weitermacht.

Ein Höllenritt in eiskaltem Nordost: Um nur Stichworte zu nennen: In sieben Jahre Planinsolvenz das Stadion verloren, Millionenverträge eines Konsortiums, das es nie gab, löchrige Lizensierungen, ein Burnout, Zwangsabstieg, Baris Günes, Peter Evers, der Insolvenzverwalter Michael Mönig. Und Maren. Die Tochter, deren Herz ebenso bedingungslos für RW Ahlen schlug, die der Vater als Nachfolgerin sah, sie stirbt 2012 völlig unerwartet im Alter von 33 Jahren. Es trifft Heinz-Jürgen und die Familie wie ein stählerner Hammerschlag. Die Zeit steht still.

„Es waren meine Frau Birgit, meine Brüder und mein gesellschaftliches Umfeld, meine Kumpels und Freunde, die mir geholfen haben“, sagt Gosda über seine dunkelste Zeit, durch die ihn vielleicht auch seine andere Seite getragen hat: der Pragmatismus, das Kalkül die Einsicht, dass das Leben weitergehen muss.

Ein Überlebenswille, den auch der Verein hatte: Mitten in der Insolvenz der erneute Aufstieg 2015 in die Regionalliga – wohl in Deutschland ohne Beispiel. Da war die graue Eminenz beratend und als Sponsor längst wieder dabei. Auch, um seinem Freund und Vorsitzenden Dirk Neuhaus zu helfen. 2017 macht er es offiziell und übernimmt den Posten des Aufsichtsratsvorsitzenden. „Auch zu Ehren von Maren“, wie er betont.

Ohne sein Engagement nach erneutem Ab- und Aufstieg 2020 hätte Ahlen mit den Rotweißen vielleicht einen weiteren Bezirksligisten mehr. Aber will man das? Heinz-Jürgen Gosda sicher nicht. „Nie zurückschauen“, verrät er eine Maxime. „Man darf sich nicht zu lange aufhalten.“

Heinz-Jürgen Gosda

Dennoch: Für seinen Sohn Bent Gosda, der nun in die Firma und den Verein eingestiegen ist, wünscht er sich was anderes: „Ich möchte nicht, dass er Einzelkämpfer wird.“ Schließlich ist alles endlich. „Vielleicht noch fünf Jahre“, will er weitermachen. „Auf 20 Jahre plane ich nicht mehr“, lacht Gosda. Man wird sehen – wichtig ist an seinem Geburtstag: Heute scheint die Sonne, heute weht ein sanfter Südwest. Wie schnell alles vorbei sein kann, das weiß er selbst am besten.

Startseite