Reiners nach Abschied aus Ladbergen Jugendscout beim ASV Hamm / Warum meiden Youngster den TV Emsdetten?

Ab sofort Talentsichter

Tecklenburger Land

Der Übergang war fließend. Ab sofort wird Micky Reiners nicht mehr den TSV Ladbergen auf eine mögliche Fortsetzung der Saison in der Handball-Landesliga vorbereiten, sondern beim ASV Hamm in der Scoutingabteilung tätig werden. Auffallend ist, dass der Verein ein weites und zugleich engmaschiges Netz spannt, damit dem Zweitligisten möglichst viele Nachwuchsakteure zugeführt werden. Dabei sollte eigentlich der TV Emsdetten in der hiesigen Region erster Ansprechpartner sein. Doch viele Top-Talente gingen in den vergangenen Jahren einen anderen Weg.

Von Heiner Gerull

Soll bei Zweitligist ASV Hamm den Youngstern ein Konzept für ihre Anschlussförderung anbieten: Ex-TSV-Trainer Micky Reiners. Foto: Dietmar Reker

Geht es um Nachwuchsförderung im Handball, dann muss man über den Tellerrand hinausblicken. Viele Vereine haben das verstanden und Maßnahmen ergriffen. Micky Reiners, bis vor kurzem noch Trainer (auf Abruf) beim TSV Ladbergen, ist zum ASV Hamm-Westfalen in den Betreuerstab gewechselt. Sein Auftrag: An der Schnittstelle zwischen Junioren- und Senioren-Bereich soll er dort als Jugendscout dafür sorgen, dass der Handball-Zweitligist in den nächsten Jahren in verstärktem Maße aus eigener Quelle schöpfen und Spieler für die Profimannschaft generieren kann, die zuvor in der eigenen Jugend ausgebildet worden sind.

Dass es für Reiners eine verlockende Herausforderung ist, den Job als „Koordinator der Leistungsmannschaften“, so seine offizielle Bezeichnung, anzunehmen, ist nachvollziehbar, bietet sie dem – im positiven Sinn – handballverrückten Trainer doch in mancherlei Hinsicht Perspektiven. Die Profis des ASV spielen in der 2. Liga. Die zweite Mannschaft, ein veritabler Unterbau für die gezielte Förderung des Nachwuchses, kämpft eine Klasse tiefer in der 3. Liga um Tore und Punkte, und selbst die dritte ASV-Mannschaft spielt in der Landesliga in Konkurrenz zum TSV Ladbergen und TV Kattenvenne noch leistungsorientierten Handball.

Als Sprungbrett dient die A-Jugend in der Oberliga und perspektivisch auch die B-Jugend. Zu Reiners‘ Aufgaben gehört es künftig, diesen Teams Talente zuzuführen und den Youngstern ein Konzept für deren Anschlussförderung anzubieten. „Ideal wäre es, wenn die A-Jugend irgendwann Bundesliga spielen würde“, sagt Reiners. „Aber das geht nicht von heute auf morgen.“

Ab sofort wird er dieses Projekt voranbringen. Diese Herausforderung war letztlich ausschlaggebend dafür, weshalb der 49-Jährige den Trainerjob beim TSV inzwischen an Björn Hartwig abgetreten hat.

Reiners hatte sich erst Ende vergangenen Jahres kurzfristig dem TSV zur Verfügung gestellt, als es darum ging, die Lücke zu schließen, die durch die Ablösung des bisherigen Chefcoaches Holger Kaiser entstanden war. Doch Reiners wurde von Corona ausgebremst, sodass er den Verein verlassen hat, ohne auch nur ein einziges Mal in seiner eigentlichen Funktion für ihn tätig gewesen zu sein.

Dass es sich lohnt, Talente zu fördern und zu fordern, hat man auch auf lokaler Ebene erkannt. Der TV Kattenvenne, der TSV Ladbergen und die HSG Hohne/Lengerich liefern seit dem Zusammenschluss ihrer Jugendhandballabteilungen zu einer Jugendspielgemeinschaft (JSG) ein Beispiel dafür, wie das funktionieren kann. Auch Reiners verfolgt diese Entwicklung mit einigem Interesse. „Das ist auf jeden Fall der richtige Weg“, sagt der bisherige TSV-Coach. „Ich kann mir vorstellen, dass die JSG mit ihrer Nachwuchsförderung einen Verein wie den TV Emsdetten irgendwann einmal überholt.“ Es sind Worte, die hellhörig machen. Denn als etablierter Zweitligist sollte der TVE eigentlich bessere Bedingungen in der Nachwuchsförderung anbieten können als unterklassige Clubs aus der Nachbarschaft, zu denen der TSV, der TVK und die HSG eben zählen.

Doch die Anziehungskraft des Emsdettener Traditionsvereins auf die Top-Talente aus der Region war in den vergangenen Jahren nicht besonders ausgeprägt. In dieser Hinsicht waren andere Clubs offensichtlich attraktiver.

Aus der JSG Tecklenburger Land, speziell aus dessen Solitärverein HSG Hohne/Lengerich, erwuchsen mit Joscha Ritterbach, Marvin Mundus und Patrick Krömer gleich drei talentierte Handballer, denen die HSG im Rahmen ihrer Möglichkeiten ein höchstes Maß an Förderung zukommen ließ.

Als es für die drei darum ging, den nächsten Schritt auf der Karriereleiter zu gehen, war bemerkenswerterweise nicht der TV Emsdetten die erste Alternative. Ritterbach ging zwar 2012 als C-Jugendlicher zum TVE, doch dort hielt es ihn nicht lange. Nach einem kurzen Gastspiel wechselte er zum TBV Lemgo, wurde dort A-Jugend-Nationalspieler und gewann als Kapitän der DHB-Auswahl 2013 bei der U-19-Weltmeisterschaft in Ungarn die Bronzemedaille. Nach weiteren Stationen beim ASV Hamm-Westfalen und Frisch Auf Göppingen steht er noch bis Saisonende bei GWD Minden unter Vertrag.

HSG-Eigengewächs Marvin Mundus beendete zunächst seine schulische Ausbildung und wechselte anschließend zum TuS N-Lübbecke, wo er 2019 seinen ersten Profivertrag unterschrieb, der unlängst für ein weiteres Jahr verlängert wurde – mit der Beigabe eines Ausbildungsplatzes zum Industriekaufmann. Auch Patrick Krömer wählte nach seiner Zeit bei der HSG nicht den Weg über den TVE. Er schloss sich dem ASV Hamm an, wo er das Tor der „Zweiten“ in der 3. Liga hütet. Schließlich fand es auch Jakob Schwabe (geb. Macke) verlockender, nach seiner Ausbildung bei Sparta Münster den Umweg über Ibbenbüren, Ahlen und Hamm zu nehmen, um 2015 bei der SG Flensburg-Handewitt in der ersten Liga zu landen. Erst im Sommer heuert der gebürtige Münsteraner zum Ausklang seiner Laufbahn in Emsdetten an.

Reiners will seinen Beitrag dazu leisten, Hamm als Standort für Top-Talente zu etablieren und die Strahlkraft zu erhöhen, um den Club für den veranlagten Nachwuchs auch aus der hiesigen Region interessant zu machen. „Ich bin mir sicher, dass sich dieser Aufwand lohnt“, betont Reiners. „Letztlich ist dieser Weg alternativlos.“

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