1. www.wn.de
  2. >
  3. Sport
  4. >
  5. Lokalsport
  6. >
  7. Ismail Atalan setzt alles auf die Karte Fußball

  8. >

Fußball-Regionalliga: Lotte-Trainer marschiert durch die Ligen

Ismail Atalan setzt alles auf die Karte Fußball

Im Eiltempo hat Ismail Atalan die Karriereleiter genommen. 2010 coachte er noch die zweite Mannschaft des 1. FC Gievenbeck in der Kreisliga A, heute scheint die Regionalliga-Meisterschaft mit den Sportfreunden Lotte realistisch zu sein. Trotz aller Erfolge zählt für den Fußballtrainer aus Senden nur das Hier und Jetzt.

Thomas Rellmann

Lautstark und emotional – so tritt Ismail Atalan am Spielfeldrand auf. Bei seinen Spielern kommt der frühere Stürmer an, in allen Clubs arbeitete er bislang erfolgreich. Foto: Manfred Mrugalla

Als es im Mai zum Elfmeterschießen im Westfalenpokal-Finale kam, erinnerte sich Ismail Atalan an Pep Guardiola. Dessen Biografie hatte er kurz zuvor gelesen. Also schickte er seine Schützlinge von den Sportfreunden Lotte mit dieser Ansage zum Punkt: „Auf dem Weg zum Schuss denkt bitte nur eines: Ich mach‘ das Ding jetzt rein.“

Diese Worte hatte der spanische Trainer den Bayern-Stars mit auf den Weg gegeben, als diese im August 2013 im europäischen Supercup gegen den FC Chelsea in den Shoot-out mussten. Die Münchener gewannen damals natürlich, und auch Atalans Team setzte sich mit 4:3 beim SC Verl durch. Alle trafen, der Verein zog in den DFB-Pokal ein und verbuchte einen sechsstelligen Betrag.

So tickt er, der Coach des Regionalligisten. Wo es etwas aufzuschnappen gibt, sperrt er die Ohren auf und speichert Nützliches für die eigene Arbeit direkt ab. „Ich bin unglaublich wissbegierig. Das kann auch nerven“, sagt er. „Die vielen Fußball-Bücher helfen mir bei meiner Arbeit.“

In fünf Jahren von der Kreisliga A in die Oberliga

Es ist ein kleiner Mosaikstein auf seinem Weg ins Profigeschäft, der 2008 beim 1. FC Gievenbeck II in der Kreisliga A begann und ihn inzwischen quer durch das Münsterland über Davaria Davensberg (damals Landesliga) und den SC Roland Beckum (Oberliga) zu einem Spitzenteam der vierthöchsten Klasse geführt hat.

Und das mit 35 Jahren. Logisch, dass sich der gebürtige Kurde, der mit vier Jahren nach Deutschland kam, noch nicht am Ende der Karriereleiter sieht. „Ohne Ziele kein Erfolg. Aber es zählt nur die Gegenwart. Mir ist bewusst, dass es auch schnell zum Knick kommen kann.“ 2016 strebt er erst mal die Fußballlehrer-Lizenz an.

Ismail Atalan

Als er im November 2014 am Autobahnkreuz anheuerte, gab er seinen Job als Versicherungs- und Bürokaufmann auf. „Da war eine Menge Risiko dabei. Aber ich war selbstbewusst genug, um an mich zu glauben.“ Als Spieler war er für Preußen Münster in der Jugend und der Reserve aktiv, auch in Davensberg und Gievenbeck spielte er unter anderem. Ständige muskuläre Probleme sorgten dafür, dass Atalan mit 25 seine Laufbahn beendete.

„Im Prinzip habe ich schon mit 23 kaum mehr spielen können. Ich habe aber auch nicht für den Sport gelebt, habe viel Fastfood gegessen und mich nicht im Griff gehabt.“ Das änderte sich allmählich, als Roland Böckmann, heute noch Preußen-Sicherheitsbeauftragter und damals Sportlicher Leiter beim FCG, ihn ermutigte, die zweite Mannschaft zu coachen.

Die große Chance: Im November 2014 rief Lottes Macher Manfred Wilke an – „Isi“ Atalan sagte sofort zu. Foto: Foto: M. Mrugalla

Klotzen statt kleckern

„Da habe ich mir gedacht: Wenn, dann richtig. Und wenn, dann muss ich in zwei Jahren in der Landesliga sein. Anfangs war Atalan nervös, wenn er zum Team sprach. Der Plan ging dennoch auf. Ex-Club Davaria suchte einen wie ihn, die Mittel waren dort längst begrenzt. Das Team spielte dennoch erfolgreich. „Die Mannschaft bildeten anderswo Gescheiterte und ein paar Atalan-Neffen von mir.“

Der zweifache Familienvater, der privat ungern auf den Fußball angesprochen wird und seinem Kopf dann Pausen gönnt, fing Feuer, machte die ersten Lizenzen, schaute sich in Dortmund Einheiten von Jürgen Klopp auf eigene Faust an, fuhr nach Leverkusen, um das Training zu beobachten, opferte jeglichen Urlaub und hospitierte schließlich beim FC Schalke 04. Der Knackpunkt. „Da habe ich gemerkt, dass sie in der Bundesliga auch nur mit Wasser kochen, dass ich es nach oben schaffen kann.“

Ismail Atalan

Längst hatte Atalan großen Spaß an einem Job entwickelt, zu dem ihn anfangs andere überreden mussten. Die Beckumer kannten ihn aus den Vergleichen mit Davensberg und holten ihn 2012 in die Oberliga. Anders als der Weggang aus Gievenbeck verlief dieser Wechsel ohne Nebengeräusche. Mittlerweile sind auch alle Dinge mit den Münsteranern ausgeräumt. „Ich hatte viel Glück“, so der frühere Stürmer. „Auch dass ich immer mit ehrlichen Sportsleuten zusammenarbeiten durfte.“

Der Sprung zu den Profis

Bei Roland etablierte er erneut einen Underdog im oberen Drittel. Als Lotte Trainer Michael Boris feuerte, dachte er noch: „Ein interessanter Posten.“ Wenige Tage später kam der überraschende Anruf. Es folgte der bislang größte Sprung. „Zwischen Ober- und Regionalliga liegen in Wahrheit zwei Klassen. Es ist die Schwelle zwischen Profis und Halbprofis. Das Tempo ist höher, die Spieler sind handlungsschneller und bestens ausgebildet. Die Jungs beschäftigen sich vielmehr mit dem Sport, es gibt echten Konkurrenzkampf.“

Dem Sendener gelang der Übergang, die Sportfreunde klopfen unter ihm dezent ans Tor zur 3. Liga. Seine Philosophie, die grob Angriffsfußball und taktische Flexibilität umfasst, ließ sich auch hier durchsetzen.

2010 noch Kreisliga, jetzt eine Top-Mannschaft der Regionalliga. Geht es in dem Tempo weiter…? Atalan blockt an dieser Stelle sofort ab: „Ich will nicht übertreiben. Ich kenne mehr Regional- als Bundesliga-Spieler. Das ist greifbarer. Warum soll ich mich mit Bayern oder Chelsea beschäftigen? Dann lieber Velbert oder Kray, das ist unsere Kragenweite.“ Mit dieser Sichtweise ist er zumindest bisher bestens gefahren.

Startseite
ANZEIGE