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Interview mit Philipp Lahm: Gute Infrastruktur des Fußballs wird auch im Tecklenburger Land sichtbar

„Erster Verein sollte in der Nähe sein“

Tecklenburger Land

Philipp Lahm, ehemaliger Kapitän der deutschen Fußball-Nationalmannschaft, war mit der U23 von Bayern München schon einmal beim Hallenfestival in Ibbenbüren. Jetzt hat er ein Buch geschrieben, in dem es auch um die ersten sportlichen Schritte von Kindern geht. Im Interview äußert sich der Weltmeister von 2014 zu dem Thema und attestiert dem Tecklenburger Land eine gute Infrastruktur.

Henning Meyer-Veer

Philipp Lahm mit dem WM-Pokal: Der Nachwuchsstruktur im Tecklenburger Land stellt der ehemalige Kapitän der Fußball-Nationalmannschaft ein gutes Zeugnis aus. Foto: dpa

Der eine oder andere erinnert sich vielleicht noch: Philipp Lahm, x-facher Deutscher Fußballmeister, Champions League-Sieger und Weltmeister – und 2002 mit der U23 der Münchener Bayern zu Gast beim Hallenfestival von Arminia Ibbenbüren. Jetzt hat Lahm ein Buch verfasst. „Das Spiel“ heißt es. Darin schildert er seine Sicht auf den Fußball. Dabei geht es ganz besonders auch um die ersten Schritte von Kindern. Unserer Redaktion hat Philipp Lahm ein paar Fragen dazu beantwortet,wie man seine Kinder im jungen Fußballeralter am besten unterstützen kann.

Herr Lahm, Ihr früherer Nationalmannschaftskollege Simon Rolfes stammt hier aus der Region, genauer aus Recke. Inwieweit sind die fußballerischen Wurzeln überhaupt Gesprächsthema unter Profis? Welchen Stellenwert hat der erste Verein?

Philipp Lahm: Das ist durchaus ein Thema, weil der erste Verein sehr wichtig ist. Er muss Spaß und Freude am Fußballspielen vermitteln, man muss sich dort zu Hause und sicher fühlen. Man geht dort gerne hin, weil man ein Umfeld findet,das einen fordert und fördert und Gemeinschaft, Disziplin, Regelkunde, und Verantwortung vermittelt. Ein Kind im Alter von fünf bis sechs Jahren sollte einfach die Möglichkeit haben, mit Spaß und Freude Fußball zu spielen.

Das Tecklenburger Land hat im Jugendfußball zwei Bezirksligisten in der A-Jugend, drei in der B-Jugend und zwei in der C-Jugend. In der Nähe gibt es mit SF Lotte und Preußen Münster zwei Regionalligisten sowie mit dem VfL Osnabrück einen Bundesligisten. Bei den Mädchen mit der DJK Arminia sogar einen B-Mädchen-Bundesligisten – wie bewerten Sie diese Optionen, die eine ländliche Region jungen Spielern dadurch bietet?

Lahm: Deutschland ist ein Fußball-Land, in dem man flächendeckend eine gute Infrastruktur hat. Es gibt 54 Jugendleistungszentren und einen über Jahrzehnte etablierten Wettbewerb in den unterschiedlichen Ligen. Diese Infrastruktur macht Fußball erst zum Volkssport, und sie wird auch im Tecklenburger Land durch die Bezirksligisten und durch Lotte, Preußen Münster oder den VfL Osnabrück sichtbar. Und es ist auch schön, dass es für Mädchen diese vielen Möglichkeiten gibt. Diese Infrastruktur kann nur aufrechterhalten werden, weil sich sehr viele Menschen engagieren, und dafür muss man dankbar sein.

Wenn Kinder Interesse an Fußball haben, worauf müssen Eltern bei der Auswahl des Vereins achten, worauf kommt es an, um sein Kind gut betreut zu wissen?

Lahm: Der Verein sollte in der Nähe sein, sodass das Kind selbstständig dorthin kommt. Natürlich gibt man sein Kind in andere Hände, und deshalb braucht man ein vertrauensvolles Verhältnis zum Verein, zu seinen Funktionsträgern und seinen Trainern. Wenn man sein Kind zum Training begleitet, dann sieht man schon, worauf der Fokus liegt. Und das sollten der Spaß am Spiel und die Ordnung im Team sein. Der Fußball-Lehrer Dettmar Cramer hat etwas sehr Wichtiges gesagt: Ordnung gibt Übersicht, Übersicht gibt Sicherheit, Sicherheit gibt Selbstvertrauen und Erfolg. Das ist eine Erkenntnis, die nicht nur zu unserem Sport passt.

In kleineren Kommunen gibt es oft nur einen Verein im Dorf. Was kann der klassische Dorfverein einem fußballbegeisterten Kind bieten, was anders strukturierte Vereine vielleicht nicht können – oder anders: Warum sollte ich mein Kind vielleicht lieber in Riesenbeck anmelden statt gleich beim VfL Osnabrück?

Lahm: Es ist nicht verkehrt, wenn man in Ibbenbüren oder Riesenbeck Vereine wie den VfL Osnabrück und die Sportfreunde Lotte in der nahen Umgebung hat. Das erleichtert die alltägliche Planung für die Familie. Und man muss sich keine Sorgenmachen, die Guten und Talentierten fallen auf, dafür haben wir in Deutschland die beschriebenen Strukturen. Wenn einer etwas besser kann, wird er gesehen.

Ist der klassische Dorfverein besser als sein Ruf? In wieweit sind gerade die kleinen Vereine vielleicht sogar das Rückgrat des deutschen Fußballs, weil sie die Kinder für den Sport begeistern?

Lahm: Diese pädagogische Qualifikation ist die wichtigste Kompetenz, die ein Trainer haben sollte. Deshalb muss ich mich als Trainer fragen: Warum mache ich das? Und er muss es für sich so beantworten: Weil ich Spaß an der Bewegung, am Sport, am Wettkampf habe und den Kindern Werte vermitteln will, die sie selbstbewusst machen. Die größte Wertschöpfung habe ich, wenn ich sehe, mit welcher Freude die Kinder dabei sind.

Welche Rolle kommt dabei Eltern zu?

Lahm: Es ist ihre Aufgabe, die Institution zu würdigen und anzuerkennen, was der Verein leistet und dieses auch ihren Kindern zu vermitteln. Dass es wertvoll ist, wenn Menschen Zeit aufbringen für die Betreuung und Ausbildung ihrer Kinder und dass dieses nicht selbstverständlich ist. Dann entsteht etwas, woran man sich gerne erinnert, egal, wie gut man als Fußballspieler ist oder war.

Sie waren 2002 mit der U23 des FC Bayern zu einem Hallenturnier in Ibbenbüren – welche Erinnerungen haben Sie noch daran?

Lahm: An das Turnier kann ich mich nicht mehr erinnern, aber an den Besuch des Bergwerks schon noch. Ich habe mehr Fußballspiele gespielt, als dass ich in einem Bergwerk war, deswegen weiß ich noch, wie die Grubenfahrt in über 1000 Meter Tiefe war.

Wie wird der Nachwuchs-, der Kinder-Fußball aus den Corona-Lockdowns herauskommen? Was können Vereine gerade jetzt für Kinder tun, um etwaige Folgen abzumildern?

Lahm: Ich hoffe sehr, dass die Kinder zurückkommen, hochmotiviert und mit dem Drang, sich draußen zu bewegen und kicken zu wollen. Die Vereine können mit ihnen in Kontakt bleiben, auch wenn es für Kinder natürlich am schönsten ist, mit ihren Freunden Fußball zu spielen. Die Vereine haben viele Möglichkeiten, sie können Kindern virtuelle Trainingsstunden anbieten und sie immer wieder neu ermuntern, selbst zu trainieren und auch einmal laufen zu gehen. Der Fußball an der Basis hat so einen großen Wert für die Gesellschaft. Deshalb müssen wir auf die Bedeutung der Vereine für die Ausbildung und Erziehung der Kinder hinweisen, damit auch alle wirklich zurückkommen.

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