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Fußball: 3. Liga

Osnabrücks Daniel Scherning im Interview

Osnabrück

Sein erstes halbes Jahr als Cheftrainer hat Daniel Scherning nun hinter sich – und seine Handschrift ist deutlich zu erkennen bei den Fußballern des VfL Osnabrück. Im Interview zieht der 38-Jährige seine Bilanz und wagt einen Ausblick.

Von Harald Pistorius und Benjamin Kraus

„Mit der Entwicklung der Mannschaft nicht unzufrieden“: VfL-Coach Daniel Scherning Foto: Imago

Herr Scherning, das Fußballjahr 2021 endete mit dem Abbruch in Duisburg nach der Rassismus-Attacke gegen Aaron Opoku. Wie haben Sie den Vorfall erlebt?

Scherning: Die rassistischen Äußerungen kamen von der Tribüne auf der gegenüberliegenden Seite. An den Trainerbänken haben wir vom Schiedsrichter-Assistenten erste Informationen bekommen. Schnell war klar, dass wir erst mal in die Kabinen gehen – und dort wurde mit dem Austausch mit Aaron klar, dass wir nicht mehr antreten.

Eine Entscheidung, die Sie voll mitgetragen haben?

Scherning: Absolut und uneingeschränkt. Es geht hier nicht um Sport, sondern um ein grundsätzliches Problem in unserer Gesellschaft. Ich finde es gut, wie sich der Verein öffentlich ganz klar positioniert hat durch Amir Shapourzadeh und Michael Welling. Uns alle hat dieser Vorfall geschockt und traurig gemacht, gerade in dem Wissen, dass man sich in so einem Fall nie komplett in den Betroffenen hineinversetzen kann. Wir sollten nie vergessen, dass der respektvolle Umgang miteinander die Basis ist für unser gesellschaftliches Zusammenleben.

Versuchen wir den Brückenschlag zum Sport nach diesen grundsätzlichen Feststellungen. Wie fällt Ihre Hinrundenbilanz mit dem VfL aus?

Scherning: Ich würde gerne einen Schritt zurückgehen und an den Umbruch im Sommer erinnern: Als ich kam, gab es noch keinen Sportdirektor, nur wenige laufende Spielerverträge, die Enttäuschung des Abstiegs wirkte nach. Basis für die folgende Kaderplanung war unsere Idee von Fußball und unser finanzieller Rahmen, in dem wir nur das Geld ausgeben, was uns auch zur Verfügung steht. Wir wollten, um möglichst erfolgreich zu sein, aber gleichzeitig auch nachhaltig zu wirtschaften, eine Mannschaft aufbauen, in der sich Spieler entwickeln und so perspektivisch auch erzielte Ablösen ein Thema werden können. Wir sind in der Etat-Tabelle der 3. Liga – in der hochwertige Bundesliga-Reserven wie Dortmund II gar nicht erfasst werden – auf Rang neun, haben viele jüngere Spieler aus der Regionalliga oder von Clubs geholt, wo sie zuvor kaum eine Rolle gespielt hatten. Mit Blick darauf bin ich mit der Entwicklung der Mannschaft nicht unzufrieden.

Der Fußball Ihrer Elf hat die Zuschauer über weite Strecken der Hinrunde begeistert…

Scherning: Wir stehen laut Datenerfassung in vielen relevanten Statistiken unter den Top drei der Liga: Ballbesitz, Torschüsse, Pässe oder Hereingaben von außen in den Strafraum, Pressing-Intensität, die meisten Ecken, die meisten Balleroberungen im gegnerischen Drittel mit kurzem Weg zum Tor. Gerade der letzte Punkt hat bereits zu einigen Toren geführt. Aktuell müssen wir natürlich erkennen, dass uns die Effizienz fehlt. Wir erzielen zu wenige Treffer aus unseren Möglichkeiten.

Wie kann man das ändern?

Scherning: Es gibt mehrere Ansatzpunkte. Der erste ist Geduld: Wir haben viele entwicklungsfähige Spieler mit Potenzial, die in der Hinserie erstmals viele Minuten auf Drittliganiveau in solchen Situationen hatten und aus Erfahrung lernen werden. Der zweite ist das klassische Training: Klar ist die Drucksituation im Stadion eine andere, dennoch bringt die tägliche intensive Arbeit mehr Sicherheit in die Aktionen – zumal sich die Aufgaben ja ändern, weil sich die Gegner immer mehr auf uns einstellen. Wie zuletzt in Duisburg, die gegen uns erstmals in dieser Saison mit Dreierkette gespielt haben.

Gerade in den Heimspielen fehlte vorn zuletzt oft die Durchschlagskraft…

Scherning: Die Heimspiele gegen Wehen Wiesbaden, Duisburg und Havelse hätten wir aus meiner Sicht gewinnen müssen, gegen Zwickau zumindest nicht verlieren dürfen. Auch diese These wird beispielsweise durch die Statistik der sogenannten erwartbaren Tore (Expected Goals) gestützt. Zur Wahrheit gehört aber auch, dass wir gegen Meppen sicher etwas glücklich gewonnen haben und die Niederlage gegen Freiburg II nicht unverdient war. Viele der Gästeteams, die vor heimischer Kulisse durchaus aktiver spielen, überlassen uns an der Bremer Brücke häufig den Ball und sagen: Viel Spaß damit, wir stellen uns erst mal vor den eigenen Strafraum und warten auf eure Fehler. Für uns bedeutet das, dass wir insbesondere mit größer werdender Nähe zum Tor – in beide Richtungen – gute und bessere Entscheidungen treffen müssen.

Seit der Länderspielpause Mitte November hat der VfL nicht mehr gewonnen, nur zwei Remis geholt. Vorboten eines Abwärtstrends?

Scherning: Für mich nicht, weil wir in Mannheim und in Magdeburg tolle Spiele gemacht haben. Dazu fielen die coronabedingten Ausfälle von Marc Heider und Ulrich Taffertshofer in diese Zeit: für unseren Pressing-Fußball sehr wichtige Spieler. Insgesamt hatten wir bis dato aber kaum Verletzte, was für unsere Belastungssteuerung im Training, unsere medizinische Abteilung und die grundsätzliche Physis der Spieler spricht. Dass wir eine solche Phase wie zuletzt mal durchleben müssen, war mir von Beginn an klar – ich sehe sie nicht als spezielles Problem, sondern im Licht der generellen Analyse.

Effizienz und Entscheidungsqualität vorn sind also gefordert. Hilft ein Wintertransfer – oder ist die Gefahr zu groß, ein funktionierendes Teamgefüge zu zerstören?

Scherning: Im Winter finden ja meist nur punktuelle Veränderungen am Kader statt – deshalb hätte ich bei einem Transfer nicht die Befürchtung, dass ein ganzes Gefüge aus dem Gleichgewicht gerät bei unserer menschlich wie sportlich funktionierenden Mannschaft. Natürlich beobachten wir den Markt, wobei wir hier angesichts der finanziellen Voraussetzungen kreativer vorgehen müssen als andere. Wenn wir von einem Transfer überzeugt sind und er realisierbar ist, werden wir aktiv. Das wird der Januar zeigen. Ein Transfer ist aber nicht automatisch allein für zehn bis 15 Tore gut oder hilft allein, unsere Herausforderungen zu lösen. Viel wichtiger ist, dass sich alle anderen Spieler weiterentwickeln, was ich allen bei uns im Kader zutraue. Mit Oliver Wähling und Ulrich Bapoh stehen neben den arrivierten Spielern zwei weitere Profile zur Verfügung, auf deren volle Entfaltung ich mich nach langen Verletzungen sehr freue.

Sie haben auf eine erfahrene Achse gesetzt – hinten funktioniert sie, vorn jedoch haben abseits von Marc Heider die Zugänge Andrew Wooten und Sören Bertram noch nicht voll überzeugt.

Scherning: Natürlich haben wir mit Andrew Wooten und Sören Bertram zwei erfahrene Spieler verpflichtet und damit auch eine gewisse Erwartungshaltung verbunden. Beide Spieler sind selbst unzufrieden mit ihrer aktuellen Rolle und haben höhere Ansprüche, die sie in ihrer Karriere bereits nachgewiesen haben. Unsere verbliebene Achse aus Zweitligazeiten um Ulrich Taffertshofer, Timo Beermann, Lukas Gugganig, Maurice Trapp und Torwart Philipp Kühn macht einen guten Job – sie kennen den Verein mit seinen Besonderheiten, geben ihre Erfahrung weiter, leisten Hilfestellung und legen ab und an auch mal die Finger in die Wunde. Das ist extrem wichtig auch für die gute Entwicklung der jüngeren Spieler wie Florian Kleinhansl und Omar Traoré, aber auch Lukas Kunze, Sebastian Klaas und viele andere.

Sie haben über weite Strecken der Saison auf ein 4-3-3-System gesetzt, zuletzt in Duisburg aber mit einer Doppelsechs begonnen.

Scherning: Wir haben die Ordnung angepasst gegen die zwei großen MSV-Stürmer, wo die Doppel-Sechs uns stärken sollte bei der Eroberung der zweiten Bälle. Auch als Trainer muss ich flexibel sein – ich will ja eine Ordnung nicht aus Prinzip durchsetzen, zumal andere Dinge auf dem Platz meist viel wichtiger sind. Grundsätzlich glaube ich aber, dass zu unserem dynamischen Zentrum und den schnellen Außen das 4-3-3 gut passt.

Zum Abschluss würden wir uns freuen, wenn Sie noch ganz persönlich auf Ihr erstes halbes Jahr als Cheftrainer zurückblicken. Was hat sich für Sie verändert?

Scherning: Genau wie in Paderborn stehe ich nach wie vor viel auf dem Platz und arbeite mit den Jungs, darüber bin ich sehr froh. Es gibt neben weiteren Gemeinsamkeiten aber auch Unterschiede: Als Cheftrainer hat man immer das letzte Wort bei Entscheidungen, auch wenn man in einem Team agiert. Auch die Medienarbeit hat zugenommen, das habe ich aber so erwartet. Abgewöhnt habe ich mir ein bisschen, aus der Emotion heraus nach einem Spiel zu viel zu sagen. Es ist besser, eine Nacht drüber zu schlafen. Ich kann verlieren, aber ich hasse es. Ich will als Trainer für mutigen, aktiven Fußball stehen, die Dinge selbst in die Hand nehmen, statt von anderen abhängig zu sein..

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