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Fußball: Schiedsrichter-Alter

Jeder Referee willkommen – KSA-Chef Goncalves zum „Fall Gräfe“

Lüdinghausen/Krei...

Paulo Goncalves, Vorsitzender des Kreisschiedsrichterausschusses Ahaus/Coesfeld, spricht im Interview mit unserer Zeitung über Manuel Gräfe, den Sinn oder Unsinn von Altersbeschränkungen und die aktuelle Situation auf lokaler Ebene.

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Manuel Gräfe (2.v.r.) dürfte, wenn er wollte, künftig Lüdinghauser Ortsderbys leiten. Foto: Peperhowe/

Kaum etwas hat die Gemüter in den vergangenen Tagen so erhitzt wie der „Fall Manuel Gräfe“. Der überall (außer vielleicht in Teilen des DFB) hochgeschätzte Unparteiische darf ab dem Sommer keine Profispiele mehr leiten. Paulo Goncalves, oberster Referee im Fußballkreis Ahaus/Coesfeld, würde Gräfe mit Kusshand nehmen, wie er unserem Redaktionsmitglied Florian Levenig verraten hat.

Sollte Herr Gräfe sich melden, weil er auf Kreisebene weiter pfeifen will: Würden Sie ihn nehmen?

Goncalves: Aber selbstverständlich (lacht). In der A-Liga können wir jeden gebrauchen.

Altersgrenzen gibt es aber auch in den unteren Klassen, oder?

Goncalves: Auf Verbandsebene schon. In der Landesliga ist ebenfalls mit 47 Schluss. In der A-Liga zähle ich mit 51 zu den Ältesten, aktuell ist einer 60. In der Klasse darunter gibt es sogar 70-jährige Unparteiische. Wobei auch wir ab der B-Liga aufwärts Lauftests durchführen.

Fehlt einem mit 48 die Fitness, um in höheren Ligen Spiele zu leiten?

Paulo Goncalves, Vorsitzender des Schiedsrichterkreises Ahaus/Coesfeld, kann jeden Referee gebrauchen. Foto: Foto: Jürgen Primus

Goncalves: Natürlich nicht. Nehmen Sie hier aus dem Kreis Holger Derbort. Der ist Langstreckenläufer und steckt diesbezüglich alle jüngeren Kollegen in die Tasche.

Die Altersgrenze ist also Unsinn?

Goncalves: Da das auf Verbandsebene entschieden wird, habe ich kein Mitspracherecht in der Frage und mag mir auch kein Urteil anmaßen. Aber wenn Sie mich als Privatperson fragen: Man könnte diese Regel zumindest überdenken.

Andersrum gibt es auch hier junge Schiedsrichter, Philipp Hüwe aus Coesfeld zum Beispiel, die nach Höherem streben, denen aber der Weg verbaut bliebe, wenn Bundesliga-Schiris bis ultimo pfeifen.

Goncalves: Stimmt. Es kann nun mal im Profibereich nur eine begrenzte Zahl an Spielleitern geben. Aber noch mal: Auf Amateurebene ist die Lage teils so dramatisch, dass wir auf niemanden, der dazu in der Lage ist, verzichten können.

Hat Corona die Situation verschärft?

Goncalves: Zum Glück nicht. Fast alle, die ich kenne, sehnen sich danach, wieder auf dem Platz zu stehen.

Und was macht der Nachwuchs?

Goncalves: Schwieriges Thema. Wir hatten letztens einen Online-Anwärterlehrgang. Das funktioniert aber aus unserer Sicht nur bedingt – gerade in kniffligen Fragen. Deshalb werden wir – hoffentlich im Herbst – wieder zum Präsenzunterricht zurückkehren.

Spielt Erfahrung bei der Ansetzung eine Rolle?

Goncalves: Aber ja. Wenn brisante Ortsderbys anstehen, kommen eher die Routiniers zum Zuge. Wobei ich 18-, 19-Jährige kenne, die ähnlich gut damit umgehen könnten.

Mancher argwöhnt, Herr Gräfe dürfe in Wirklichkeit deshalb nicht mehr pfeifen, weil er hin und wieder angeeckt ist. Dürfen Unparteiische im Kreis Sie kritisieren, wenn ihnen was nicht passt?

Goncalves: Das erwarte ich sogar von den Kollegen. Ich bin doch nicht unfehlbar. Das, was man im Arbeitsleben betriebsblind nennt: Davor sind auch wir Funktionäre nicht gefeit.