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Fußball: Preußen Lengerich

„Ich möchte nicht mehr nach Hause“ – ein Club lebt Integration

Lengerich

Beim SC Preußen wird Integration gelebt. Seit Jahren gibt es im Verein eine Anlaufstelle für Flüchtlinge, die in ihrer Freizeit Fußball spielen können. Zwei von ihnen sind sogar als Schiedsrichter aktiv und im Kreis sehr angesehen.

Von André Fischer

Integration wird beim SC Preußen groß geschrieben: (von links) Klaus Fleige, Foto: André Fischer

Im Clubheim des SC Preußen an der Münsterstraße brennt Licht. Um die null Grad, Regen, grau in grau – so kurz vor dem Heiligen Feste zeigt sich der Winter von seiner usseligen Seite. Stimmen weisen den Weg ins Innere der Heimat des ­A-Ligisten. Hier ist es mollig warm, die Heizung macht einen guten Job. An der Theke wird eifrig diskutiert – auf Arabisch. Es geht um König Fußball. So scheint es. Und Abdulkarim Taha Alkriz tischt eine syrische Spezialität auf, zaubert eine Platte „Kibbeh“ aus einer Plastiktüte. Diese frittierten Klöße auf Bulgur, Hackfleisch und Zwiebeln hat er morgens noch durch den Fleischwolf gedreht. „Ihr seid immer so gastfreundlich“, ist Erwin Knemöller aus dem Ältestenrat begeistert. Er greift zu.

Taha Alkriz sieht das gern. Er freut sich, wenn es Menschen schmeckt. Überhaupt wirkt der 53-jährige Hobbykoch sehr weltoffen. Bildungshungrig. Jüngst erst hat er seine Prüfung zum Bus- und Berufskraftfahrer bei der Industrie- und Handelskammer Nord Westfalen erfolgreich abgelegt. Über 1000 Fragen habe er beantworten müssen. „Das war nicht ohne“, sagt er in gebrochenem Deutsch. 2015 ist er mit der Familie aus Aleppo geflüchtet. Vor dem brutalen Krieg, in dem einer seiner Söhne sein Leben lässt. Eine Odyssee, inklusive der lebensgefährlichen Bootsfahrt über das Mittelmeer. Über die Türkei, Griechenland, Mazedonien, Serbien, Ungarn und Österreich „strandet“ er in einem Auffanglager in München, ehe er über Duisburg seinen Weg nach Lengerich findet. Die neue Heimat für den ehemaligen Sportlehrer und mittlerweile vielfachen Opa. Zurück lässt er ein zerbombtes Haus mit einst drei Etagen, vier Autos. Schrott.

Sein Freund Ahmad Al Mahmoud begleitet ihn auf der Flucht. Der 54-jährige Jurist ist ebenfalls mehrfacher Vater. Stammt aus Daraa, einer südsyrischen Provinz. In der seit vielen Jahren heftige Kämpfe wüten. Grausam. „Die Bilder gehen einem nicht aus dem Kopf“, sagt er. „Ich möchte nicht mehr nach Hause.“ Im Tecklenburger Land fühlt er sich wohl, verdient sich Geld als Zeitungszusteller, künftig möchte er Brötchen ausfahren. „Wer arbeitet, ist zufrieden“, sagt er.

Die beiden sind seit 2016 Mitglied im SC Preußen. Hier haben sie gute neue Kontakte geknüpft. Der ehemalige Oberliga-Kicker Dirk Vietmeier vermittelt als Flüchtlingskoordinator der Stadt Lengerich. „Es gab damals einen Asylantentreff“, erinnert sich Günter Tierp, Sprecher des Ältestenrates. „Und schnell kam die Frage auf, ob wir im Verein nicht auch eine Anlaufstelle sein könnten.“ Dann geht alles ganz fix, Christian Bräuer übernimmt das wöchentliche Training für die Flüchtlinge, die inzwischen in der Ü-60-Mannschaft integriert sind. „Wir haben sie einfach etwas älter gemacht“, lacht „Inte­grationsbeauftragter“ und Teamchef Knemöller. „Wenn wir gegen Deutschland spielen, gewinnen wir fast immer“, gibt Taha Alkriz mit einem Grinsen zu verstehen, dass er und seine Jungs, im Vereinsheim haben sich an diesem Morgen auch die Oldiekicker Alo Fauaz, Ibrahim Aldef und Alhaj Omar Khaled versammelt, was vom Fußball verstehen. Sprich: verdammt gut kicken können.

Taha Alkriz und Al Mahmoud reicht das längst nicht, sie legen 2018 die Schiedsrichter-Prüfung ab. Weit über 100 Spiele haben die beiden in den vergangenen Jahren jeweils geleitet, von der Jugendklasse über die Kreisliga der Frauen bis hin zur Kreisliga B. „Wir haben schon in Syrien viel Sport gemacht und Fußballspiele gepfiffen. Das ist eine Leidenschaft“, sagt Ahmad Al Mahmoud, der in Deutschland ganz nebenbei seine Liebe für Volksläufe entdeckt hat. Teutolauf, Aaseelauf, Teekottenlauf – er gibt kaum eine Einheit, die der gelernte Rechtswissenschaftler in den Jahren vor der Coronakrise ausgelassen hat.

Mit Jan Büscher, Till Kauschke und Yannik Uchtmann erfüllen die beiden Syrer das Soll an Unparteiischen beim SCP. „Wir sind sehr stolz darauf“, sagt Vorstandssprecher Klaus Fleige, Vater von Preußens Tormaschine Martin, aktuell mit 23 Toren der treffsicherste Schütze der A-Liga. „Wir möchten beide noch mal höherklassig pfeifen“, sagen Abdulkarim Taha Alkriz und Ahmad Al Mahmoud unisono. Die sprachlichen Mängel haben ihnen bislang den Weg versperrt. „Wir müssen weiter viel Deutsch lernen“, sagen die zwei, die in der Regel wenig Probleme mit den elektronischen Spielberichtsbögen haben. Und wenn doch, helfen mitunter Spieler oder Betreuer. „Wir sind alles Menschen. Da ist es schön, füreinander dazusein, zu helfen“, so Taha Alkriz. In den kommenden Tagen wollen auch die Syrer etwas zu Ruhe kommen. Taha Alkriz hat 2021 ganze 52 Partien geleitet – also gefühlt an jedem Wochenende ein Spiel. Selbst wenn Moslems kein Weihnachtsfest begehen, ist zumindest die gemeinsame Zeit mit der Familie heilig. Und wer weiß, vielleicht baut Taha Alkriz für sich und seine Freunde noch einmal den Fleischwolf auf.

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